Wohin mit den Kindern? Nach dem Massenansturm beginnt in Ceuta die nächste Krise
Der kleine Junge wirkt verloren. Er weint. Videos zeigen, wie drei Soldaten der spanischen Legion ihn auf der Strandpromenade von Ceuta zu einem Militärwagen bringen, mit dem er auf eine Polizeiwache zur Identifizierung gebracht werden soll. Der Junge ist vielleicht zehn oder elf Jahre alt. Er trägt Flipflops, ein dunkelblaues T-Shirt und eine senfgelbe kurze Hose.
Immer wieder greift die Polizei auf der Strassen Ceutas minderjährige Migranten ohne Eltern auf, die sich unter den rund 60'000 hauptsächlich jungen marokkanischen Migranten befanden, die in der Nacht auf Freitag die spanische Nordafrika-Exklave stürmten. Die meisten von ihnen sind bereits mehr oder weniger freiwillig nach Marokko zurückgekehrt, nachdem ihnen klar wurde, dass sie weder bleiben noch aufs spanische Festland weiterreisen dürfen.
Dennoch halten sich nach offiziellen Schätzungen wahrscheinlich immer noch bis zu 5000 Migranten illegal in der Stadt und den angrenzenden Bergen versteckt. Sie warten anscheinend darauf, dass sich die Lage beruhigt und sie einen Versuch starten können, doch noch irgendwie aufs Festland zu kommen – und von hier aus eventuell auch weiter in andere EU-Länder.
Auf der Suche nach ihnen durchkämmen Soldaten der Legion und Beamte der paramilitärischen Guardia Civil seit Sonntag die Strassen der Kleinstadt. Die Vorgehensweise: Migranten mit nordafrikanischem Aussehen, die offensichtlich nicht minderjährig sind, werden mit Militärlastern direkt zum Grenzübergang zurückgebracht und abgeschoben. Marokko gilt für die EU als sicherer Drittstaat und sie haben praktisch keine Chance auf Asyl.
Schwarzafrikaner kommen aufgrund potenzieller Asylberechtigung ins temporäre Abschiebezentrum (CETI) am Strand von Benítez. Die offensichtlich Minderjährigen werden erst einmal sich selbst überlassen, aber nach und nach zu den Polizeiwachen gebracht, um dort ihre Identität und vor allem auch ihr Alter festzustellen. Viele sind allein nach Ceuta gekommen. Gewöhnlich führen sie keine Ausweispapiere mit sich, um mögliche Rückführungen zu ihren Familien in Marokko zu verhindern.
90 Leichen wurden bislang geborgen
Andere haben ihre Eltern im Chaos des Massenansturms auf die Exklave im Gewühl verloren – vielleicht sogar für immer. Bisher wurden 90 Leichen von Migranten geborgen, die beim Versuch, die ins Meer reichenden Grenzanlagen zu umschwimmen, ertrunken waren. Die Behörden rechnen nach Berichten von Polizeitauchern mit bis zu hundert weiteren Toten, die sich noch auf dem Meeresgrund befinden.
Die Minderjährigen unterstehen einem besonderen staatlichen Schutz und stellen die Kleinstadt von knapp 84'000 Einwohnern vor eine schwierige Aufgabe. Ceuta verfügt nur über ein speziell für unbegleitete, minderjährige Migranten ausgerichtetes Aufnahmezentrum mit 29 Betten.
Doch mit dem Migrantenansturm vom Freitag kamen 826 Minderjährige ohne Eltern in die Exklave an der marokkanischen Mittelmeerküste, die sich bereits in der Obhut der Behörden befinden. Weitere befinden sich aber noch in den Strassen, schlafen am Strand oder in Stadtparks. Die Stadtregierung geht von über 1000 Minderjährigen aus, die aufgenommen werden müssen.
Die meisten von ihnen müssen derzeit in einem Industriegebiet nahe der Grenze zu Marokko in einer provisorisch eingerichteten Lagerhalle untergebracht und betreut werden. Video- und Fernsehaufnahmen zeigen, wie die Minderjährigen in der Lagerhalle auf Matratzen oder auf dem Boden liegen. Es gibt einige weisse Plastikstühle. Jeder scheint eine Decke, eine Wasserflasche und ein paar Sandwiches bekommen zu haben.
25 Millionen für Betreuung von Minderjährigen
«Wir haben schlichtweg nicht die Kapazität, sie alle vernünftig unterzubringen, geben aber unser Bestes, die Situation schnellstmöglich zu verbessern», erklärte Alberto Gaitán, der für Migration zuständige Abteilungsleiter im Stadtrat, gegenüber spanischen Medien. Die Betreuung der Minderjährigen habe in der Grenzstadt «höchste Priorität». Am Dienstag stellte die spanische Zentralregierung von Ministerpräsident Pedro Sánchez Ceuta 25 Millionen Euro Extra-Hilfen für die Betreuung der minderjährigen Migranten zur Verfügung.
Dennoch sieht Fernando Redondo die Stadt vollkommen überfordert. «Die Kinder brauchen eine vernünftige Betreuung. Deshalb ist es nun wichtig, so viele wie möglich aufs spanische Festland zu bringen und sie dort angemessen unterzubringen und zu betreuen», so der Migrationsleiter der Spanischen Bischofkonferenz (CEE) im Gespräch mit «Schweiz heute».
Das dürfte aber gar nicht so leicht werden. Zwar wird auch Ceuta – wie die meisten anderen Regionen – von den Konservativen (PP) regiert. Doch seit über einem Jahr boykottiert die Partei von Oppositionsführer Alberto Núñez Feijóo das jüngste Ausländergesetz der sozialistischen Zentralregierung. Dieses verpflichtet die Regionen zur Aufnahme von minderjährigen Migranten aus Regionen, die unter einem besonders hohen Migrationsdruck stehen. (schweizheute.ch)
