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Russland: Neue Erkentnisse zur Todesursache von Alexej Nawalny

Wurde Alexej Nawalny vergiftet? Neue Erkenntnisse zum Tod des Kremlkritikers

Als Alexej Nawalny im Februar dieses Jahres in einer Strafkolonie in Sibirien starb, wurden von der russischen Regierung natürliche Ursachen angeführt. Eine Recherche deutet nun auf das Gegenteil hin.
30.09.2024, 17:2130.09.2024, 18:06
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Um den Kremlkritiker Alexej Nawalny wurde weltweit getrauert, hier in Gijon in Nordspanien.Bild: keystone

Er soll eines natürlichen Todes gestorben sein, so die offizielle Version der russischen Regierung, die nun zu bröckeln beginnt.

Alexej Nawalny, Kremlkritiker, soll am 15. Februar 2024 in einem russischen Straflager in Sibirien bei einem Spaziergang zusammengebrochen sein und konnte nicht wiederbelebt werden. Herzstillstand, hiess es, «keine kriminelle Ursache».

Dass das der Wahrheit entspricht, daran wurde schnell gezweifelt, zumal Nawalnys Mutter sich tagelang um die Herausgabe seines Leichnams bemühen musste. Als er endlich freigegeben wurde, wurde er auf einem Moskauer Friedhof bestattet – ohne dass es vorher eine Autopsie gegeben hatte, bei der vielleicht die Todesursache hätte festgestellt werden können.

Jetzt veröffentlichte das russischsprachige Online-Medium The Insider Recherchen, die nicht nur neue Zweifel an der offiziellen Version eines natürlichen Todes aufkommen lassen, sondern sogar Beweise liefern, die auf eine Vergiftung Nawalnys hindeuten.

Laut dem Chefredaktor Roman Dobrochotow sollen hierfür Hunderte offizielle Behördendokumente ausgewertet worden sein. Diese enthielten zwar keine direkten Hinweise auf mögliche Hintermänner der Vergiftung Nawalnys und seien auch keine offiziellen Dateien, etwa im PDF-Format mit Stempeln und Unterschriften.

Widersprüchliche Berichte

Dennoch haben ihre Inhalte die Journalisten und Journalistinnen stutzig gemacht. So stand zum Beispiel in einem ersten Bericht, dass Nawalny über Magenkrämpfe und Bauchschmerzen geklagt, sich erbrochen und sein Bewusstsein verloren habe. Solche Symptome entsprechen laut Experten denen, die zu erwarten gewesen wären, wenn er vergiftet worden wäre.

In einem zweiten Bericht war darüber bereits nichts mehr zu lesen. Die Einträge scheinen systematisch entfernt worden zu sein.

Der Chefredaktor sagte in einem Interview mit dem russischen Fernsehsender Doschd: «Sie wollten kein Strafverfahren einleiten, beschrieben aber die Symptome mehr oder weniger wahrheitsgetreu. Und dann kratzten sie sich offenbar am Kopf und stellten fest, dass ihre Schlussfolgerung mit den Herzrhythmusstörungen überhaupt nicht zur Beschreibung passt.»

Denn Herzrhythmusstörungen führten nicht zu starken Unterleibsschmerzen oder Krämpfen. «Dies sind typische Vergiftungssymptome. Deshalb haben sie alles entfernt, was bei Untersuchungen auf eine Vergiftung hinweisen könnte.» Selbst Nawalnys Erbrochenes sei erst sichergestellt und analysiert worden. Später verschwanden auch diese Hinweise aus den offiziellen Dokumenten der russischen Behörden.

Dass sie den definitiven Beweis für eine Vergiftung Nawalnys nicht gefunden haben, räumt der Chefredaktor ein. Aber: «Ich habe keinen Zweifel daran, dass von Nawalnys Team eine umfassende Enthüllung kommen wird. Angekündigt haben sie diesen Plan. Und wir sind selbstverständlich bereit, mit allen russischen und ausländischen Ermittlern zusammenzuarbeiten, die sich mit dieser Angelegenheit befassen.»

Fraglicher Effekt

The Insider gilt in Russland seit über zwei Jahren als «unerwünschte Organisation» – wie viele unabhängige russische Medien. Aus diesem Grund operiert das Medium aus der Hauptstadt Lettlands, wo sich seit 2014 und spätestens seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine 2022 die meisten unabhängigen russischen Medien niedergelassen haben.

Aufgrund des unerwünschten Status des Mediums ist nicht davon auszugehen, dass die Recherchen die russische Regierung aus der Ruhe bringen werden.

Zumal schon der erste Vergiftungsversuch Nawalnys im Sommer 2020 immer wieder angezweifelt wurde – ebenso die darauffolgende Behandlung in Deutschland. Russlands Aussenminister Sergej Lawrow erklärte am Wochenende: «Er war bei ihnen in einem Zivilkrankenhaus, wo sie nichts bei ihm fanden. Dann wurde er in ein Militärspital verlegt, wo man diese Substanz fand: Nowitschok. Später schien er geheilt zu sein, kehrte zurück und starb hier.»

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17 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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N. Y. P.
30.09.2024 17:48registriert August 2018
Er soll eines natürlichen Todes gestorben sein, so die offizielle Version der russischen Regierung, die nun zu bröckeln beginnt.

Die zu bröckeln beginnt?

Natürlich wurde er ermordet. Oder man liess ihn verdursten. Was auch immer. Putin liess ihn aus dem Weg räumen. Da muss nichts mehr untersucht werden.
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Maurmer
30.09.2024 18:02registriert Juni 2021
"Er soll eines natürlichen Todes gestorben sein"

Aus dem Fenster stürzen ist auch eine häufige natürliche Todesursache in Russland. Insofern glaube ich natürlich den Offiziellen aufs Wort!
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SimbaderKönig
30.09.2024 17:27registriert August 2021
Ist es immer noch ein ? Ich denke das ist schon länger klar das es ein ! Ist.
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