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Interview

Journalistin im Weissen Haus: «Trump braucht uns wie Luft zum Atmen»

Die Amerikanische White-House Korrespondentin des NPR, Tamara Keith bei einem Gespraech, anlaesslich des Swiss Media Forum vom Donnerstag, 7. Mai 2026 im KKL in Luzern. (KEYSTONE/Urs Flueeler)
Tamara Keith war 12 Jahre lang White-House-Correspondent für den Radiosender NPR. Am Swiss Media Forum sprach sie über ihre Arbeit.Bild: keystone
Interview

«Die Wahrheit ist, Trump braucht uns wie Luft zum Atmen»

Tamara Keith war zwölf Jahre lang Teil des exklusiven White-House-Pools. Sie begleitete Obama, Biden und Trump – und sass im Saal, als während eines Galadinners Schüsse fielen. Im Interview erklärt sie, warum Trump die Medien attackiert und zugleich auf sie angewiesen ist.
10.05.2026, 14:3210.05.2026, 14:44
Natasha Hähni
Natasha Hähni

12 Jahren lang war die Journalistin Teil des «White-House-Pools». So wird der enge Kreis von Reportern im Weissen Haus genannt. Sie dürfen mit dem Präsidenten in der Air Force One mitfliegen und bei wichtigen Terminen Fragen im Oval Office stellen. Ihrem Arbeitgeber, NPR (das Gegenstück zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Europa), hat Donald Trump den Krieg erklärt.

Keith ist in Luzern, um am Swiss Media Forum über ihre Rolle als White-House-Correspondent zu sprechen. Viel Zeit, um die Stadt zu erkunden, hat sie nicht. Bald reist sie mit Trump nach China. Immerhin: Vom Lokal, in dem sie sich mit der «Schweiz am Wochenende» zum Gespräch trifft, hat sie einen schönen Ausblick über den See und auf die Stadt. Im Interview sagt sie, wie es ist, wenn sich der Präsident über einen lustig macht, was er in seiner zweiten Amtszeit besser macht als in der ersten und warum er die Medien im Iran-Krieg braucht.

Was ist das grösste Missverständnis, das Menschen über das Weisse Haus haben?
Tamara Keith: Die Leute denken, das Weisse Haus sei grösser, als es ist. Auch der Pressesaal sieht im Fernsehen so eindrücklich aus. Dann geht man hinein und denkt: Das ist alles? Er sieht nur deshalb immer so überfüllt aus, weil er so klein ist. Es hat nur 49 Sitze.

Sie haben in zwölf Jahren Barack Obama, Joe Biden und Donald Trump begleitet. Welcher Wechsel war der härteste?
Der Wechsel von Obama zu Trump. Am Ende der Obama-Regierung passierte nicht mehr viel. Obama hatte die Kontrolle über den Kongress verloren, neue Gesetze gab es kaum noch. Dann kam Trump – und es war ein Schock. Er twitterte ununterbrochen, produzierte ständig selbst Nachrichten und machte Politik über Twitter. Für uns war das eine enorme Umstellung: Wir kamen aus einer ruhigen Phase, und plötzlich funktionierte alles nach anderen Regeln.

epa12671131 US President Donald Trump answers journalists' questions before leaving at the Annual Meeting of the World Economic Forum (WEF), in Davos, Switzerland, 22 January 2026. The 2026 summi ...
Donald Trump spricht trotz heftiger Kritik an den Medien regelmässig mit Reportern.Bild: keystone

Welche Regeln änderten sich?
Bei jedem Tweet mussten wir zuerst herausfinden: Ist das jetzt Politik – oder nur Gerede? Es gab lange die Tradition, dass Präsidenten mit ihren Worten vorsichtig waren. Sie wollten nicht, dass in einer Rede etwas Falsches steht, weil sie dafür kritisiert worden wären. Trump war das egal. Es ist ihm immer noch egal. Natürlich sollte man die Worte eines Politikers nie automatisch als Wahrheit ansehen. Aber bei Trump muss man Dinge überprüfen, bei denen man früher nicht einmal auf die Idee gekommen wäre, sie zu überprüfen.

Haben Sie ein Beispiel?
Ich habe in den vergangenen Monaten eine Geschichte darüber gemacht, dass der Präsident ständig sagte, die Medikamentenkosten würden um 600 Prozent gesenkt. Als ich beim Weissen Haus nachfragte, woher diese Zahl komme, erhielt ich keine Antwort. Weil es keine Antwort gab. Er hatte sie sich ausgedacht. Zum Spass rief ich dann einen Mathelehrer an und fragte: Wie funktionieren Prozentzahlen eigentlich? Mein Grundsatz für diese zweite Amtszeit lautet: Ich achte viel stärker darauf, was Trump tut, als darauf, was er sagt.

Macht Trump in seiner zweiten Amtszeit etwas besser als in seiner ersten?
Das hängt davon ab, ob man gut findet, was er tut. Aber er ist deutlich effizienter geworden. Er versteht heute besser, wie Regierung funktioniert. Er hat sich mit Leuten umgeben, die ihn nicht infrage stellen. Mit Menschen, die ihre Aufgabe nicht darin sehen, seine Impulse zu bremsen. Dadurch setzt er mehr durch. Er nutzt Exekutivmacht sehr gezielt und formt die Regierung nach seinem Willen.

Tamara Keith (rechts) reiste regelmässig in der Air Force One mit.
Tamara Keith (rechts) reiste regelmässig in der Air Force One mit.Bild: zvg

Und im Umgang mit den Medien?
Da ist das Bild widersprüchlich. Öffentlich ist dieses Weisse Haus extrem feindselig gegenüber den Medien. Im Alltag arbeitet es aber erstaunlich professionell. Wenn wir an einer Geschichte arbeiten, fragen sie nach der Deadline, schicken rechtzeitig eine Stellungnahme und sorgen dafür, dass ihre Sichtweise vorkommt. Manchmal sind diese Stellungnahmen allerdings derart übertrieben, dass es wirkt, als wollten sie uns herausfordern, sie wirklich zu veröffentlichen. Mitten in der Stellungnahme steht beispielsweise, wir seien «Fake News».

Womit hat Trump Sie überrascht?
Vielleicht war es mangelnde Vorstellungskraft meinerseits, aber ich hätte nicht gedacht, dass das Weisse Haus die White House Correspondents’ Association so offen untergraben würde. Früher entschied dieser Verband, wer im Pool war. Das Weisse Haus hat dieses System gesprengt. Die Folgen treffen vor allem die Presse. Ich war auch überrascht, dass er einen Erlass zur Abschaffung des Geburtsrechts auf Staatsbürgerschaft unterzeichnete, weil das so offensichtlich verfassungswidrig war. Es gab viele Dinge, die nicht auf meiner Bingo-Karte standen, darunter die Einstellung von USAID. Sie haben den ersten Monat der ersten Trump-Amtszeit genommen und ihn auf Steroide gesetzt.

Woher nimmt Trump all diese Ideen?
Oft ist die Antwort erstaunlich simpel: Er hat etwas im Fernsehen gesehen und reagiert darauf. Ich lasse Fox News häufig laufen. Das hilft enorm, um zu verstehen, worüber der Präsident gerade spricht. Wenn etwa ein Verbrechen eines Einwanderers auf Fox gross läuft und sonst kaum irgendwo, taucht es kurz darauf oft in Trumps Aussagen auf.

Abgesehen von Fox News ist Trump kein Freund der Medien. Er verklagt Medienhäuser, beleidigt Journalistinnen und schliesst Reporter von Terminen aus. Wie arbeitet man unter solchen Bedingungen?
Es ist eine sehr durchsichtige Taktik, vor allem Journalistinnen anzugreifen, die Fragen stellen, die ihm nicht gefallen. Er sagte Kaitlan Collins von CNN, sie solle lächeln. In seiner ersten Amtszeit griff er häufig schwarze Journalistinnen an, die über das Weisse Haus berichteten. Kürzlich nannte er eine Kollegin «Piggy» (deutsch: Schweinchen, Anm. d. Red.).

Was macht man in so einem Moment?
Das war schrecklich. Für die betroffene Journalistin, aber auch für den Rest von uns. Der Präsident hat in dieser Situation immer mehr Macht. Er kann eine Pressekonferenz beenden. Er kann aufrufen, wen er will. Er kann beleidigen, wen er will. Wir müssen professionell bleiben. Unser Job ist es, möglichst viele Antworten von ihm zu bekommen. Ich wurde schon oft gefragt, warum das Pressekorps nicht stärker füreinander einsteht. Das ist eine berechtigte Kritik. Aber im Moment selbst fühlt es sich oft nicht wie der richtige Schritt an.

Warum nicht?
Weil Trump durch den Angriff genau das erreicht, was er will: Die Aufmerksamkeit wandert weg von der Frage. Deshalb ist die beste Antwort oft nicht, den Angriff zu kommentieren, sondern die Frage noch einmal zu stellen, die er nicht beantworten wollte.

Ist Ihnen das selbst schon passiert?
Bei einer Kabinettssitzung Ende März fragte ich ihn, ob die USA in den Iran gehen würden, um Uran zu sichern. Trump machte sich über die Frage lustig. Sinngemäss sagte er: «Das ist eine schreckliche Frage.» Dann spottete er: «Ja, ich gehe morgen um drei Uhr hinein.» Natürlich war das keine Frage, die er direkt beantworten konnte. Aber es gäbe diplomatischere Antworten. Wenn Trump nicht antworten will, greift er oft die Frage oder die fragende Person an. Häufig fragt er dann: «Für wen arbeiten Sie?» In meinem Fall sagte er erstaunlicherweise: «Sie wirken wie eine freundliche Reporterin.» Später kam er darauf zurück, als jemand anders dieselbe Frage stellte. Da sagte er: «Genau wie ich es dieser freundlichen Reporterin nicht sagen konnte – oh nein, jetzt bringe ich sie in Verlegenheit.» Hätte er gefragt, für wen ich arbeite, hätte er wohl einen anderen Ton eingeschlagen. Er hat sich für die Einstellung von Regierungsgeldern für NPR starkgemacht.

Nach dem versuchten Attentat am White House Correspondents' Dinner – der jährlichen Journalistengala – sprach er versöhnlichere Töne gegenüber den Medien.
Für etwa drei Minuten. Aber die Wahrheit ist, er braucht uns wie Luft zum Atmen. Vor allem die hellen Lichter des Fernsehens machen ihn zu dem, was er ist. Ich glaube, auf einer gewissen Ebene weiss er das auch zu schätzen. Aber das ändert nichts daran, dass er mit Samthandschuhen angefasst werden will. Er will nur freundliche Berichterstattung. Seine Definition von Fake News ist: Nachrichten, die ihm nicht gefallen. Wie bei allen Politikern, und besonders bei diesem Präsidenten, geht es nicht darum, was er sagt, sondern darum, was er tut. Und seine Handlungen sind extrem feindselig gegenüber den Medien.

Sie waren während des Vorfalls am Galadinner ebenfalls im Saal. Was ist passiert?
Wir kamen nicht weit im Programm. Die Nationalhymne war gerade vorbei und die Salatteller wurden abgetischt, als ich die Schüsse hörte. So beschädigt die Kameradschaft unter den Medienschaffenden unter Trump auch ist, sich gemeinsam unter einem Tisch zu verschanzen, schweisst zusammen. Es gab viele Umarmungen. Ich hatte Angst, dass jemand verletzt wurde, was zum Glück nicht der Fall war.

Beim Iran-Krieg umging Trump die traditionellen Medien. Er veröffentlichte ein Video auf Social Media und beantwortete tagelang keine Fragen. Braucht er die Presse also doch nicht?
Doch. Gerade in solchen Momenten. Natürlich gab es diesen Krieg tatsächlich. Aber ein solches Video könnte theoretisch auch KI-generiert sein. Trump ist leicht zu imitieren. Seine Sprachmuster sind sehr bekannt. In zehn Jahren wird man kaum noch wissen, was echt ist und was nicht. Dass Trump drei Tage nicht mit der Presse sprach, hat den Krieg nicht automatisch unpopulär gemacht. Aber es bedeutete, dass er zu Beginn keine klare Begründung lieferte. Er lebt in einer Blase, in der seine Zustimmung unter MAGA-Anhängern stabil ist, und er hält Umfragen für falsch. Ich glaube, er unterschätzte, wie wichtig es ist, einen Krieg der amerikanischen Bevölkerung zu erklären. Vielleicht unterschätzte er auch, wie stark die Benzinpreise steigen würden. Die Regierung bereitete die Bevölkerung nicht auf die Opfer vor, die sie bringen sollte. Und Opfer sind viel schwieriger zu akzeptieren, wenn man nicht überzeugt wurde, wofür sie nötig sind.

Ende Jahr sind Parlamentswahlen, 2028 folgen die Präsidentschaftswahlen. Welche Partei hat die Nase vorn?
Mein grosser Gedanke ist: Beide Parteien wurden seit 2016 von Trump definiert.

Wie meinen Sie das?
In der Republikanischen Partei ist Trump seit 2016 die dominante Figur. Er hat viele innere Konflikte überdeckt, etwa beim Thema Abtreibung. Die Partei steht heute für das, wofür Trump steht – und das kann sich jederzeit ändern. Weil seine Wählerinnen und Wähler ihm persönlich so treu sind, musste die Partei nie wirklich klären, wofür sie eigentlich steht. Auf der Seite der Demokraten läuft fast alles gegen Trump. Selbst politische Vorschläge werden mit Trump im Kopf gemacht. Jede Kongresswahl drehte sich darum, ihm entgegenzutreten. Aber was passiert, wenn Trump nicht mehr da ist? Wofür steht man dann?

Die USA sind im jüngsten Bericht von Reporter ohne Grenzen zur Pressefreiheit auf Platz 64 gefallen. Die Schweiz liegt auf Platz 8. Wünschen Sie sich manchmal, in einem anderen Land Journalistin zu sein?
Nein. Ich glaube an das amerikanische Experiment. Unser zutiefst fehlerhaftes, kompliziertes, gespaltenes Land ist faszinierend.

Was macht den Journalismus in den USA besonders?
Die Selbstverständlichkeit der amerikanischen Presse. Wir glauben wirklich, dass wir dort hingehören. Dass wir ein Recht haben, Fragen zu stellen. Natürlich sollte ich ein Kongressmitglied im Flur interviewen können, ohne zuerst durch dessen Stab zu müssen. Natürlich sollte ich Zugang haben. Auch bei internationalen Gipfeln oder Treffen mit anderen Staatsoberhäuptern sind die 13 Journalistinnen und Journalisten des «Press Pools» im Raum. Wir sind Teil des Pakets. Das ist eigentlich ziemlich cool. In anderen Ländern ist das nicht automatisch die Grundannahme.

Als Teil des «Pools» reisen Sie mit dem Präsidenten um die Welt. Welche Reise ist Ihnen besonders geblieben?
Während Trumps erster Präsidentschaft wurden wir in einer Nacht-und-Nebel-Aktion zusammengerufen, um mit ihm in den Irak zu fliegen. Ich durfte nur meinem Mann davon erzählen, unsere Handysignale wurden gekappt, und wir durften erst berichten, als wir wieder auf dem Rückflug waren. Nach dem 7. Oktober 2023 reiste ich mit Joe Biden nach Israel. Das war ebenfalls eindrücklich. Im Flur bin ich fast in Ministerpräsident Benjamin Netanyahu hineingelaufen. Er hatte weniger Personal um sich als der US-Präsident. Die beste Reise war aber wohl Paris mit Joe Biden. Nach dem Staatsdinner zum D-Day ging der Präsident früh schlafen, sodass wir abends ausgehen konnten.

Seit März arbeiten Sie in einer neuen Rolle. Statt nur über das Weisse Haus berichten Sie für NPR künftig über US-Politik insgesamt. Was werden Sie nicht vermissen?
Die Push-Nachrichten auf meinem Handy, jedes Mal, wenn Trump etwas auf Social Media schreibt. Ich werde ihm sicher weiter folgen. Aber mein Handy muss nicht jedes Mal vibrieren, wenn er einen Gedanken hat. Ich freue mich darauf, abends schlafen zu können, ohne Angst, dass mich jemand weckt, weil Breaking News anstehen. Das beste Beispiel war der Anruf um ein Uhr morgens, als Trump positiv auf Covid getestet wurde.

Also mehr Zeit für die Familie?
Theoretisch ja. Aber meine Kinder werden es tatsächlich vermissen. Ich dachte, sie wären froh, dass ich weniger oft plötzlich wegmuss. Stattdessen sagten sie: «Aber wir mögen doch die M&M’s von der Air Force One, die du mitbringst.» Vielleicht sind sie stolz auf meinen Job oder auf mich. Sie würden es nur nie so sagen. Es ist ja auch seltsam: Ich hatte einen kleinen Arbeitsplatz im Keller des Weissen Hauses und ging einfach ins Weisse Haus, um zu arbeiten. Das ist absurd. Und grossartig. (aargauerzeitung.ch)

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