Moskaus Luftverteidigung versagt bei ukrainischen Drohnenangriffen immer öfter: 6 Gründe
Angriffe weit hinter der Front im russischen Hinterland waren im Ukraine-Krieg lange Zeit die Ausnahme. Nur vereinzelt nahm die Ukraine in den ersten Jahren Ziele ins Visier, die Hunderte Kilometer vom eigenen Standort entfernt waren. Das hat sich in diesem Jahr geändert. Ausgerechnet die gut gesicherte Hauptstadt Moskau gerät ins Visier.
Allein in der vergangenen Woche gab es zwei grosse Angriffe, bei denen zahlreiche Drohnen die russische Luftverteidigung für die Hauptstadt überwanden. Insbesondere die Moskauer Ölraffinerie erlitt starke Schäden und muss nun aufwendig repariert werden.
Doch warum gelingt es der Ukraine mittlerweile so leicht, die russische Luftverteidigung zu überwinden? Dafür gibt es verschiedene Gründe. Manche sind technischer Natur, andere haben mit den Gegebenheiten in Russland zu tun. Ein Überblick.
Schwäche des russischen Luftabwehrsystems
Bis heute hat Russland kein so umfassend integriertes Luftverteidigungssystem wie die Ukraine. Dieses verbindet Sensoren, Effektoren und Führungssysteme zu einem mehrschichtigen Schutzschild. So gibt es in Russland weder ein Drohnenerkennungssystem für alle Grenzregionen noch einen Informationsaustausch zwischen verschiedenen Sensoren und Drohnenabfangwaffen. Dazu herrscht ein Mangel an mehrschichtigen, spezialisierten Drohnenabwehrsystemen.
Das aktuelle Luftverteidigungssystem wurde vor allem zur Abwehr von Flugzeugangriffen und einer geringen Anzahl von Marschflugkörpern entwickelt. Für grosse Drohnenangriffe gibt es keine adäquaten Mittel. Russische Abfangdrohnen tragen keine Sprengköpfe und sind daher gegen grosse Drohnen meist wirkungslos.
Überlastung der russischen Verteidigung
Die nicht bedarfsgerechte Aufstellung der Systeme führt dazu, dass Russlands Luftverteidigung mit der aktuellen Intensität der ukrainischen Angriffe offenbar überlastet ist. So unterstützt die russische Luftwaffe zwar bei der Abwehr der Angriffe, doch die Kräfte reichen nicht mehr aus. Gleiches gilt für mobile Feuerteams, die personell unterbesetzt sind.
Durch die fehlenden alternativen Mittel setzt Russland mittlerweile Raketenabwehrsysteme ein. Das führt wiederum dazu, dass es einen Mangel an Munition für die russischen Luftabwehrsysteme gibt. So verweisen ukrainische Beamte beim US-Sender CBS auf eine «Verringerung des russischen Bestands an S-300-Boden-Luft-Raketen», unter anderem weil diese gegen regelmässige Angriffe neuer, leistungsfähiger Drohnen eingesetzt werden.
Rob Lee, Russlandexperte am Foreign Policy Research Institute, sagte CBS: «Viele russische Luftverteidigungsraketen werden in einem nicht tragbaren Tempo verbraucht, da die Ukraine in manchen Fällen mehr Drohnen für Tiefenangriffe produzieren kann als Russland Luftverteidigungsraketen.»
Attrappen täuschen russische Abwehr
Teil der ukrainischen Überlastungsstrategie ist zudem der massive Einsatz von Täuschungsdrohnen. Das erklärte ein Kommandant des ukrainischen Militärgeheimdienstes beim US-Sender CNN. So sei nur ein bestimmter Prozentsatz der gestarteten Drohnen tatsächlich mit Sprengsätzen bestückt. Andere fliegen unbestückt mit. «Das sind Attrappen», erklärte der Kommandant. «Wir haben Hunderte davon geschickt. Einige sind leer, andere tragen eine Kampfladung.»
Zudem hat die ukrainische Luftwaffe offenbar neuerdings strahlgetriebene Täuschdrohnen in ihre Angriffe eingebunden. Laut ukrainischen Betreibern sind diese Hochgeschwindigkeitsdrohnen so konstruiert, dass sie die Radarsignaturen von Standard-Marschflugkörpern oder ballistischen Raketen imitieren und von der russischen Verteidigung für solche gehalten werden.
So verfeuert Russland teure Abfangmunition auf leere Täuschkörper und gibt geografische Koordinaten seiner Radar- und Raketenbatterien preis, die dann wiederum von den tatsächlich bewaffneten Drohnen angegriffen werden.
Luftverteidigung wird gezielt ausgeschaltet
Denn es ist ein wesentlicher Teil der ukrainischen Taktik, die vorhandene Luftverteidigung gezielt anzugreifen und zu eliminieren. So hat das internationale Recherchekollektiv Tochnyi das ukrainische Vorgehen bei 1530 verifizierten Angriffen analysiert. Dabei erfolgte mit 492 Angriffen fast ein Drittel auf die Luftverteidigungsinfrastruktur, weitere Hunderte nahmen Systeme ins Visier, die die Luftverteidigung unterstützten. Es zeigt, wie systematisch die Ukraine russische Luftverteidigungssysteme ins Visier nimmt, um Lücken in der Abdeckung zu öffnen.
Zunächst werden dabei Radaranlagen ausgeschaltet, damit Drohnen nicht mehr zuverlässig geortet werden können. Im Anschluss geraten Mittelstreckensysteme wie Buk ins Visier, die das Rückgrat der russischen Luftverteidigung im besetzten ukrainischen Gebiet und in Südrussland bilden. Sie haben eine Reichweite von bis zu 70 Kilometern und reissen eine grosse Lücke in die Verteidigungslinie, wenn sie zerstört werden.
Auch Kurzstreckenraketensysteme wie Tor, die für kürzere Gefechte nahe der Frontlinie eingeteilt sind, werden von ukrainischen Drohnen zerstört. Systeme wie Pantsir, Tunguska, Strela und tragbare Flugabwehrsysteme dienen dagegen meist dem Schutz wichtiger Anlagen und sollen sie vor Bedrohungen aus niedriger Flughöhe schützen. Die Zerstörung dieser Systeme legt wichtige Ziele direkt frei und verringert das Risiko für anfliegende ukrainische Drohnen und Raketen.
Russlands Grösse als Schwäche
Die Komplikationen beim Aufbau eines ganzheitlichen Verteidigungssystems haben ihre Ursache darüber hinaus in der Grösse des zu verteidigenden Gebiets. So ist Russland mit über 17 Millionen Quadratkilometern das mit Abstand grösste Land der Welt und erstreckt sich über elf Zeitzonen.
Nun ist seit 2022 ein Grossteil der russischen Luftverteidigungssysteme an der Front stationiert, um Truppen und Logistikzentren zu schützen. Andere Angriffsziele sind für die Verteidigung nicht mehr in Reichweite.
Andere Systeme konzentrieren sich auf strategisch wichtige Standorte wie Putins Residenzen. Das sorgt andernorts für Lücken, die voraussichtlich niemals ganz geschlossen werden können. Selbst wenn der Kreml die Anzahl seiner Luftverteidigungssysteme drastisch erhöhen könnte, ist es fraglich, ob dies ausreichen würde, um die zahlreichen militärischen Produktionsstätten und die weitläufige Energieinfrastruktur des Landes vor Luftangriffen zu schützen.
KI führt zu effektiveren Angriffen
Auch technisch hat die Ukraine sich auf die neue Vorgehensweise vorbereitet und setzt mittlerweile offenbar Künstliche Intelligenz (KI) für die Angriffe ein. Laut CNN setzt das Militär die KI zur Verarbeitung von Echtzeit-Gefechtsfelddaten ein.
So können bisherige Abfangpunkte, die Abdeckung russischer Luftverteidigungssysteme und Routen, die der Entdeckung entgehen, in Echtzeit analysiert werden. Drohnenrouten können so während des Flugs schnell angepasst werden. Das steigert die Effektivität.
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