Iran inszeniert Khameneis Beerdigung als Machtdemonstration
In Iran haben am Freitag die mehrtägigen Trauer- und Bestattungszeremonien für Ajatollah Ali Khamenei begonnen. Der langjährige oberste Führer des Landes war am 28. Februar bei amerikanisch-israelischen Luftangriffen getötet worden. Wie die «New York Times» berichtet, empfingen iranische Behörden am ersten Tag der Zeremonien zahlreiche ausländische Gäste, Geistliche, Vertreter verbündeter Milizen und iranische Funktionäre.
Die staatlichen iranischen Medien veröffentlichten Bilder von Besuchern, die vor Khameneis Sarg standen, beteten, sich verneigten oder weinten. Die Zeremonie fand in der Grossen Mosalla von Teheran statt, einem riesigen Gebetskomplex, in dem Khamenei während seiner jahrzehntelangen Herrschaft viele seiner wichtigsten Reden gehalten hatte.
Der Sarg war mit der iranischen Flagge bedeckt. Darauf lagen ein schwarzer Turban und ein schwarz-weiss kariertes Tuch, wie es Khamenei häufig trug. Der schwarze Turban verweist darauf, dass Khamenei als Geistlicher galt, der seine Abstammung auf den Propheten Mohammed zurückführt.
Eine Woche voller Zeremonien
Die Trauerfeiern sind auf mehrere Tage angelegt. Am Samstag soll die Öffentlichkeit Khameneis Sarg sehen können. Am Montag ist in Teheran eine grosse Prozession geplant. Anschliessend soll der Leichnam in heilige schiitische Städte im Irak gebracht werden, bevor Khamenei in seiner Heimatstadt Maschhad beigesetzt wird.
Dass die Beerdigung erst mehr als vier Monate nach seinem Tod stattfindet, zeigt laut der «New York Times», wie aussergewöhnlich die Lage in Iran seit den Angriffen der USA und Israels war. Die Regierung musste offenbar zunächst klären, ob sie ein solches Grossereignis überhaupt sicher durchführen kann.
Der Tod Khameneis markiert für Iran das Ende einer politischen Ära. Mehr als 37 Jahre lang bestimmte er als oberster Führer die Richtung der Islamischen Republik. Er war die zentrale Figur des Systems, kontrollierte die Grundlinien der Innen- und Aussenpolitik und prägte die politische Landschaft des Landes über Jahrzehnte.
Regierung will Stärke demonstrieren
Die iranische Führung nutzt die Trauerfeiern auch, um Stabilität zu zeigen. Nach Monaten von Krieg, Protesten, Internetabschaltungen und massiven Sicherheitsvorkehrungen soll die Inszenierung nach innen und aussen signalisieren, dass das System weiter funktioniert.
In Teheran waren am Freitag bereits überall Zeichen der Trauer zu sehen. Grosse schwarze Banner hingen an Brücken und Gebäuden. Auf Plakatwänden entlang wichtiger Strassen war Khameneis Porträt zu sehen. Einige Sujets zeigten ihn allein, andere gemeinsam mit seinem Sohn und Nachfolger Mojtaba Khamenei. Damit wird visuell der Übergang von einem Machtzentrum zum nächsten inszeniert.
Mojtaba Khamenei wurde im März zum neuen obersten Führer bestimmt. Öffentlich gezeigt hat er sich seither nicht. Unklar ist, ob er bei einem der Bestattungsrituale persönlich auftreten wird.
Nicht alle trauern
Die Regierung versucht, Khamenei als verehrten Führer von internationalem Rang darzustellen. Doch dieses Bild wird nicht von allen Iranerinnen und Iranern geteilt. Viele verbinden seine lange Herrschaft mit Repression, Korruption, wirtschaftlichem Niedergang und politischer Erstarrung.
Die «New York Times» weist ausdrücklich darauf hin, dass die Stimmen, die sie während der staatlich organisierten Zeremonien einfangen konnte, nicht repräsentativ für die gesamte iranische Bevölkerung sein müssen. Die Zeitung erhielt Zugang zu bestimmten Veranstaltungen, wurde dabei aber von einem staatlich bereitgestellten Übersetzer und einem Begleiter begleitet. Manche Befragte dürften sich deshalb kaum frei geäussert haben.
Dennoch gibt es auch echte Trauer unter Khameneis Anhängern. Eine 24-jährige Frau sagte der «New York Times» in Teheran, sie könne noch immer nicht glauben, dass Khamenei tot sei. Sie sei mit ihrer Familie aus Malard westlich der Hauptstadt angereist, um an den Zeremonien teilzunehmen.
Ausländische Delegationen reisen an
Nach Angaben der Organisatoren nahmen am Freitag mehr als 50 offizielle ausländische Delegationen an der Aufbahrung teil. Die Gästeliste zeigt, welche Netzwerke Iran auch nach dem Krieg noch mobilisieren kann.
Aus Russland wurde unter anderem Dmitri Medwedew erwartet, der frühere Präsident und heutige stellvertretende Vorsitzende des russischen Sicherheitsrats. Russland hatte Iran während des Kriegs mit Israel und den USA unterstützt. Umgekehrt hat Iran Russland in dessen Krieg gegen die Ukraine mit Drohnen beliefert.
China entsandte laut den hochrangigen Parlamentarier He Wei. Peking ist für Teheran wirtschaftlich von zentraler Bedeutung. China gehört seit Jahren zu den wichtigsten Abnehmern iranischen Öls.
Auch Vertreter schiitischer Gemeinschaften aus dem Ausland waren anwesend, darunter Delegationen aus Pakistan. Iran will Khamenei während der Zeremonien nicht nur als politischen Führer, sondern auch als schiitische Autorität mit internationaler Anhängerschaft darstellen.
Milizen und regionale Akteure vor Ort
Anwesend waren laut iranischen Staatsmedien auch Vertreter iranisch verbündeter Milizen aus dem Irak, darunter Kataib Hisbollah. Die Gruppe hat in den vergangenen Monaten US-Ziele im Irak angegriffen. Ebenfalls zu sehen waren Angehörige getöteter Anführer der libanesischen Hisbollah, die von Iran unterstützt wird.
Auch die irakische Führung war vertreten. Der irakische Präsident Nizar Amedi und Parlamentspräsident Haibat al-Halbousi nahmen an den Zeremonien teil. Ihr Besuch fällt in eine heikle Phase: Die neue Regierung in Bagdad steht unter wachsendem Druck, ihre engen Beziehungen zu Iran zu lockern.
Die Trauerfeier brachte zudem Akteure zusammen, die sonst in Konflikten oder indirekten Feindschaften stehen. So traf der Präsident der autonomen Kurdenregion im Irak, Nechirvan Barzani, iranische Vertreter. Seine Region beherbergt iranisch-kurdische Exilgruppen, die seit Jahren in einem Schattenkonflikt mit den iranischen Revolutionsgarden stehen.
Taliban und deren Gegner bei derselben Zeremonie
Auch aus Afghanistan wurden prominente Gäste erwartet. Zu den Teilnehmern gehörten nach Angaben der «New York Times» Mullah Abdul Ghani Baradar, einer der einflussreichsten Taliban-Vertreter, sowie Taliban-Aussenminister Amir Khan Muttaqi.
Gleichzeitig war auch Ahmad Massoud zu sehen, der Sohn des legendären Anti-Taliban-Kommandanten Ahmad Shah Massoud. Er führt heute aus dem Ausland eine der wichtigsten Oppositionsgruppen gegen die Taliban. Dass Vertreter der Taliban und einer ihrer bekanntesten Gegner bei derselben Trauerfeier auftauchten, zeigt die besondere diplomatische Reichweite solcher Zeremonien in der Region.
Aus Pakistan wurden Premierminister Shehbaz Sharif und Armeechef Syed Asim Munir erwartet. Pakistan steht derzeit in einem angespannten Verhältnis zu Afghanistan, wirft den Taliban Unterstützung für militante Gruppen vor und war seit Ende Februar in einen Konflikt verwickelt, bei dem Hunderte Menschen getötet wurden.
Teheran bereitet sich auf Grossaufmarsch vor
In Teheran bereiteten sich die Behörden bereits am Freitag auf die öffentlichen Trauerveranstaltungen der kommenden Tage vor. Strassen wurden gesperrt, Sicherheitskräfte waren in grosser Zahl im Zentrum sichtbar, viele Geschäfte blieben geschlossen. Die Behörden sprechen von einer der grössten öffentlichen Versammlungen in der Geschichte der Islamischen Republik.
Freiwillige richteten entlang der geplanten Routen Verpflegungsstellen ein. Ein Helfer sagte der «New York Times», allein an seinem Standort sollten rund 300'000 Wasserflaschen verteilt werden. Zudem seien Eier, Linsen, Wassermelonen und Snacks für die Trauernden vorbereitet worden.
Für die iranische Führung ist die Beerdigung damit weit mehr als ein religiöses Ritual. Sie ist ein Versuch, nach Monaten schwerer Erschütterungen Stärke zu zeigen, Loyalität sichtbar zu machen und den Machtwechsel auf Mojtaba Khamenei als geordneten Übergang erscheinen zu lassen. Ob dieses Bild auch ausserhalb der inszenierten Trauerveranstaltungen trägt, ist eine andere Frage. (mke)
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