Nigerianische Forscherin entdeckt Tier im Regenwald, das als ausgestorben galt
Wenn über den dichten Regenwäldern des Afi-Berg-Wildtierreservats im Südosten Nigerias die Sonne aufgeht, erfüllt ein lautes Stimmengewirr die Luft. Das Schutzgebiet gilt als Rückzugsort für zahlreiche bedrohte Tierarten und birgt bis heute wissenschaftliche Überraschungen.
Eine dieser Überraschungen begegnete der nigerianischen Biologin Iroro Tanshi während einer Feldexpedition. Gemeinsam mit ihrem Team untersuchte sie Fledermäuse in den Wäldern der Cross-River-Region. Dabei gingen ihnen zahlreiche Tiere ins Netz. Doch eines fiel der Forscherin sofort auf.
«Wir stellten in der Nähe eines Schlafplatzes Fallen auf und fingen viele Fledermäuse», erinnert sich Tanshi gegenüber dem «Guardian». «Diese hier sah ganz anders aus. Grossohrig.»
Fledermaus wiegt so viel wie Teelöffel mit Salz
Ein Blick in ihr Handbuch zur Artenbestimmung bestätigte den Verdacht: Bei dem Tier handelte es sich um die Kurzschwanz-Rundblattfledermaus (Hipposideros curtus), eine Art, die seit den 1970er-Jahren nicht mehr in freier Wildbahn beobachtet worden war. Für die Wissenschaft war die Entdeckung eine Sensation.
«Das war der Moment, der alles verändert hat. Tatsächlich gab es diesen Moment des Fangens und der Erkenntnis, so nach dem Motto: ‹Oh mein Gott›», erzählt die Biologin über das Tier, das gerade mal so viel wiegt wie ein gestrichener Teelöffel Salz. Ausgehend von diesem Erfolg vor einigen Jahren begann Tanshi laut Guardian gemeinsam mit lokalen Helfer:innen, Höhlensysteme im Afi-Schutzgebiet und im benachbarten Cross-River-Nationalpark systematisch zu erforschen. Dabei wurden weitere Fledermausarten dokumentiert.
Die wiederentdeckte Kurzschwanz-Rundblattfledermaus gilt jedoch bis heute als besonders selten. Die von Tanshi nachgewiesene Kolonie ist die einzige bestätigte Population der Art. Davor war sie lediglich in einigen Waldhöhlen in Kamerun und Äquatorialguinea gesichtet worden. Diese Populationen seien aber durch Abholzung und Jagd verschwunden. Deshalb ging man bis zur Wiederentdeckung in Nigeria davon aus, dass die Art ausgestorben sei, heisst es in dem Bericht.
Das ist zwar nicht der Fall, aber dass dieses Szenario eintreten könnte, ist längst nicht ausgeschlossen. Denn obwohl die Fledermäuse in einem Schutzgebiet leben, werden sie weiterhin bejagt.
Um gegenzusteuern, gründete die nigerianische Biologin die Organisation Smacon und startete Programme gegen Waldbrände und für den Schutz kleiner Säugetiere. Für ihr Engagement wurde sie inzwischen mit mehreren internationalen Umweltpreisen ausgezeichnet.
Die Bedeutung ihrer Entdeckung hat für Tanshi bis heute nichts von ihrer Faszination verloren: «Etwas, von dem wir dachten, es sei ausgestorben, befand sich an diesem wunderschönen Ort, an den niemand geht.»
