Wie Putins Wölfe finnischen Rentierzüchtern das Leben schwer machen
Der finnische Rentier-Züchterverband schätzt, dass jährlich bis zu 35'000 Rentiere von Raubtieren gerissen werden. Vor allem die Wolfsrisse seien seit 2024 sprunghaft angestiegen. Wie die NZZ berichtet, sei die Ursache auf der russischen Seite der Grenze zu finden.
Bevor Putin 2022 den Angriffskrieg in der Ukraine losgetreten hatte, wurde der Abschuss von Wölfen in Russland mit stattlichen Prämien entlöhnt. Vier Jahre später sind die für viele Abschüsse verantwortlichen Garnisonssoldaten in der Grenzregion sowie die hohen Prämien verschwunden.
Gerissene (und gefundene) Rentiere durch grosse Raubtiere in Finnland
Niemand jagt die russischen Wölfe
Wer in Russland mit einem Gewehr umgehen kann, wird mit Geld an die Front in der Ukraine gelockt. Die finanziellen Anreize des Ukrainekriegs gehen wiederum auf Kosten der Wolfsabschussprämien. Die Folge: Die Wolfspopulation an der Grenze zwischen Russland und Finnland hat sich in den letzten zwei Jahren fast verdoppelt, schreibt die Zeitung.
Forscher vermuten, dass durch diese Vermehrung das Ökosystem unter Druck geriet. Das habe die Wölfe dazu veranlasst, über die Grenze zu wandern, wo die halb domestizierten Rentiere ein gefundenes Fressen darstellen würden. «Mancher Wolf tötet zehn Rentiere an einem Tag. Aus Spass am Jagen, nicht aus Hunger», erzählt Rentierzüchter Juha Kujala der NZZ.
Dass die Wölfe ins Rentierzuchtgebiet wandern, liegt auch an der militärischen Verteidigung Finnlands. An der Grenze zu Russland wurde ein 200 Kilometer langer Zaun gebaut – inklusive Flutlichtanlagen und Bewegungsmeldern.
Ob das Wachstum der finnischen Wolfspopulation tatsächlich auf den Ukrainekrieg zurückzuführen ist, bleibt umstritten. DNA-Analysen belegten zwar, dass russische Wölfe eingewandert sind, um wie viele Tiere es sich handelt, bleibt jedoch weiterhin unklar.
Einige Kadaver werden nie gefunden
Kujalas Tiere wandern bis zur Paarungszeit anfangs Oktober in den tiefen finnischen und russischen Wäldern herum. Anschliessend werden einige Rentiere zur Schlachtung ausgewählt. Viele kehren jedoch nie mehr zurück, für die Hirtinnen und Hirten eine bedeutsame finanzielle Einbusse. Der Gesamtschaden für Rentierbesitzer liegt gemäss dem Ministerium für Land- und Forstwirtschaft bei 7 Millionen Euro.
Kujala stattet seine Rentiere mit einem GPS-Tracker aus, der einen Alarm auslöst, sollten sich die Tiere nicht mehr bewegen. Trotzdem werden viele Kadaver nie gefunden, besonders wenn sie auf russischem Gebiet liegen. Der finnische Staat stellt die Suche und Besitzeridentifizierung jedoch als Bedingung für seine grosszügige Entschädigung. Hirtinnen und Hirten von gerissenen Rentieren erhalten das Eineinhalbfache des aktuellen Marktwerts des Tieres.
Finnland erlaubt den Abschuss von jährlich 100 Wölfen. Rentierbesitzer erhalten eine Abschusslizenz, wenn sie mehr als drei Tiere verlieren. «Unser Beruf ist es, Hüter unserer Herden zu sein. Nun sind wir zu Jägern der Wölfe geworden», erzählt Kujala der NZZ. Während die Hirtinnen und Hirten gerne mehr Wölfe schiessen würden, sehen finnische Naturschützer diese weiterhin als vom Aussterben bedroht. Denn für einen gesunden Genpool brauche es mindestens 500 Tiere.
Für gerissene Tiere entschädigt zu werden, raube den Betroffenen viel Zeit und Aufwand. Auch die Zahlung erfolge in Raten. «Ehe man die volle Entschädigung hat, vergehen rund achtzehn Monate», erzählt Kujala der Zeitung. Für traditionelle Kleinzüchter wie die indigenen Sami könne dies den finanziellen Ruin bedeuten. (nil)
