Kampf um Abtreibungen: Liechtensteiner Frauen legen sich mit dem Erbprinzen an
Was für ein Tabu der Schwangerschaftsabbruch in ihrer Heimat ist, wurde Gabriella Alvarez-Hummel erst bewusst, als sie weit weg war. Die Liechtensteinerin hielt sich in Argentinien auf, dem Herkunftsland ihrer Eltern, als dort 2020 Abtreibungen legalisiert wurden. Dass dort Tausende Frauen auf die Strasse gingen, um für ihr Recht zu kämpfen, beeindruckte Alvarez-Hummel. Und war der Startpunkt für ihr eigenes Engagement.
Heute kämpft sie dafür, dass Frauen auch in Liechtenstein die Möglichkeit haben, eine Schwangerschaft abzubrechen. Alvarez-Hummel ist Mitinitiantin einer Volksinitiative im Fürstentum, die die Fristenlösung einführen will. Heisst: In den ersten zwölf Schwangerschaftswochen soll eine Abtreibung grundsätzlich straffrei sein. So, wie dies auch in der Schweiz gilt.
Derzeit läuft die Unterschriftensammlung. 1000 Unterschriften innert sechs Wochen sind im Fürstentum nötig, damit die Initiative zustandekommt. Ende Juli läuft die Frist aus. Wo man derzeit steht, gibt das Komitee nicht bekannt. Alvarez-Hummel zeigt sich aber zuversichtlich. Dass die Initiative zustande kommen wird, ist so gut wie sicher. Voraussichtlich im November dürfte die Abstimmung stattfinden.
Nicht nur Abtreibungs-, sondern auch Informationsverbot
In Liechtenstein sind heute nicht nur Abtreibungen verboten. Es ist Ärztinnen und Ärzten auch untersagt, Frauen darüber zu informieren oder zu beraten. Eine Abtreibung ist nur ausnahmsweise erlaubt, wenn sie zur Rettung der Schwangeren nötig ist oder die Schwangerschaft aus einer Vergewaltigung resultiert. Damit hat das Fürstentum eines der strengsten Abtreibungsgesetze Europas.
«Frauen, die die Schwangerschaft abbrechen möchten, sind völlig auf sich allein gestellt», sagt Alvarez-Hummel. Die freie Journalistin und Texterin, die heute in Zürich lebt, hat Interviews mit mehreren Frauen aus Liechtenstein geführt, die trotz des Verbots abgetrieben haben. Sie gehen dafür meist nach Chur oder St. Gallen oder in eine Klinik in Österreich. Seit 2015 ist eine Abtreibung im Ausland straffrei, vorher drohte auch dann eine Geld- oder Gefängnisstrafe.
«Die Frauen mussten sich oft selbst durchtelefonieren, was für sie belastend war.» Die Rechtsunsicherheit sei gross, ein weiterer Knackpunkt seien die Kosten. 700 bis 2500 Franken kostet eine Abtreibung ungefähr. Liechtensteinerinnen müssen die Rechnung heute selber zahlen.
Die Initiative will auch das ändern. Künftig sollen die Kosten von der Krankenkasse übernommen werden, so wie bei einer Krankheit. Dies entspricht der heutigen Regelung in der Schweiz – wobei das Parlament jüngst beschlossen hat, dass bei einer Abtreibung künftig weder Franchise noch Selbstbehalt bezahlt werden muss. Ab 2027 sind Abtreibungen in der Schweiz damit in jedem Fall kostenfrei.
Erbprinz kündigte Veto an
Liechtenstein profitiere aktuell davon, «dass Nachbarländer die medizinische Versorgung übernehmen, während Betroffene im eigenen Land mit Strafbarkeit, Stigma, Unsichtbarkeit und zusätzlicher Belastung konfrontiert bleiben», schreiben die Initiantinnen in den Erläuterungen zur Initiative. Hinter dem Volksbegehren stehen Privatpersonen und Organisationen, die sich für Gleichstellung starkmachen. Unterstützt wird die Initiative von der linken Jugendorganisation Junge Liste und der ihr nahestehenden Partei Freie Liste.
Die Initianten haben einen schweren Stand im konservativen Fürstentum. Ihr grösster Kontrahent ist gleichzeitig der mächtigste Mann im Ländle: Erbprinz Alois. Liechtensteins Monarchie schreibt vor, dass er bei jedem Gesetz das letzte Wort hat.
Und der Erbprinz hat bereits angekündigt, dass er in diesem Fall von seinem Vetorecht Gebrauch machen werde. «Es geht mir um ein grundsätzliches Bekenntnis zum Schutz des Lebens», sagte der Monarch in einem Interview mit dem «Liechtensteiner Vaterland». Während die Aufhebung des Abtreibungsverbots für ihn tabu ist, zeigt er sich aber offen, das Informationsverbot zu streichen.
Bereits vor 15 Jahren hatte Erbprinz Alois mit dem Veto gedroht. Damals stimmten die Liechtensteinerinnen und Liechtensteiner bereits einmal über eine Entkriminalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen ab. Die Initiative wurde knapp abgelehnt. Seither sei das Thema in einem «schwarzen Loch» verschwunden, sagt Gabriella Alvarez-Hummel. Man mache einen grossen Bogen ums Thema, da von vielen Liechtensteinerinnen und Liechtensteinern eine Positionierung gegen das Abtreibungsverbot als Positionierung gegen das Fürstenhaus verstanden werde.
«Viele fanden: Jetzt erst recht»
Alvarez-Hummel und ihre Mitstreiterinnen lassen sich davon nicht abschrecken. Sie hätten damit gerechnet, dass das Fürstenhaus seine Meinung zu diesem Thema nicht geändert hat, sagt sie. «Wir hätten uns aber gewünscht, dass sich der Erbprinz etwas länger zurückhält.»
Wobei die Veto-Androhung in erster Linie dafür gesorgt habe, dass ihr Anliegen mehr Aufmerksamkeit erhielt. «Viele Leute fanden: Jetzt erst recht.»
Dass der Kampf angesichts des Widerstands des Fürstenhauses jetzt schon verloren ist, findet Gabriella Alvarez-Hummel nicht. «Wir wollen, dass sich die Situation für die betroffenen Frauen verbessert. Dafür ist es wichtig, dass überhaupt eine Debatte geführt wird.» (schweizheute.ch)

