Kuba: Tourismus bricht ein – 94 Prozent leben in extremer Armut
94 Prozent der Kubaner leben nach aktuellen Angaben des Kubanischen Menschenrechtsobservatoriums (OCDH) in extremer Armut. Acht von zehn haben den Angaben nach in den vergangenen zwölf Monaten mindestens eine tägliche Mahlzeit ausfallen lassen müssen – aus Geld- oder Lebensmittelmangel.
Yaxys Cires lebt als Exilkubaner in Spanien. Der Jurist und Menschenrechtsaktivist ist strategischer Direktor des OCDH. Im Gespräch mit t-online mahnt Cires eine «wachsende Verarmung kubanischer Familien» an. Dass der Tourismus, einer der wichtigsten Wirtschaftszweige der Karibikinsel, im Zuge der US-Sanktionen beinahe zum Erliegen gekommen ist, verschärft die Krise zusätzlich.
Der Niedergang kam nicht plötzlich. «Der Rückgang des Sektors hatte sich bereits seit Jahren abgezeichnet», sagt Cires. Offiziellen kubanischen Zahlen zufolge kamen 2024 noch 2,2 Millionen internationale Touristen auf die Insel – 9,6 Prozent weniger als im Jahr zuvor und – abgesehen von den Pandemiejahren – der niedrigste Wert seit 17 Jahren.
Staatsform Kubas
Kuba ist ein zentralistisch organisierter, sozialistischer Inselstaat. Die führende Rolle der Kommunistischen Partei (PCC) ist per Verfassung festgeschrieben. Der Staat bezieht seine Legitimität aus der Revolution von 1959 unter Fidel Castro sowie der Abgrenzung zu den USA und deren harter Sanktionspolitik.
Absturz immer deutlicher sichtbar
«Allerdings hat sich die Katastrophe 2025 noch verschärft», sagt Cires. Zum Vergleich verweist er auf die Dominikanische Republik: Sie zählte 2024 mehr als elf Millionen Besucher und damit fünfmal so viele wie Kuba.
Inzwischen ist der Absturz immer deutlicher sichtbar. Hotels verlieren ihre ausländischen Betreiber, Airlines streichen ihre Verbindungen, Reiseveranstalter nehmen Kuba aus dem Programm. Die leeren Hoteltürme muten an wie Geisterkulissen.
Grosse Hotelketten ziehen sich aus Kuba zurück
Im Sommer erreichte der Rückzug ausländischer Tourismusunternehmen eine neue Dimension. Die spanische Hotelgruppe Meliá stellte im Juli sämtliche Management- und Vermarktungsaktivitäten für ihre 34 kubanischen Hotels ein. Zuvor hatten bereits Iberostar und Barceló ihre Tätigkeit auf der Insel beendet. Damit verschwanden binnen weniger Wochen die drei wichtigsten spanischen Hotelketten aus dem kubanischen Markt.
Die Unternehmen reagierten damit auch auf die nochmals verschärften Sanktionen der USA. Washington hatte den Druck auf ausländische Firmen erhöht, die mit staatlichen kubanischen Unternehmen und insbesondere dem mächtigen Militärkonglomerat Gaesa Geschäfte machen.
Meliá nannte neben der geopolitischen Lage auch rechtliche, wirtschaftliche und operative Schwierigkeiten als Grund für seinen Rückzug. Für Kuba trifft diese Entwicklung einen Sektor, in den der Staat über Jahre erhebliche Mittel gelenkt hat.
Einnahmen landen nicht in Taschen der Menschen
«Der Sektor wird von dem Militärkonglomerat Gaesa dominiert», sagt Cires. Deshalb fliesse ein Grossteil der Einnahmen «in die Kassen dieses Konsortiums und an ausländische Investoren».
Besonders kritisch sieht er die politischen Prioritäten der vergangenen Jahre. «Obwohl im Staatshaushalt dem Tourismus Vorrang gegenüber Infrastruktur und lebenswichtigen Dienstleistungen für die Bevölkerung eingeräumt wurde, gibt es keine Transparenz darüber, wohin die Einnahmen tatsächlich fliessen.»
Während der Corona-Pandemie und in den Jahren danach seien «Dutzende Luxushotels» gebaut worden, obwohl die Besucherzahlen bereits einbrachen. «Gleichzeitig befanden sich die Krankenhäuser in einem Zustand schweren Verfalls», sagt Cires. Das sei «zumindest beunruhigend» gewesen.
Auch die Flugverbindungen brechen weg
Doch selbst vorhandene Hotelbetten lassen sich kaum füllen, wenn die Touristen die Insel nicht mehr erreichen. Auch das Flugangebot nach Kuba ist massiv geschrumpft.
Besonders schwer wiegt der Rückzug aus Kanada. Das Land war über Jahre einer der wichtigsten Herkunftsmärkte für Kubas Tourismus. WestJet stellte seine Kuba-Flüge auf unbestimmte Zeit ein. Der zum Konzern gehörende Anbieter Sunwing Vacations setzte ebenfalls sämtliche Kuba-Angebote aus.
Auch mehrere bedeutende internationale Fluggesellschaften haben ihre Verbindungen gestrichen oder ausgesetzt, darunter Air France, Turkish Airlines, Iberia und World2Fly.
Zehntausende Kubaner könnten Einkommen verloren haben
Wie viele Menschen durch den Einbruch inzwischen ihre Arbeit oder ihre Einnahmen verloren haben, lässt sich nur schwer beziffern. Cires schätzt die Zahl auf 25'000 bis 30'000 Beschäftigte. Dabei profitierten viele kubanische Beschäftigte nach seinen Angaben schon vor dem Zusammenbruch nur eingeschränkt von den Löhnen ausländischer Unternehmen.
«Diese Menschen konnten weder direkt von den Unternehmen oder internationalen Investoren eingestellt noch direkt von ihnen bezahlt werden», sagt Cires. Die Beschäftigung sei über staatliche Vermittlungsstellen gelaufen, «die bis zu 90 Prozent des Gehalts einbehielten». Der Menschenrechtsaktivist spricht von einem «offen missbräuchlichen System».
Für viele Kubaner bedeutete der internationale Tourismus dennoch Zugang zu Geld, Trinkgeldern, Waren – und zu Menschen von ausserhalb der weitgehend abgeschotteten Insel. Mit den Besuchern verschwindet auch ein Teil dieses Austauschs.
«Zusammenbruch grundlegender öffentlicher Dienstleistungen»
Gleichzeitig verschärft sich die Versorgungskrise. «Kuba erlebt heute einen Zusammenbruch seiner grundlegenden öffentlichen Dienstleistungen – Strom, Wasser, Müllabfuhr und Gesundheitswesen. Hinzu kommt ein Anstieg der Kriminalität», sagt Cires. Unter diesen Bedingungen gebe es «keinerlei Aussicht auf eine kurzfristige Erholung des Tourismussektors».
Auch Versuche Havannas, neue Urlaubermärkte zu erschliessen, hätten bislang wenig bewirkt. Zeitweise setzte die Regierung grosse Hoffnungen auf Reisende aus Russland und China. «Der russische Tourismus hatte einen vorübergehenden Boom, ist inzwischen aber wieder zurückgegangen», sagt Cires. Auch der chinesische Markt habe sich nicht wie erhofft entwickelt.
Was verbindet Kuba und Russland?
Auf staatlicher und diplomatischer Ebene werden Kuba und Russland oft als «Bruderstaaten» oder Verbündete bezeichnet. Historisch und ideologisch betrachtet teilen sie das Erbe des Sozialismus und den Kampf gegen den Imperialismus. Nach der kubanischen Revolution 1959 und dem US-Embargo wurde die Sowjetunion zu Kubas wichtigstem Partner. Auch nach dem Ende der Sowjetunion intensivierten sich die Beziehungen wieder. Beide Staaten betrachten sich heute als strategische Verbündete.
Für Tausende Kubaner, die direkt oder indirekt vom Tourismus lebten, schrumpft damit eine der wenigen verbliebenen Möglichkeiten, ausserhalb des staatlichen Lohnsystems an zusätzliche Einnahmen zu gelangen.
Verwendete Quellen:
- Interview mit Yaxys Cires, Strategiedirektor des OCDH
- elmundo.es: "El 94% de los cubanos vive en la pobreza extrema, según el Observatorio Cubano de Derechos Humanos" (spanisch)
- facebook.com: "Observatorio Cubano de Derechos Humanos"
- kubakunde.de: "OCDH-Bericht: 94 Prozent der Kubaner leben in extremer Armut"
- investing.com: "Spanish hotel chain Melia completes exit from Cuba" (englisch)
- efe.com: "El 94 % de los cubanos viven en extrema pobreza, según el Observatorio de Derechos Humanos" (spanisch)
- dialogopolitico.org: "Yaxys Cires: Cuba"

