Meloni kritisiert Richter: «Wer erklärt es der Familie?»
Eine Entscheidung eines Richters in Turin hat die italienische Ministerpräsidentin Giorgia Meloni fassungslos gemacht. Ein 42 Jahre alter Angestellter eines Lebensmittelladens war wegen sexueller Übergriffe auf ein 13-jähriges Mädchen und eine Frau am vergangenen Wochenende im Turiner Stadtteil Madonna di Campagna nahe Turin festgenommen worden. Nach zwei Tagen wurde der Mann aus Bangladesch aus dem Gefängnis entlassen, obwohl die Staatsanwaltschaft Haft beantragt hatte.
Der Mann hatte laut italienischen Medienberichten vor dem Richter gesagt, er habe einen Fehler begangen, den er bereue. Das reichte dem Richter, ihn auf freien Fuss zu setzen – er muss sich aber bei der Polizei melden.
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«Volle Solidarität mit dem Mädchen»
Die italienische Ministerpräsidentin Giorgia Meloni zeigte sich auf Facebook fassungslos. «Die Ordnungskräfte haben ihre Pflicht getan, in wenigen Stunden. Ausgezeichnet. Die Staatsanwaltschaft hat die härteste Massnahme beantragt. Die gesamte Kette hat funktioniert». Die Entscheidung des Richters habe das Ganze «in 48 Stunden zunichtemachte». Sie werde eine Untersuchung einleiten, mehr könne sie nicht tun. «Wer erklärt das dieser Familie? Wer erklärt das diesem Viertel, das heute Nacht weiss, dass dieser Mann wieder dort ist?», schrieb sie auf Facebook. «Meine volle Solidarität mit dem Mädchen und ihrer Familie», hiess es weiter.
Der italienische Justizminister Carlo Nordio bestätigte, dass es eine Untersuchung gebe und er Inspektoren entsenden werde. Gleichzeitig betonte er, dass die Entscheidung in den Bereich der richterlichen Unabhängigkeit falle.
Videokamera nahm Vorfall auf
Die italienische Vereinigung der Richter (Associazione Nazionale Magistrati) kritisierte die Aussagen der Regierung in Rom, wie unter anderem die Zeitung «La Repubblica» berichtete. Ihr Präsident Giuseppe Tango verurteilte die «diversen Angriffe hochrangiger Regierungsvertreter, die über blosse Kritik hinausgegangen sind». Zudem bezeichnete er die Entsendung der Inspektoren als «unorthodox».
Der Vorfall nahe Turin hatte in den sozialen Medien grosse Aufmerksamkeit erhalten. Videoaufnahmen aus dem Laden, in dem das Mädchen und die Frau einkaufen gewesen waren, sollen die Übergriffe zeigen. Der Ladenangestellte selbst hatte sie der Polizei übergeben.
Demonstration vor Polizeipräsidium
Vor dem Polizeipräsidium in Turin fand eine Demonstration unter dem Motto «Schliesst den Pädophilenmarkt!» statt. Sie wurde unter anderem von der Meloni-Partei «Fratelli d’Italia» (Brüder Italiens) organisiert. Vertreter der Partei nannten es «inakzeptabel», dass der Mann «wieder an seinen Arbeitsplatz zurückkehren kann, als wäre nichts geschehen».
Melonis Regierung war im März 2026 bei einem Referendum gescheitert, in dem über eine geplante Justizreform abgestimmt wurde. Ihre Regierung wollte unter anderem die Laufbahnen von Richtern und Staatsanwälten trennen, den Obersten Rat der Justiz aufspalten und ein neues Disziplinargericht für Juristen einrichten. Kritiker warfen ihr vor, die Selbstverwaltung der Justiz einzuschränken und politischen Einfluss aufzubauen.
Verwendete Quellen:
- facebook.com: Beitrag von @giorgiameloni.paginaufficiale
- repubblica.it: "Violenta tredicenne in un minimarket: scarcerato. Meloni contro i giudici, arrivano gli ispettori" (Italienisch, kostenpflichtig)
- ilsole24ore.com: "Man acquitted after assault on 13-year-old; following Meloni’s outburst, the ANM responds: ‘Unsubstantiated attacks’" (Englisch)

