Ich war am Berliner CSD – die Freiheit darf nicht an der Polizei-Absperrung enden
Am Samstag tanzten wir durch Berlin. Überall Regenbogenfahnen, Glitzer, laute Musik, Menschen auf Lovemobiles, Menschen, die sich küssten, lachten und feierten.
Ich war mit zwei Freundinnen am CSD. Für einen Tag gehörten die Strassen Menschen, die sich im Alltag oft fragen müssen, wie sichtbar sie sein dürfen. Kann ich diese Hand halten? Kann ich meinen Partner küssen? Kann ich dieses Top tragen, ohne angestarrt, beleidigt oder bedroht zu werden?
An einem Pride-Umzug werden diese Fragen leiser. Hunderttausende Menschen bewegen sich gemeinsam durch die Stadt. Rundherum die Polizei. Plötzlich ist das, was sonst auffällt, Teil einer grossen, sichtbaren Normalität.
Ein Pride-Umzug ist deshalb mehr als eine Parade. Er ist ein öffentlicher Schutzraum auf Zeit. Ein Ort, an dem Liebe nicht erklärt, versteckt oder entschuldigt werden muss.
Später wurde genau diese Freiheit angegriffen.
Ein Mann fuhr am Rand des Berliner CSD in eine Menschenmenge. Eine Frau starb, Dutzende wurden verletzt. Die Ermittler gehen von einem islamistischen Anschlag aus. Dieser geschah nicht auf dem eigentlichen Festivalgelände, sondern an dessen Rand, im Berliner Tiergarten. Dort, wo der besonders geschützte Raum endete und die gewöhnliche Öffentlichkeit wieder begann.
Das lässt mich nicht los.
Islamismus benennen
Auf dem Handy des Tatverdächtigen wurde laut Medienberichten ein Video gefunden, in dem er dem Islamischen Staat die Treue schwor. Er war den Behörden bereits als Islamist bekannt.
Diese Ideologie muss klar benannt und bekämpft werden. Religiös begründeter Extremismus richtet sich gegen die Grundlagen einer freien Gesellschaft. Queere Menschen sind für solche Bewegungen ein Feindbild, weil ihre Existenz für Selbstbestimmung steht.
Wer aus Angst vor rassistischer Instrumentalisierung nur allgemein von «Hass» spricht, beschreibt die Tat unvollständig. Doch ebenso falsch wäre der kurzsichtige Schluss: die Tat mit Herkunft oder Migration an sich zu erklären.
Der Attentäter war deutscher Staatsbürger mit libanesischen Wurzeln. Nach Angaben seines Vaters wuchs er in einer schiitischen Familie auf. Gleichzeitig wollte er sich offenbar dem IS anschliessen – einer Terrororganisation, die Schiitinnen und Schiiten verfolgt und ermordet.
Diese Widersprüchlichkeit zeigt, wie wenig Herkunft allein erklärt. Entscheidend ist die Ideologie: ihre Netzwerke, ihre Propaganda, ihre Verachtung für Freiheit, Frauen und queere Menschen.
Hass nicht weiterreichen
Bereits jetzt versuchen rechte Parteien wie die AfD, den Anschlag in ihre Migrations-Erzählung einzupassen. Die Berliner AfD machte nach der Tat die «katastrophale Migrationspolitik der vergangenen Jahre» mitverantwortlich. Aus einem islamistischen Anschlag wird so sehr schnell eine Anklage gegen Migration insgesamt.
Damit ist queeren Menschen nicht geholfen. Die grosse Mehrheit hat mit islamistischem Terror nichts zu tun. Und gerade unter Musliminnen und Muslimen leben queere Menschen, die von dieser Ideologie selbst bedroht werden.
Der Berliner CSD-Verein hat deshalb beides getan: den islamistischen Terror als konkrete Bedrohung benannt und zugleich davor gewarnt, die Tat für Hetze gegen Musliminnen und Muslime oder Menschen bestimmter Herkunft zu instrumentalisieren.
Genau das braucht es – sonst wird der Hass nur weitergereicht.
Ein Schutzraum hinter Absperrungen reicht nicht
Der diesjährige Berliner CSD stand unter dem Motto «Haltung ist hot». Zu den politischen Forderungen gehörte ein wirksamerer Kampf gegen Hasskriminalität. Nach diesem Wochenende ist klar, wie dringlich diese Forderung ist.
Viele queere Menschen fühlen sich nur an einem Pride-Umzug frei genug, ihre Kleidung, ihre Körper und ihre Liebe so zu zeigen, wie sie möchten. Auf dem Heimweg verändert sich das wieder. Der Regenbogen-Sticker wird entfernt. Über das Glitzertop kommt eine schwarze Jacke. Die Hand des Partners wird losgelassen, bevor man in die nächste Seitenstrasse einbiegt.
Queere Freiheit zeigt sich nicht daran, wie bunt eine Stadt während eines Umzugs wirkt. Ein Schutzraum, der nur einmal im Jahr und hinter Absperrungen existiert, reicht nicht.
Queere Freiheit zeigt sich auf dem Weg zum Bahnhof. Im Nachtbus. Vor der Schule. Im Quartier. Dort, wo keine grosse Menge und keine Polizeikette Schutz bieten.
Dafür braucht es Menschen, die widersprechen, wenn queere Personen beleidigt werden. Behörden, die Bedrohungen ernst nehmen. Und eine Politik, die religiösen Extremismus bekämpft, präventiv arbeitet, ohne daraus einen Generalverdacht gegen Musliminnen und Muslime zu formen.
Der Anschlag in Berlin hatte das Ziel, queere Sichtbarkeit in Angst zu verwandeln. Unsere Antwort muss dafür sorgen, dass die Freiheit des CSD nicht an der letzten Polizei-Absperrung endet.
Denn die Liebe zwischen Menschen ist keine Gefahr für unsere Gesellschaft.
Sie ist einer der Gründe, warum es sie gibt.
