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Journalismus in Kriegszeiten: Ein Treffen mit 5 russischen Journalisten

Journalismus zu Kriegszeiten: Fünf unabhängige Journalistinnen und Journalisten, die aus Russland nach Lettland geflüchtet sind.
Fünf unabhängige Journalistinnen und Journalisten, die aus Russland nach Lettland geflüchtet sind.Bild: watson/chiara jessica hess

«Das Leben, welches wir dort lebten, gibt es nicht mehr»

Seit dem Kriegsausbruch in der Ukraine sind hunderte Journalistinnen und Journalisten aus Russland nach Lettland geflüchtet. Aus dem europäischen Exil berichten sie kritisch über den Krieg. watson hat fünf von ihnen in Riga getroffen und sie gefragt, warum sie noch nicht aufgegeben haben.
22.02.2023, 05:2723.02.2023, 09:27
Elena Lynch
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Mit dem Krieg in der Ukraine kam die Zensur in Russland. Wer den Krieg als «Krieg» bezeichnet, muss mit 15 Jahren Gefängnis rechnen. Die meisten unabhängigen Medienschaffenden sind darum von Russland nach Riga geflüchtet – dem Zentrum des russischen Widerstandsjournalismus.

watson hat fünf russische Journalistinnen und Journalisten in Riga getroffen. Vier von ihnen gelten als «ausländische Agenten», also Personen, die politisch tätig sind und von der russischen Regierung als «vom Ausland unterstützt oder beeinflusst» erachtet werden. In Europa fühlen sie sich sicher(er) – und doch bleiben Bedenken: Niemand von ihnen wollte zu Hause interviewt werden. Stattdessen schlugen sie öffentliche Orte wie Costa Coffee vor.

Tikhon Dzyadko, 35, Chefredaktor TV Rain

watson trifft Tikhon Dzyadko in einer Filiale von Costa Coffee. Er hat nur 20 Minuten, trinkt nichts und springt aus dem Sessel, noch bevor er seinen letzten Satz schliesst. Dzyadko wuchs in einer aktivistischen Familie auf: Seine Eltern setzen sich seit der Sowjetzeit für Menschenrechte ein. Wie Dzyadko sprachen sie sich 2014 gegen die Annexion der Krim aus. Seine journalistischen Anfänge machte er unter anderem als Korrespondent für «Reporter ohne Grenzen» in Russland. Später arbeitete er für den ukrainischen Sender Inter in den USA. Seit 2019 ist er Chefredaktor bei TV Rain. Im März 2022 flüchtete er mit seiner Frau und seinen vier Kindern von Moskau über Istanbul nach Tiflis. Vier Monate später kamen sie nach Riga.

Journalismus in Kriegszeiten: Treffen an öffentlichen Orten wie Costa Coffee.
Treffen an öffentlichen Orten wie Costa Coffee.bild: watson/chiara jessica hess

«Meinen Kindern habe ich die Situation so erklärt: ‹Es gibt in Russland mehrere böse Menschen, einer von ihnen ist Wladimir Putin. Er hat einen schrecklichen Krieg begonnen. Weil eure Eltern gegen den Krieg und gegen den bösen Mann kämpfen, war es für sie gefährlich, in Moskau zu bleiben. Darum mussten wir weg. Aber sobald wir gewonnen haben, werden wir wieder zurückgehen.›

Wann das sein wird, weiss ich nicht. Jetzt müssen wir zuerst nach Amsterdam ziehen. Lettland entzog uns im Dezember die Sendelizenz, weil einer unserer Moderatoren in einer Livesendung die russische Armee als «unsere Armee» bezeichnete. Dass wir keine Lizenz haben, bringt nur dem Kreml etwas.

Nun haben uns die Niederlande eine Lizenz für fünf Jahre ausgestellt. So können wir wieder über Kabel senden. Unser Hauptsitz wird nach Amsterdam verlegt. Ein Teil der Belegschaft bleibt in Riga.

Meine Frau ist Nachrichtenchefin bei TV Rain. Sie und ich werden zwischen Riga und Amsterdam pendeln. Sobald das Schuljahr im Sommer vorbei ist, ziehen wir als Familie um. Vor einem Jahr mussten wir die Kinder in Moskau aus der Schule reissen, dann sind sie in Tiflis zur Schule, dann in Riga. Und ab Herbst in Amsterdam. Ich hoffe, das wird vorerst die letzte Station sein, damit wieder Stabilität einkehrt.

Verglichen mit Ukrainerinnen und Ukrainern sind wir in einer privilegierten Situation: Wir haben einen Job, eine Wohnung, einander. Wir wissen, wohin wir gehen werden und warum. Natürlich ist es nicht das, was man sich wünschen würde, aber es könnte schlimmer sein. Ich dachte nicht, dass ich Russland jemals verlassen werde. Aber ich dachte auch nicht, dass mein Land die Ukraine angreifen würde. Verzweifelte Zeiten, verzweifelte Taten.

Wir sind über Georgien gereist, weil man dort für die Einreise keine Visa braucht und bis zu einem Jahr bleiben kann. Wir haben Familie sowie Freundinnen und Freunde da. Meine Frau ist Georgierin. In Georgien wird viel Russisch gesprochen und es ist billig – wie in Lettland.

Wir sind nach Lettland, weil die Regierung in Riga ein Zentrum des russischen Widerstandsjournalismus etablieren und uns in administrativen Angelegenheiten unterstützen wollte. Ich war häufig hier, Freundinnen und Freunde besuchen. Riga war ein Ort, den ich kannte.

Tikhon Dzyadko, russischer Exiljournalist in Riga, bald Amsterdam, TV Rain, TV Doschd, aufgenommen im Februar 2023
Muss bald nach Amsterdam ziehen: Tikhon Dzyadko.bild: watson/chiara jessica hess

Und doch kannte ich ihn nicht gut genug: Ich habe das Trauma unterschätzt, das in Lettland durch die sowjetische Besetzung entstanden ist. Das Verhältnis zu Russland ist hier ein heikles Thema, obwohl – oder gerade weil – 30 Prozent der Bevölkerung Russisch sind und sprechen. Man fürchtet sich vor einer erneuten ‹Russifizierung›.»

Mikhail Danilovich, 37, freier Journalist

watson trifft Mikhail (Misha) Danilovich im Media Hub Riga. Danilovich flüchtete im März 2022 mit einem Freund von Perm nach Riga. Er hat sein Studium als Historiker und Geschichtslehrer abgeschlossen. Unterrichtet hat er nie. Stattdessen fing er als Journalist bei der Zeitung «Perm News» an. Heute ist er freischaffend. Im Mai 2022 gründete er The New Tab, eine Plattform für Geschichten, wie er sie selbst gerne schreibt: Aufwändig recherchiert und sorgfältig erzählt. Danilovich ist bescheiden: Er sagt, er spreche schlecht Englisch, hält dann doch das ganze Gespräch durch. Weiss er ein Wort nicht, spricht er es in den Google Übersetzer oder versucht es mit Pantomimen. Meint er «Protestieren», hält er sich ein unsichtbares Schild vor die Brust.

Journalismus in Kriegszeiten: Mikhail Danilovich an seinem Arbeitsplatz im Media Hub Riga.
Mikhail Danilovich an seinem Arbeitsplatz im Media Hub Riga.bild: watson/chiara jessica hess

«In einem Lied der russischen Rockband Nautilus Pompilius aus der Sowjetzeit gibt es die Strophe: ‹einige Wörter für die Küche, andere für die Strasse›. Das trifft jetzt wieder zu. Meine Freundinnen und Freunde in Russland lesen im Internet über Tod und Zerstörung in der Ukraine, dürfen aber im Büro oder in der Bar nicht sagen, was sie darüber denken. Dass sie immer noch in Russland sind, macht sie für mich zu Heldinnen und Helden.

Als Journalist ist man in Russland wie ein Spion. Als mein Auslandspass 2021 auslief, war ich nervös. Man sollte immer einen gültigen Pass, im Idealfall mit Schengen-Visum, und Geld haben, damit man flüchten oder sich einen neuen Laptop kaufen kann, wenn der alte von der Polizei beschlagnahmt wird. Kommt es zu einer Hausdurchsuchung, sollte man sich die Uhrzeit merken – für das Protokoll. Und man muss sich mit Cybersicherheit auskennen: regelmässig VPNs benutzen und Passwörter wechseln.

Die von mir mitgegründete Medienorganisation ‹Vierter Sektor› wurde 2021 zum ‹ausländischen Agenten› erklärt. Es war eine Vereinigung von freien Journalistinnen und Journalisten, die mit verschiedenen Redaktionen zusammenarbeitete und Medienprojekte durchführte, wie mein neues Projekt The New Tab jetzt. Wir wollen ein Spiegel der Gesellschaft sein, dokumentieren, was wirklich ist, ohne Kommentar.

Als die beiden Journalisten Iwan Golunow und Iwan Safronow festgenommen wurden, nahm ich an Gewerkschaftsstreiks teil. Beide Male kam die Polizei zu mir, das erste Mal, um mich zu verwarnen, das zweite Mal, um meine Daten zu kopieren. Ich vermute, dass ich auf deren schwarzer Liste stehe.

Anfang März fuhr ich mit einem Freund von Perm nach Moskau. Dort warteten wir eine Woche auf unsere Schengen-Visa. Wir wollten nach Prag, doch der Flug hätte 4000 Franken gekostet! Wir flogen nach Pskov und nahmen ein Taxi zur Grenze. Am 11. März überquerten wir zu Fuss die Grenze nach Lettland. Es war 4 Uhr morgens und kalt. Die Flucht kostete mich rund 1000 Franken – also all mein Erspartes.

Mikhail Danilovich, russischer Exiljournalist in Riga, aufgenommen im Feburar 2023
Träumt jede Nacht von seiner Heimat: Mikhail Danilovich.bild: watson/chiara jessica hess

In Riga fühle ich mich manchmal wie in Russland. Ich spreche ständig Russisch. Nur wenn ich in Euro bezahle, realisiere ich, dass ich in Europa bin. Ich fühle mich noch immer wie auf der Durchreise. Jede Nacht träume ich von meiner Stadt, meiner Nachbarschaft, meiner Wohnung, meiner Katze, meiner Familie, aber aufwachen tue ich in Riga.

Irgendwann habe ich das Wort ‹Immigration› ausgesprochen, danach ging es mir besser. Ich muss ein neues Leben anfangen und das alte zurücklassen. Ich lerne jetzt Lettisch.»

Anton Dolin, 47, freier Filmkritiker und Autor

watson trifft Anton Dolin in einem Teehaus in der Nähe der Oper. Er will danach ein Ballett besuchen. Seine Frau macht sich Sorgen um seine Sicherheit, wenn er mit Medien spricht. Er sagt: «Scheiss darauf!» Das sagt er öfter, doch ein Draufgänger ist er nicht. Dolin reiste im März 2022 von Moskau nach Riga, zusammen mit seiner Frau, seinen zwei Söhnen und seinem Hund. Letzterer heisst Lars, benannt nach dem Regisseur Lars von Trier. Obwohl Dolin ein Buch über von Trier geschrieben und ihn mehrmals interviewt hat, hat er ihm nie davon erzählt. Dolin zählt zu den wichtigsten russischen Filmkritikern, leitete lange «Iskusstvo Kino», das älteste Filmmagazin Europas. Im Oktober 2022 wurde er von der russischen Regierung zum «ausländischen Agenten» erklärt.

Opernhaus in Riga
Wie in Moskau geht Anton Dolin in Riga gerne in die Oper. bild: watson/chiara jessica hess

«Als wir am 5. März unsere Wohnung in Moskau verliessen, um nach Riga zu reisen, prangte ein grosses ‹Z› auf unserer Tür. Alle Flugverbindungen in den Westen waren bereits aufgehoben. Wir nahmen einen Zug nach Pskov, eine Stadt im Nordwesten des Landes, nahe der Grenze zu Estland, stiegen dort in einen Bus um und überquerten die Grenze nach Lettland zu Fuss.

Dem Grenzbeamten sagten wir, dass wir meine Mutter in Frankreich besuchen würden, die dort ein Haus hat. Als wir in Riga ankamen, zirkulierte auf Telegram bereits die Nachricht, dass ich mit meiner Familie nach Frankreich geflüchtet sei. Da wurde mir klar: Ich wurde abgehört.

Ich hatte eine Einladung ans Artdocfest in Riga, das vom 3. bis 8. März stattfand. Meine Frau sollte mit. Sie begleitet mich oft an solche Anlässe. Innerhalb einer Woche mussten wir entscheiden: Wie viele Koffer packen wir? Nehmen wir die Kinder, den Hund mit? Wann kommen wir zurück? Auf dem Weg nach Riga realisierten wir: Eine Rückkehr wäre zu riskant.

Wir nahmen mit, was wir als wertvoll erachteten. Mein jüngerer Sohn packte Plüschtiere ein, der ältere die Playstation. Meine Frau nahm Schmuck mit. Und ich ungelesene Bücher. Mir schien die Idee, sie nie zu lesen, unerträglich. Eins habe ich inzwischen fertig gelesen: ‹To Paradise› von Hanya Yanagihara. Weil es auf Englisch war und 700 Seiten hatte, brauchte ich fast ein Jahr dafür, aber es war nahezu perfekt.

Journalismus in Kriegszeiten: Anton Dolin verstand sich einst als russischer Patriot.
Verstand sich einst als russischer Patriot: Anton Dolin.bild: watson/chiara jessica hess

Uns fehlt Moskau. Der einzige Trost ist: Das Leben, welches wir dort lebten, gibt es nicht mehr. Das muss ich mir wie ein Mantra immer wieder sagen.

Warum wir gehen mussten? Ich bin bekannt, mein Interview mit dem russischen YouTuber Yury Dud haben 13 Millionen Menschen gesehen. Und ich äussere mich politisch. Am Tag des Kriegsausbruchs war ich in Samara, einer Industriestadt im Südosten des Landes, zu einem Podium eingeladen. Ich sprach nicht über Film, sondern über Krieg – und erhielt Applaus. Meine Bücher sind mittlerweile mit einem Sticker ‹ausländischer Agent› versehen, verkauft werden sie aber immer noch.

Ich habe mich immer als russischer Patriot verstanden, aber so will ich mich nicht mehr nennen. Am Filmfestival in Cannes war ich nie wegen des glamourösen Lebens, sondern weil ich mein Land vertreten wollte. Jetzt repräsentiere ich nur noch das unsichtbare Russland. Denn die Menschen, die in Samara applaudiert haben und Putins Politik ablehnen, sind noch da.»

Aleksandra Ageeva, 32, Gründerin «SOTA» Vision

watson trifft Aleksandra (Sasha) Ageeva im «Media Hub Riga». Ebenfalls anwesend ist eine Arbeitskollegin, die das Gespräch übersetzt, hier aber nicht namentlich genannt werden möchte. Ageeva wuchs in Jekaterinburg auf. 2012 zog sie nach Moskau, um dort ihr Musikstudium abzuschliessen. Statt zu studieren, fing sie an, Demonstrationen zu filmen. 2015 gründete sie SOTA, heute SOTA Vision. Das Online-Medium ist spezialisiert darauf, Demonstrationen zu dokumentieren. Um die Zensur zu umgehen, publiziert SOTA Vision seine Beiträge in den sozialen Medien. Im Februar 2022 wurde Ageeva zur «ausländischen Agentin» erklärt. Zwei Wochen später griff Russland die Ukraine an. Im März 2022 reiste sie mit ihrem Sohn und ihrer Mutter von Moskau über Istanbul nach Riga. Ihre Hündin Courtney, nach der Sängerin Courtney Love benannt, wurde später hingebracht.

Journalismus in Kriegszeiten: Die Hündin wurde von einer Freundin in Ageevas Auto von Moskau nach Riga gefahren.
Die Hündin wurde von einer Freundin in Ageevas Auto von Moskau nach Riga gefahren.bild: watson/chiara jessica hess

«Erst als ich in Europa war, merkte ich, wie gestresst ich in Russland gewesen war. Als Journalistin ist man dort wie eine Revolutionärin. Wer sich für Wahrheit starkmacht, riskiert viel, sogar sein Leben. Über Exil dachte ich dennoch nie nach. Als der Krieg ausbrach, gab es aber keine Alternative mehr.

Mein Ziel war Riga, weil der lettische Aussenminister in einem Tweet ankündigte, russischen Journalistinnen und Journalisten auf der Flucht zu helfen. Aber ich hatte kein Visum. Ich fürchtete, dass, wenn ich in Moskau zur lettischen Botschaft gehe, ich vielleicht von der Flucht abgehalten würde. Ich entschied mich für einen Umweg: Ich flog mit meinem Sohn und meiner Mutter nach Istanbul, wo wir uns von der lettischen Botschaft Visa ausstellen liessen.

Viel mitnehmen konnten wir nicht. Das wichtigste waren die Festplatten, auf denen alle Videos von SOTA Vision archiviert waren. Dann: Kinderbücher, Familienfotos, Dokumente, Laptop, Kamera, Kleider. Wir reisten mit zwei Koffern. Den Kinderwagen mussten wir zurücklassen.

Und meine Hündin auch. Am Flughafen hatten so viele Russinnen und Russen ihren Haustieren dabei. Es war klar, dass sie nicht wiederkommen würden. Weil die Schlange so lang war, brachte ich sie in ein Hundehotel. In den Fotos, die ich von ihr erhielt, schaute sie immer zur Tür. Es war herzzerreissend. Eine Freundin fuhr sie später in meinem Auto von Moskau nach Riga.

Sabine Sile, die den «Media Hub Riga» für Exiljournalistinnen wie mich eröffnete, finanzierte den Flug nach Riga und das Hotel, in dem wir wohnten, bis wir eine Wohnung hatten. Sie sorgte auch dafür, dass mein Sohn kostenfrei in den Kindergarten kann.

Lettland hat in einem Jahr mehr für meine Familie und mich getan, als Russland mein ganzes Leben lang. Wir sind wie Blumen, die samt Wurzel aus der Erde gerissen wurden. Es ist heilsam, einen Topf gefunden zu haben, in dem wir wieder wachsen können. Sabine sei Dank!

Aleksandra Ageeva, russische Exiljournalistin in Riga. Aufgenommen im Februar 2023.
Sie hasst Wladimir Putin: Aleksandra Ageeva.bild: watson/chiara jessica hess

Ich wurde von meinen Eltern als Oppositionelle erzogen. Ab drei Jahren schaute ich Nachrichten mit ihnen. Inhaltlich verstand ich nicht viel, begriff aber: Information ist wichtig. Darum dokumentiere ich Demonstrationen. Zu wissen, dass es da draussen andere Menschen gibt, die gegen die Regierung sind, wirkt. Es hält den Widerstand wach.

Ich habe Wladimir Putin nie unterstützt. Ich hasse ihn dafür, was er mit Russland, uns und unserer Zukunft macht.»

Kirill Martynov, 41, Chefredaktor «Novaya Gazeta Europe»

watson trifft Kirill Martynov in der Redaktion von «Novaya Gazeta Europe» im Zentrum Rigas. Wo die sich genau befindet, soll hier nicht stehen. Er wirkt wie ein verstreuter Professor: Er verspätet sich und vergisst, sich später bei einer Sitzung zuzuschalten. Seine Antworten sind ausführlich und werden oft damit eingeleitet, dass er darüber «erst kürzlich» nachgedacht habe. Er lehrte lange politische Philosophie an verschiedenen Hochschulen in Moskau. 2020 wurde er gefeuert, woraufhin er eine freie Universität mitgründete, wo er die Studierenden weiter online unterrichtete. Seit der Annexion der Krim 2014 schreibt er für «Novaya Gazeta». Im März 2022 reiste er zusammen mit seiner Frau von Moskau nach Riga. Seit September 2022 gilt er als «ausländischer Agent».

Schild im Büro der «Novaya Gazeta Europe»: «Bitte nicht stören, ich denke über Russland nach»
«Bitte nicht stören, ich denke über Russland nach» – ein Schild im Büro der «Novaya Gazeta Europe».bild: watson/chiara jessica hess

«Am Tag nach Kriegsausbruch stand ich mit gepacktem Rucksack in der Redaktion, bereit, das Land zu verlassen. Ich war der Einzige. Wir hatten einen Plan, falls «Novaya Gazeta» zum «ausländischen Agenten» erklärt werden würde: Ich und ein paar andere sollten nach Europa und dort den Ableger «Novaya Gazeta Europe» aufbauen. Doch der Krieg kam zuerst, also setzten wir den Plan schon dann um.

Am 8. März fuhr ich vom Büro an den Busbahnhof – und kehrte nicht mehr zurück. Meine Frau kam mit. Anders als andere Journalistinnen und Journalisten, die über Armenien, Georgien, die Türkei reisten, weil sie dafür weder Auslandspass noch Visum brauchten, fuhren wir billig und bequem mit dem Bus während 20 Stunden von Moskau nach Riga.

Schon vor dem Krieg, halfen uns die lettischen Behörden, Mitarbeitende nach Europa zu retten, wenn ihnen eine Klage drohte. Diese Beziehungen waren nützlich: Im März 2022 wurden rund 50 Mitarbeitenden von «Novaya Gazeta» innert weniger Wochen Visa ausgestellt. Während der Pandemie waren viele Schengen-Visa ausgelaufen.

Ich wollte nie weg aus Moskau – nicht einmal, als ich das Angebot aus Australien bekam, dort an einer Universität zu lehren. Was sollte ich dort drüben? In Moskau fand man alles, was man wollte – sogar politische Freiheit, zumindest war das bis zum Attentat auf Alexej Nawalny die gängige Illusion.

«Novaya Gazeta» muss gerettet werden. 1993 gegründet, ist sie die älteste unabhängige Zeitung in Russland. Es darf nicht sein, dass ein Medium, für das sechs Journalistinnen und Journalisten starben und für das einer den Friedensnobelpreis erhalten hat, jetzt einknickt.

Kirill Martynov, russischer Exiljournalist in Riga, Novaya Gazeta Europe, aufgenommen im Februar 2022
Würde lieber für die Ukraine im Krieg kämpfen: Kirill Martynov.bild: watson/chiara jessica hess

Was mich persönlich motiviert, ist, dass ich diesen Krieg nie akzeptieren werden kann. Indem ich als Journalist arbeite, versuche ich etwas dagegen zu tun. Manchmal frage ich mich, ob das ausreicht? Für den nächsten Gedanken könnte ich ins Gefängnis gehen, aber ich spreche ihn trotzdem aus: Vielleicht wäre es ehrlicher gewesen, im Krieg für die Ukraine zu kämpfen.

In Wahrheit würde ich damit für und nicht gegen mein Land kämpfen. Der Einzige, der gegen Russland kämpft, ist Wladimir Putin. Alles, was er tut, schadet der Zukunft des Landes dermassen, dass es wehtut. Für mich, war die Invasion in die Ukraine immer ein Verbrechen. Kann man ein Verbrechen bekämpfen, dann sollte man das tun. Immer.»

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13 Kommentare
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Triumvir
22.02.2023 06:56registriert Dezember 2014
Danke für diesen wichtigen Artikel. Es ist wichtig und wertvoll zu wissen, dass es intelligente Menschen aus Russland gibt, die Widerstand gegen die Kriegsverbrecher und den Krieg aus ihrer Heimat leisten. Und die nicht akzeptieren können, dass ihre Heimat diesen verbrecherischen Angriffskrieg weiter führt und somit die Zukunft von so vielen Menschen aus und in Russland sinnlos zerstört.
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outdoorch
22.02.2023 06:14registriert Dezember 2017
Ich frage mich gerade, ob diese Leute dereinst in einem Russland der Zukunft eine tragende Rolle einnehmen werden.

Wünschenswert wäre es.
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Pebbles F.
22.02.2023 06:47registriert Mai 2021
Ich bin beeindruckt von diesen Menschen, die denkende Menschen geblieben sind und sich nicht brechen lassen. Es ermutigt hier hoffentlich auch viele, sich nicht an den Krieg zu gewöhnen.
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