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Wie Helvetas in der Ukraine hilft – 6 Ukrainer:innen erzählen

«Werden siegen» – 6 Ukrainerinnen und Ukrainer erzählen von ihrem Leben in Charkiw

Das Leben in der Ukraine ist hart. Die Wirtschaft nach zwei Jahren Krieg am Boden, viele Menschen arbeitslos, ihr Zuhause verloren. Sechs Ukrainer und Ukrainerinnen erzählen, wie sie mit Schweizer Unterstützung eine neue Perspektive erhalten haben.
24.02.2024, 15:0124.02.2024, 15:02
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Seit zwei Jahren wehrt sich die Ukraine gegen den russischen Angriffskrieg. Die Opfer sind gross: Gemäss Zahlen des UN-Hochkommissariats für Menschenrechte sind bisher 10'382 Ukrainerinnen und Ukrainer, die nicht der Armee angehören, ums Leben gekommen. Noch viel mehr Menschen wurden verletzt, ganze Städte dem Erdboden gleichgemacht.

Wie die UNO-Flüchtlingshilfe mitteilt, sind fast 6,5 Millionen Menschen aus der Ukraine ins Ausland geflüchtet, 3,7 Millionen Menschen sind innerhalb des Landes auf der Flucht.

Eine Stadt, in der sich derzeit viele Binnenflüchtlinge aufhalten, ist Charkiw, im Osten der Ukraine. Sechs Menschen erzählen für watson aus ihrem Alltag im Krieg und wie die Schweizer Entwicklungsorganisation Helvetas sie dabei unterstützt.

Helvetas
Helvetas ist eine unabhängige Schweizer Organisation für Entwicklungszusammenarbeit und humanitäre Hilfe, die sich seit 1955 für benachteiligte Menschen einsetzt. Sie ist in über 30 der ärmsten Länder Afrikas, Asiens, Lateinamerikas und Osteuropas aktiv.

In der Ukraine war Helvetas bereits vor dem russischen Angriff vor zwei Jahren tätig. Seither hat die Organisation ihre Tätigkeiten weiter ausgebaut und langfristig angelegt.

Olga Zoryanska

Die jetzt 25-jährige Olga Zoryanska arbeitete seit vier Jahren als Administratorin in einem Hotel, als Russland in die Ukraine einfiel.

Olga Zorianska
Olga in ihrer neu eröffneten Bäckerei.Bild: Helvetas

Sie und ihre Familie lebten in Isjum, in der Oblast Charkiw – einem Ort, der bereits im März 2022 in die Hände der Russen fiel und während sechs Monaten von ihnen besetzt wurde. Nach der Rückeroberung wurden in den umliegenden Wäldern über 400 Leichen entdeckt. Olga und ihre Familie konnten in die Stadt Charkiw flüchten. Sie war zu diesem Zeitpunkt schwanger.

Ihrer Heimat und Arbeit beraubt, musste sich Olga nach der Geburt ihres Sohnes nach einer neuen Arbeitsmöglichkeit umsehen. Sie wurde auf das Projekt von Helvetas aufmerksam, welches Menschen beim Auf- oder Wiederaufbau von Kleinunternehmen finanziell unterstützt. Olga bewarb sich erfolgreich und konnte mit dem erhaltenen Geld eine kleine Bäckerei eröffnen.

Ausbildung und Stärkung lokaler Unternehmen
Die Wirtschaft in der Ukraine leidet massiv unter dem Krieg. Wie Helvetas schreibt, hätten gut 26 Prozent aller Geschäfte im ersten Kriegsjahr ihren Betrieb (fast) ganz einstellen müssen. 50 Prozent mussten ihre Tätigkeiten reduzieren. Laut Schätzungen der Weltbank sind bis zu 26 Prozent der ukrainischen Bevölkerung arbeitslos.

Helvetas setzt sich dafür ein, dass kleine und mittlere Unternehmen ihre Arbeit wieder aufnehmen oder neu eröffnen können und die daran beteiligten Menschen wieder finanziell unabhängig werden. Gemeinsam mit der Organisation Mercy Corps und Partnerorganisationen der Alliance 2015 (Welthungerhilfe und Concern) vergibt Helvetas dafür Zuschüsse.

Ihre grösste Angst ist es, im Krieg geliebte Menschen zu verlieren – wie etwa ihren Grossvater, der bei russischem Raketenbeschuss ums Leben kam. Trotz allen Herausforderungen hofft sie auf einen Sieg der Ukraine.

«Unsere tapferen Soldaten, die uns beschützen, geben mir Hoffnung.»
Olga Zorianska
Die junge Mutter hat die Hoffnung auf einen Sieg der Ukraine nicht aufgegeben.Bild: Helvetas

Yevgeny Borodin

Yevgeny Borodin lebte zu Beginn des Krieges in Horliwka, einer Stadt in der Oblast Donezk, die bereits seit 2014 von Russland besetzt wird. Als die Besetzer nach Beginn des Krieges 6000 Bewohner in Horliwka für die Armee rekrutieren wollten, flüchteten Männer in grosser Zahl, was die Stadt praktisch «männerlos» zurückliess, wie das ukrainische Verteidigungsministerium im September 2022 mitteilte. Auch Yevgeny flüchtete.

Yavgeny Borodin
Yevgeny führt seine Tätigkeit mithilfe von Helvetas in einem neuen Umfeld fort.Bild: Helvetas

Seine Heimat will er den Russen aber nicht überlassen:

«Die Ukraine verdient es, in den Grenzen, die sie 1991 hatte, unabhängig zu sein.»

Der 54-jährige Borodin lebt jetzt sowohl in Charkiw als auch im 16 Kilometer entfernten Dorf Zyrkuny. Mithilfe der finanziellen Unterstützung von Helvetas setzt der Sportlehrer soziale Projekte für Kinder und Jugendliche um. Für ältere Frauen organisiert er zudem Aktivitäten zur Förderung körperlicher und mentaler Gesundheit.

Yavgeny Borodin
Eine von Yevgeny unterrichtete Gruppe.Bild: Helvetas

Auch wenn es seiner engsten Familie gut geht, hat Yevgeny geliebte Menschen im Krieg verloren und sorgt sich um Angehörige in Charkiw und Cherson. Einige von ihnen leben unter extrem schwierigen Umständen, wie er sagt. Er hofft auf eine Zukunft in Frieden und Wohlstand, ohne vom Krieg bedroht zu werden.

Lyubov Bukholdina

Das Haus der 71-jährigen Lyubov Bukholdina wurde im Zuge des Krieges von den Russen beschädigt. Sie und ihre Familie hatten Glück und blieben unversehrt.

Lyubov Bukholdina
Lyubov vor ihrem Haus, das von den Russen getroffen wurde.Bild: Helvetas
Reparatur und sichere Unterkünfte
Der Krieg raubt vielen Menschen in der Ukraine das Dach über dem Kopf, den Strom oder die Wasserzufuhr. Mit Unterstützung der Glückskette und in Zusammenarbeit mit der ukrainischen NGO DESPRO baut Helvetas Gebäude zu kollektiven Notunterkünften aus. Über 64'000 Menschen haben bisher von reparierten Wasser-, Abwasser- und Energiesystemen profitiert.

Mithilfe von Helvetas unterstützt DESPRO Menschen auch beim Wiederaufbau ihrer Häuser, indem sie ihnen Bargeld («Cash for Repair») und technische Hilfe zur Verfügung stellt. Dadurch konnten bisher um Kiew und in Charkiw 316 beschädigte Häuser und 19 Wohnblocks mit 765 Haushalten repariert werden.

In zwei grossen sogenannten Repair Hubs bietet Helvetas in Zusammenarbeit mit Gemeinden zudem Know-How, Werkzeuge und Zuschüsse für Projekte in den Bereichen Unterkünfte und soziale Sicherheitsnetze. Über 30'000 Menschen konnten dieses Angebot bisher in Anspruch nehmen.

Lyubov bewarb sich bei Helvetas um Unterstützung zur Reparatur des Hauses. Dank der erhaltenen Hilfe konnte sie wieder in ihr Haus einziehen.

Sie glaubt fest an einen Sieg der Ukraine.

Vitaly Artemenko

Auch das Haus von Vitaly Artemenko in Charkiw wurde beschädigt. Im Rahmen des Reparaturprogramms konnten sowohl das Dach als auch die Fassade repariert werden.

Vitaly Artemenko
Vitaly in seinem reparierten Haus.Bild: Helvetas

Seine Tochter und seine Enkelin hat es noch schlimmer getroffen: Ihr Haus sei durch eine Rakete komplett zerstört worden. Nun leben sie in der Oblast Iwano-Frankiwsk in der West-Ukraine. Der 69-jährige Vitaly hofft, dass sie im Sommer zurückkommen und bei ihm einziehen, wie dies bereits seine andere Enkelin getan hat. Seit dem Tod seines Sohnes, der im April 2023 aufgrund von gesundheitlichen Problemen gestorben war, lebt sie bei ihm.

«Die Ukraine wird gewinnen. Davon war ich schon überzeugt, als russische Truppen hier waren. Sie haben alles zerstört. Gewinner verhalten sich nicht so.»

Oksana Perepelytsia

Oksana Perepelytsia
Oksana bei der Arbeit in einem Schweisser-Workshop.Bild: Helvetas

Oksana Perepelytsia arbeitete vor Ausbruch des Kriegs als Gebärdendolmetscherin für eine staatliche Bildungseinrichtung. Jetzt hilft die 54-Jährige bei den Ausbildungskursen von Helvetas. Eine Arbeit, die sie gerne macht, wie sie gegenüber Helvetas sagt:

«Es begeistert mich, dass mein Beitrag die Ausbildung für Teilnehmende zugänglich macht, die sie brauchen.»
Berufsbildung nach regionaler Nachfrage
Nebst Häusern und Infrastruktur werden im Krieg auch Lieferketten unterbrochen und die Wirtschaft dadurch weiter geschwächt. Mit einem Ausbildungsprojekt hilft Helvetas gleich zweierlei:

Die Organisation fördert die Ausbildung von Berufen, die für den Wiederaufbau besonders wichtig sind. So etwa Schweisser, Malerinnen, Heizungsbauer mit Schwerpunkt erneuerbare Energien, Finanzcontrollerinnen, Spengler und Gipserinnen. Gleichzeitig bietet Helvetas damit Menschen eine Arbeitsmöglichkeit – insbesondere auch vulnerablen Personen mit Behinderungen, kinderreichen Familien und Alleinerziehenden.

Oksana musste ihr Zuhause in Charkiw vorübergehend verlassen, konnte aber wieder zurückkehren. Alle ihre Angehörigen leben noch, einige ihrer Kollegen, die sich freiwillig gemeldeten hatten, seien jedoch getötet worden.

Auf die Frage, was ihr derzeit am meisten Sorge und was am meisten Freude bereitet, antwortet sie:

«Ängste vor Hilflosigkeit, Ungewissheit, finanziellen Schwierigkeiten und der Zukunft von geliebten Menschen. Unter den gegebenen Bedingungen gibt es keine besondere Freude, nur das Überleben.»

Evgeniya Skrebets

Evgenia Skrebets
Evgeniya lässt sich mithilfe von Helvetas zur Schweisserin ausbilden.Bild: Helvetas

Auch die 21-jährige Evgeniya Skrebets nimmt an den Workshops teil. Eigentlich studiert sie Architektur an der Universität in Charkiw, doch dies ist seit Ausbruch des Krieges nur noch online möglich.

Vor dem Krieg lebte sie in Trostyanets, in der Oblast Sumy, doch ihr Haus wurde komplett zerstört, einige ihrer Freunde getötet. Sie habe kein Zuhause mehr, in das sie zurückgehen könne, sagt sie.

Evgenia Skrebets
Die junge Studentin erwirbt im Workshop neue und nützliche Fähigkeiten.Bild: Helvetas

Auch in Charkiw, das regelmässig von Raketen beschossen wird, fühlt sie sich nicht immer sicher. Doch sie liebe die Ukraine und wolle das Land nicht verlassen, sagt sie. Das erhofft sie sich auch von ihren Mitmenschen:

«Ich hoffe, dass wir in der Lage sein werden, gut ausgebildete und zielorientierte Menschen zu motivieren, in der Ukraine zu bleiben.»
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27 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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banda69
24.02.2024 17:55registriert Januar 2020
Hepvetas leistet hervorragende und wichtige Arbeit für die Ukrainerinnen und Ukrainer. 🙏

Demgegenüber stehen Putins Komplizen von der SVP.
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@Jeff
24.02.2024 16:30registriert Juli 2023
Danke für das kleine bisschen Hoffnung das dieser Artikel uns und den Menschen in der UKR gibt.❤
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Amadeus
24.02.2024 16:36registriert September 2015
Danke für diesen Bericht. Was für ein Kontrast zu all den westlichen Kommentatoren die ständig die Ukrainer auffordern doch mal mit kämpfen aufzuhören und ihr Land abzutreten.
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