«So etwas habe ich noch nie erlebt»: Schweizer Retter in Venezuela
Zwei Tage nach dem verheerenden Erdbeben ist am Freitagmorgen (Ortszeit) ein Schweizer Rettungsteam in Venezuela gelandet. Weil die Piste des Flughafens in der Hauptstadt Caracas stark beschädigt worden ist, musste man auf einen zwei Autostunden entfernten Regionalflughafen ausweichen. «Wir verladen jetzt das Material und machen uns gleich auf den Weg, um möglichst rasch mit der Arbeit beginnen zu können», sagt Teamleiter Sebastian Eugster, als «Schweiz heute» ihn am Freitagabend erreicht. Das Handynetz ist überlastet, die Telefonverbindung bricht ständig ab.
80 Spezialistinnen und Spezialisten hat die Schweiz in die Region entsandt, darunter 22 Armeeangehörige. Nebst Fachpersonen für die Rettung von Menschen aus Trümmern sind auch Ärzte und Bauingenieure dabei, die die Statik einsturzgefährdeter Gebäude prüfen können. Das Schweizer Team wird – in Absprache mit anderen internationalen Helfern und den venezolanischen Behörden – nördlich von Caracas seine Zelte aufschlagen. Ein Vorausdetachement ist bereits im Katastrophengebiet.
Die Retter arbeiten Tag und Nacht
Dort, im Bundesstaat La Guaira, ist die Zerstörung besonders gross. Die Zahl der geborgenen Toten ist nach Angaben der Regierung inzwischen auf über 580 Personen gestiegen. Fast 3000 Menschen seien verletzt worden. Zehntausende Personen dürften unter den Trümmern begraben worden sein. Familien suchen teils mit blossen Händen nach ihren Angehörigen. Es fehle an schwerem Gerät, um Trümmer zu beseitigen, heisst es aus dem Erdbebengebiet.
Hier kann die Schweiz weiterhelfen. Mit dabei haben die Schweizer Helfer acht Suchhunde – und 18 Tonnen Material: Geräte, um Menschen zu orten und Maschinen, um Betontrümmer zu heben, zu durchbohren oder durchzuschneiden. Lampen, um auch in der Nacht arbeiten zu können. Dazu Zelte, Lebensmittel, Wasser für den ersten Tag. «Wir arbeiten 24 Stunden auf zwei Schadensplätzen parallel, während bis zu zehn Tagen», umreisst Eugster den Einsatz. Für die erste Such- und Rettungsphase hat der Bund 1,5 Millionen Franken Nothilfegelder freigegeben.
«So etwas habe ich noch nie erlebt»
Neben Schweizer Helferinnen und Helfern gehörten Einsatzteams aus Mexiko und dem Nachbarland Kolumbien zu den ersten vor Ort. «Die Unterstützung aus den Vereinigten Staaten war zu diesem Zeitpunkt noch nicht eingetroffen; sie kam erst heute. Ich habe mich darüber sehr geärgert», sagt Unternehmerin Elisabeth, die in Venezuela lebt.
Washington sagte dem Land unterdessen Hilfsgelder in Höhe von 150 Millionen Dollar zu. Damit die Unterstützung rasch ankommt, setzte das US-Finanzministerium Teile der Sanktionen vorübergehend ausser Kraft. Zudem will Elon Musks Satellitenanbieter Starlink das Kommunikationsnetz bis zum 25. Juli kostenlos bereitstellen.
Elisabeth fuhr in den ersten Stunden nach dem Erdbeben durch ihre Heimatstadt Caracas, um sich einen Überblick über das Ausmass zu verschaffen. Vielerorts waren das Mobilfunknetz und das Internet nach den Beben eingeschränkt. In sozialen Netzwerken kursierten Gerüchte über einen drohenden Tsunami. Im Gespräch mit unserer Zeitung sagt sie am Freitag: «So etwas habe ich noch nie erlebt.» Sie erinnert sich an zwei kleinere Erdbeben in Venezuela. Die Zerstörung von damals sei nicht mit der aktuellen zu vergleichen. «Was wir hier in Venezuela erlebt haben, ist schrecklich», so Elisabeth.
Das Erdbeben überraschte sie und ihre Familie in ihrer Wohnung: «Meine Nichte, mein Mann und ich sassen gerade beim Abendessen. Plötzlich ertönte auf meinem Handy eine Warnung.» Noch während sie die Benachrichtigung las, habe sie die erste Erschütterung gespürt. Dann folgte die zweite, noch stärkere. «Wir wollten aus der Wohnung fliehen, erinnerten uns dann aber daran, dass die Türrahmen bei uns aus Stahl und nicht aus Holz sind», so Elisabeth. Dort hätten sie dann ausgeharrt, bis die Erschütterungen nachliessen.
Wie sie auf ihrer Rundfahrt nach den Beben schnell bemerkte, hätte das Ausharren im Gebäude auch anders enden können: Auch in der Hauptstadt sind viele Gebäude teilweise oder ganz eingestürzt. «Wir danken Gott, dass unser Wohnhaus und die umliegenden Gebäude in unserem Quartier nicht beschädigt wurden», so Elisabeth. (schweizheute.ch)

