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Doku über Drogen auf TikTok: So schnell kommt man zu auf TikTok Drogen

Teenager nehmen harte Drogen und filmen sich – die öffentliche Drogenszene auf TikTok

Sie nehmen harte Drogen, filmen sich dabei und zeigen alles auf TikTok. Dabei sind sie oft noch Kinder. Eine Reportage ist dem Phänomen nachgegangen. Sie zeigt, wie einfach die Jugendlichen über die Plattform an Drogen kommen – und dass niemand einschreitet. Schon gar nicht TikTok.
28.08.2022, 06:2429.08.2022, 07:57
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Eine extrem junge Frau nimmt einen Schnuller* aus dem Mund. Ihre Augen sind rot, die Pupillen gross. Im Hintergrund des Videos läuft ein Lied. Es handelt um Drogen.

Fühle keine Liebe, trotzdem MDMA. Hab' auf Wolke Sieben meinen Bentley geparkt. Schau' in deine Augen, alles, was ich seh', ist schwarz. Grosse Pupillen, Schuld ist MDMA.

Eine andere Aufnahme zeigt sie mit einer Infusion in der Hand. Sie sagt nichts. Und schreibt nichts dazu. Sie lässt die ins Video eingebundene Musik sprechen:

Dein Lächeln so gestellt, denn du stirbst, wenn du mich siehst. Du stirbst, wenn du mich siehst. Ja, du stirbst, wenn du mich siehst.

Eine Benutzerin schreibt in den Kommentaren: Was ist passiert? Sie antwortet: Überdosis.

Aus Schutz der Betroffenen sowie aus datenschutzrechtlichen Gründen haben wir uns dazu entschieden, keine Bilder und Aufnahmen von TikTok zu zeigen – auch keine verpixelten.
Aus Schutz der Betroffenen sowie aus datenschutzrechtlichen Gründen haben wir uns dazu entschieden, keine Bilder und Aufnahmen von TikTok zu zeigen – auch keine verpixelten. Bild: Shutterstock

Nur einen Hashtag entfernt spielen sich auf TikTok Szenen ab, die im Netz bislang vorwiegend im Verborgenen stattgefunden haben. Junge Menschen zeigen sich in TikTok-Videos im hemmungslosen Drogenrausch. Sie berichten von ihren Trips und tauschen sich aus: Wie alt warst du bei deinem ersten Trip?

«13, um genau zu sein».

«Mit 11 (..), aber ich bereue es sehr hart».

«14, aber ich bin seit zwei Wochen clean».

Hier gibt's Hilfe bei Suchtproblemen!
Alkohol und andere Drogen sind nie die Lösung. Bei Suchtproblemen gibt es in der Schweiz diverse Anlaufstellen. Beispielsweise Sucht Schweiz oder Safezone.ch, die Online-Beratung des Bundesamtes für Gesundheit in Zusammenarbeit mit Kantonen und Suchtfachstellen.

*Schnuller schützen beim Konsum von Ecstasy (MDMA) vor starkem Kieferbeissen und verhindert, dass während eines Trips die Zunge verschluckt wird.

Drogen(videos) in sozialen Medien

TikTok, die Plattform, die besonders junges Publikum anspricht, hat sich zu einem Schauplatz für Drogen entwickelt. Dies zeigt eine neue Recherche des deutschen Netzwerks Funk.

Anders als in anderen sozialen Medien findet die Drogenszene auf TikTok öffentlich statt. Und mit einem völlig neuen Phänomen: der Selbstdarstellung im Rausch.

Eine kurze watson-Recherche zeigt: Es braucht nur ein passendes Schlagwort, um die oben beschriebenen Videos zu finden und sich im Rausch anderer wiederzufinden.

«Die Selbstdarstellung im Rausch ist mir in dieser Form neu.»
Markus Meury von Sucht Schweiz

Einige weitere Klicks und selbst ein TikTok-Laie liest in öffentlichen Kommentaren, wie sich andere über den Konsum von Drogen austauschen. Von da ist man nicht mehr weit davon entfernt, an Kontakte von Dealern zu kommen.

Auszug einer öffentlichen Unterhaltung über den Konsum von Emma, Szeneausdruck für Ecstasy (MDMA). Auf die Frage folgten knapp 140 Kommentare.
Auszug einer öffentlichen Unterhaltung über den Konsum von Emma, Szeneausdruck für Ecstasy (MDMA). Auf die Frage folgten knapp 140 Kommentare.bild: watson

1 Klick zum Kick – so schnell kommt man zu Rauschmittel

Wie Kinder und Jugendliche durch TikTok an Drogen kommen und wie Klicks anspornen, Videos im Rausch hochzuladen, zeigt eine Filmreportage des deutschen Netzwerks Funk. Für die Recherche vernetzen sich die zwei Journalistinnen Isabell Beer und Désirée Fehringer mit Betroffenen und wagen den Selbstversuch: Wie schnell kommt man auf TikTok an chemische Drogen?

Über verschiedene Hashtags stösst Isabell Beer auf Menschen, die Drogen konsumieren. Sie tritt mit ihnen in Kontakt und gibt sich als an Drogen interessiert aus. Über TikTok-Gruppen, Links oder QR-Codes wird sie zu Telegram- oder WhatsApp-Gruppen gelotst, wo allerlei Drogen angeboten werden. Ab einem Mindestalter von 14 Jahren.

Eintrittsanforderung einer Whatsappgruppe, über die Drogenhandel abgewickelt wird.
Eintrittsanforderung einer Whatsappgruppe, über die Drogenhandel abgewickelt wird.bild: funk/STRG_F

«Es gibt wirklich nichts, was man dort nicht bekommt», kommt Beer zum Schluss. Es sei erschreckend, wie einfach man an Drogen komme. Was sie noch mehr erstaunt, sind die Tausenden von Nachrichten, die an nur einem Wochenende über Gruppen ausgetauscht werden, in denen sich viele Minderjährige aufhalten.

Beer liest mit:

«Was geht?» – «Druf sein :)».

«Was konsumiert ihr so?» – «Weed, LSD, Ecstasy.»

«Ich habe krass Bock gerade mir ein paar riesige Lines zu legen, die meine Nasenschleimwand wegballern.»

High sein auf TikTok – warum?

So viel zu den Gruppenchats. Doch was treibt die Jugendlichen dazu, Videos von sich im Rausch auf TikTok hochzuladen?

Eine Jugendliche, sie wird Marie* genannt, berichtet der Reporterin Désirée Fehringer, dass sie harte Drogen wie Pilze, Koks, LSD oder Speed im Alter von 17 Jahren vor allem konsumierte, weil sie in der Schule gemobbt wurde. Und endlich wieder einmal glücklich sein wollte. Den maximalen Kick gaben ihr die Videos im Rausch, die meistens viral gingen.

Mittlerweile besucht Marie die Schule nicht mehr. Sie gibt an, clean zu sein. Auf die Frage, wie sie sich fühle, wenn sie andere Jugendliche auf Drogen auf TikTok sieht, antwortet sie: «Es zieht mich herunter, wenn andere damit Spass haben». Manchmal müsse sie weinen und zittern.

«Es zieht mich herunter, wenn andere damit Spass haben».
Marie*

TikTok habe ihre Videos schon öfter aus dem Netz genommen. Der offen gezeigte Drogenkonsum war aber offenbar nicht das Problem. «Ganz, ganz oft wurde ich gesperrt, weil man meine verheilten Narben vom Ritzen erkennen konnte», sagt Marie. «Aber Videos, auf denen ich grosse Pupillen habe oder Drogen zeige, wurden noch nie von TikTok gelöscht».

Tim* wurde über TikTok vom Rauschgiftkonsumenten zum Dealer. Dies, um sich seine Sucht zu finanzieren. Inzwischen habe auch er mit beidem aufgehört. Pro Tag habe er bis zu vier MDMA-Pillen konsumiert. Gehandelt habe er mit so allem, was es auf dem Markt gibt: Cannabis, Crystal Meth, Heroin.

Die meisten Jugendlichen, welche von den Reporterinnen kontaktiert wurden, wollten Drogen nicht nur ausprobieren. Sie wollten ihrem Alltag entfliehen, weil es ihnen psychisch nicht gut geht. Die Gründe sind vielseitig: Mobbing, Liebeskummer, familiäre Probleme.

«Das habe ich noch nie gesehen»

«Ach du Scheisse» – so reagiert Leyla, als ihr Videos von Jugendlichen gezeigt werden, die sich auf TikTok beim Konsum von harten Drogen zeigen. Leyla hat Ähnliches erlebt, auf Facebook. Und doch sei auf TikTok eine neue Dimension erreicht.

«Dass so junge Menschen Blech [Heroin, Anm. d. Red. ] rauchen, habe ich noch nie gesehen. Auch live noch nie. Das sehe ich zum ersten Mal», sagt Leyla. Auf Facebook hätte die Drogenszene nicht öffentlich, sondern in geschlossenen Gruppen stattgefunden. Man habe zwar Fotos von Drogen miteinander ausgetauscht, sich aber nie beim Konsumieren gefilmt.

Nicht nur die Selbstdarstellung im Rausch ist demnach neu, sondern auch der öffentliche Schauplatz der Drogenszene, der online von jedem im Netz besucht werden kann.

#drff (statt druff) – so werden Richtlinien umgangen

Sind solche Videos auf TikTok nicht verboten? Eigentlich schon. Hashtags wie #drogen oder #mdma sind gesperrt. Doch die Szenesprache hat die Plattform offenbar nicht auf dem Radar. Statt druff (sein) wird der Hashtag #drff verwendet.

Die Verbreitung der Videos ist also möglich, weil TikTok nicht genügend eingreift. «Die entsprechenden Plattformen beteuern immer wieder, dass sie dagegen vorgehen, aber offensichtlich ist es ihnen nicht sehr ernst dabei», teilt Sucht Schweiz, das nationale Kompetenzzentrum für Prävention und Forschung im Suchtbereich, auf Anfrage von watson mit.

Wie Musik und der Algorithmus die Drogenszene verbindet

Und es gibt noch einen anderen Weg, um auf drogenverherrlichende Videos zu stossen: durch die Suche von Songs. Wer auf TikTok ein Video erstellt, kann aus einer grossen Musikdatenbank Songs zufügen.

Beliebt in der Szene sind: Songtexte, die vom Drogenkonsum handeln. Auch diese sind nicht gesperrt, obwohl in den Texten ausschliesslich die Begriffe Drogen, MDMA und Co. vorkommen. Eine Ikone der deutschen Drogenszene ist beispielsweise der Rapper Herzog, der 2011 sein Debütalbum «Ein Herz für Drogen» veröffentlichte.

Wenn man nach seinen Liedern sucht, findet man Videos von Jugendlichen mit grossen Pupillen und Schnullern im Mund, die in den Kommentarspalten Drogen verherrlichen. Von TikTok sind einige dieser Videos über 50'000-mal ausgespielt worden, obwohl sie gegen mehrere Richtlinien verstossen.

Jugendliche unterhalten sich in der Kommentarspalte über «Emma» (MDMA).
Jugendliche unterhalten sich in der Kommentarspalte über «Emma» (MDMA).bild: watson

Doch nicht nur die Reichweite macht TikTok so gefährlich, sondern auch der bekanntlich ausgeklügelte Algorithmus. Jugendliche können so schnell in eine Filterblase aus gefährlichen Inhalten gezogen werden. Da kaum jemand über Folgeschäden spricht, sinkt auch die Hemmschwelle, Drogen zu konsumieren, sagt die Kinderpsychologin Nina Grimm gegenüber der Bild.

Dies zeigt ein Beispiel aus der Funk-Repo: Ein Mädchen, mittlerweile 15, erzählt, dass sie drogenverherrlichende Videos animiert hätten, selbst einmal chemische Drogen auszuprobieren.

«Auf TikTok habe ich immer Leute auf Ecstasy gesehen. Und dann dachte ich: Das will ich auch. Da war ich neun oder zehn Jahre alt.»

Über TikTok sei sie an Kontakte gekommen. Ihr Konsum habe seither deutlich zugenommen.

Digitale Drogenszene in der Schweiz

In der Reportage geht es hauptsächlich um deutsche Jugendliche. In der Schweiz ist das Phänomen noch weitgehend unbekannt, teilen uns Suchtpräventionsstellen mit. Dies schliesst nicht aus, dass sich auch Jugendliche aus der Schweiz auf TikTok im Rausch zeigen. «Das Phänomen der Selbstdarstellung im Rausch ist mir in dieser Form neu, aber vor einigen Jahren gab es auf den sozialen Medien bereits Alkoholcontests unter Jugendlichen», sagt Markus Meury von Sucht Schweiz.

Klar ist: Der Drogenmarkt findet auch hierzulande auf den sozialen Medien statt. Dies zeigt ein Fall aus Luzern, der 2019 hohe Wellen warf. Jugendliche im Alter zwischen 16 und 21 Jahren bestellten aus dem Darknet rezeptpflichtige Medikamente sowie Drogen wie Amphetamine, Marihuana und Ecstasy. Einen Teil konsumierten sie selbst, den Rest verkauften sie über Telegramm.

Als die Luzerner Polizei den Drogenring aufdeckte, sei vielen Eltern nicht bewusst gewesen, wie stark die Kinder abhängig nach den Substanzen waren. Für einen der Beschuldigten bedeutete die Festnahme eine Erlösung. «Für mich war die Festnahme ein Schuss vor den Bug. Das hat mir geholfen, aus der Abhängigkeit herauszukommen.»

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Alkohol und andere Drogen sind nie die Lösung. Bei Suchtproblemen gibt es in der Schweiz diverse Anlaufstellen. Beispielsweise Sucht Schweiz oder Safezone.ch, die Online-Beratung des Bundesamtes für Gesundheit in Zusammenarbeit mit Kantonen und Suchtfachstellen.

* Die Namen der Betroffenen sind von Funk frei erfunden worden. Die Reportage ist seit dem 23. August auf Youtube verfügbar.

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111 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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invisible
28.08.2022 07:20registriert Mai 2019
Bin ich froh, dass ich in dem Alter noch vollkommen ahnungslos im Wald am Froschteich rumhängen konnte! 🙄
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Linda Diaz
28.08.2022 06:57registriert Januar 2020
Ja das mit den Drogen ist eine schlimme Sache! Was in meinen Augen aber genau so schlimm ist kam erst letzte, oder vorletzte Woche aus. TikTok spioniert dich über den In-App Browser komplett aus! Nicht nur das dein Gesamtes Surfverhalten nach China geschickt wird sondern auch deine eMailadressen, Passwörter und Bank - und Kreditkarten werden im Klartext und unverschlüsselt weitergegeben.


https://www.it-markt.ch/cybersecurity/2022-08-23/tiktok-umgeht-apples-anti-tracking-funktionen?utm_source=dlvr.it&utm_medium=twitter
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mrmikech
28.08.2022 07:26registriert Juni 2016
Apple hat damals Tumblr gesperrt, warum macht Apple das nicht mit TikTok, Whatsapp und Telegram bis diese apps endlich dem dreck unter kontrolle haben?
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