International
USA

Jill Biden über den Moment als Joe die Präsidentschaft verlor

Educator and former First Lady of the United States Jill Biden in conversation at The 92nd Street Y on Tuesday, June 2, 2026, in New York. (Photo by Andy Kropa/Invision/AP)
Jill Biden
Jill Biden, die Frau von Ex-Präsident Joe Biden, hat ein neues Buch mit dem Titel «View from the East Wing» geschrieben. Das Bild zeigt sie bei einem Auftritt in New York.Bild: keystone

«Ich hatte solche Angst»: Jill Biden über den Moment, als Joe die Präsidentschaft verlor

Die ehemalige First Lady hat ein Buch über den dramatischen Wahlkampf 2024 geschrieben – zum Ärger vieler Demokraten. In Washington packt die Frau des Ex-Präsidenten nun aus.
07.06.2026, 22:5207.06.2026, 22:52
renzo ruf, washington d.c.

Es ist ein guter Tag für Jill Biden. Die ehemalige First Lady feiert an diesem Mittwoch ihren 75. Geburtstag. Joe, dem Gatten, geht es den Umständen entsprechend, seine unheilbare Krebserkrankung ist unter Kontrolle.

Und das Publikum, vor dem sie in Washington über ihr neues Buch sprechen will, ist ihr wohlgesinnt. Jill erkennt sogar einige alte Bekannte in der historischen Synagoge: Hedieh, die im Weissen Haus für die Blumen-Arrangements verantwortlich war. Oder der namenlose Butler, der ihr jeweils ein Glas Wein reichte, wenn sie erschöpft «nach Hause» kam.

Das hilft. Denn Jill Biden muss heute auch über den wohl dunkelsten Moment ihres politischen Lebens Auskunft geben: Die dramatischen Tage im Frühsommer 2024, als der damalige Präsident Joe Biden nach einer desolaten Vorstellung in einer TV-Debatte mit Donald Trump gezwungen wurde, seine Kandidatur für eine zweite Amtszeit aufzugeben. Zwei Jahre ist das nun schon her, und eigentlich möchten die meisten demokratischen Parteifreunde nicht mehr über diese Episode reden.

Jill aber hat ein Buch zu verkaufen.

Also kommt sie, nach einigen zahmen Einstiegsfragen der Moderatorin, auf diesen Abend zu sprechen, an dem sich die Träume von Joe in Luft auflösten: «Diese desaströse Debatte.» Sie seien in den Tagen vor dem TV-Duell getrennt unterwegs gewesen, erzählt Jill. Er bereitete sich auf den republikanischen Kontrahenten vor, sie machte Wahlkampf. Als sie Joe wenige Stunden vor Beginn der Fernsehsendung in einem Hotelzimmer in Atlanta endlich wieder gesehen habe, sei ihr sogleich aufgefallen, wie «furchtbar» er aussehe. «Seltsam einfarbig», sei das Gesicht des 81-Jährigen gewesen, schreibt sie in ihrem Buch. Joe selbst soll mit heiserer Stimme gesagt haben: «Ich fühle mich nicht sehr gut.»

Ärzte untersuchten Biden angeblich nach der Debatte

Jill wischte diese Einwände anscheinend beiseite. «Es wird schon gut gehen», habe sie geglaubt. Joe blühe normalerweise auf, sobald er das Scheinwerferlicht sehe, erzählt sie dem Publikum.

Nicht an diesem Abend.

Jill erzählt, wie sie in Panik geriet, als der Präsident vor der Fernsehkamera unsinnige Stellungnahmen von sich gab. «Du meine Güte», habe sie sich gedacht, «was ist nur los?» Sie habe ernsthaft das Gefühl gehabt, Joe erleide gerade einen Schlaganfall, erzählt sie. So steht es auch im Buch. «Ich hatte solche Angst!»

Das Publikum hört atemlos zu. Und niemand scheint sich zu fragen, warum die Gattin des mächtigsten Mannes der Welt – dessen Altersbeschwerden eines der dominanten Wahlkampf-Themen war – fast 90 Minuten zuschaute, während Joe Biden angeblich einen medizinischen Notfall hatte.

Jill Biden umarmt nach der vermasselten TV-Debatte am27. Juni 2024 ihren Gatten Joe.
Jill Biden umarmt nach der vermasselten TV-Debatte am27. Juni 2024 ihren Gatten Joe. bild: getty

Joe soll am Ende der Debatte freimütig gesagt haben: «I really fucked up», ich habe es wirklich vermasselt. Aber die Ursache für dieses Versagen, über die will Jill auch zwei Jahre später nicht öffentlich sprechen. Selbstverständlich sei Joe gleich untersucht worden, von den Ärzten, die den Präsidenten ständig begleiten. Sie hätten nichts gefunden. «Sie sagten: Jill, es geht ihm gut.» Und deshalb habe sie auch heute noch keine Ahnung, was während dem TV-Duell passiert sei. «Es ist nicht so, als ob wir ein Geheimnis hüten. Wir wissen es schlicht nicht», sagt sie.

Am Schluss gibt es ein Geburtstagsständchen

An anderer Stelle sagt die loyale Politiker-Gattin: Der Druck, dem Joe in den Tagen nach der Debatte ausgesetzt worden sei, und der schliesslich zu seinem Rückzug führte, der sei «überwältigend» gewesen. Sie deutet an, dass sie damals der Meinung war, er hätte nicht aufgeben sollen. Und dass er nach 50 Jahren Dienst an der Öffentlichkeit die Unterstützung seiner Partei verdient hätte.

Das Publikum scheint gleicher Meinung zu sein. Den wohl lautesten Applaus gibt es für Jill, als sie erzählt, wie sie Joe am Morgen nach der Debatte gesagt habe: «Steht auf! Wir lassen es nicht zu, dass eine Debatte deine ganze Karriere prägen wird.»

Als das Publikum die Gelegenheit hat, Fragen zu stellen, will niemand wissen, ob es vielleicht nicht besser gewesen wäre, hätte Jill mit der Publikation ihres Buches bis nach der Wahl im November gewartet – weil viele Demokraten lieber nach vorne schauen und über den aktuellen Präsidenten sprechen möchten. Stattdessen nutzt die Moderatorin die letzte Minute des Anlasses, um ein Geburtstagsständchen für die ehemalige First Lady anzustimmen.

750 Menschen singen «Happy Birthday». Und Jill Biden lächelt. (aargauerzeitung.ch)

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Die Amtszeit von Joe Biden in Bildern
1 / 21
Die Amtszeit von Joe Biden in Bildern
Joe Biden will nicht mehr: Der amtierende US-Präsident zieht sich aus dem Rennen um die Präsidentschaft zurück.
quelle: keystone / christophe petit tesson
Auf Facebook teilenAuf X teilen
Tausende demonstrieren gegen Luxusresort Von Trumps Schwiegersohn in Albanien
Video: watson
Das könnte dich auch noch interessieren:
Du hast uns was zu sagen?
Hast du einen relevanten Input oder hast du einen Fehler entdeckt? Du kannst uns dein Anliegen gerne via Formular übermitteln.
0 Kommentare
Dein Kommentar
YouTube Link
0 / 600
Hier gehts zu den Kommentarregeln.
Rapperin Ikkimel: «Mich macht es stolz, diese Hassfigur zu sein»
Die deutsche Rapperin Ikkimel ist für viele eine feministische Ikone, für andere eine Provokation. Im Interview spricht sie über ihren Hass auf Heteromänner, frauenfeindliche Frauen – und weshalb sie immer kompromissloser wird.
Die umstrittene Alt-Feministin Alice Schwarzer hat einen Wandel hinter sich: Erst fand Schwarzer Sie als Fotzenrapperin «unmöglich», jetzt verteidigt ebendiese Sie. Wie fühlt es sich an, Alice Schwarzer bekehrt zu haben?
Ikkimel: Die hat viele Takes gebracht, die ich nicht so geil finde. Daher juckt es mich wenig.
Zur Story