Reizdarmsyndrom: «Bei jedem Essen fragte ich mich, ob es mir nachher wieder schlecht geht»
Die 45-jährige Ramona Meier (Name geändert) hat seit mehreren Jahren ein Reizdarmsyndrom, woran fast jede zehnte Person leidet, mehrheitlich Frauen. «Anfangs waren es vor allem Blähungen und Bauchschmerzen nach dem Essen, später auch Durchfall», sagt Ramona Meier. «Ich begann bei jedem Essen, mir zu überlegen, ob es mir nachher wieder schlecht gehen könnte.»
Sie probierte verschiedene Therapien aus: ballaststoffreiche Ernährung, Medikamente gegen Krämpfe und Blähungen, Probiotika und unterschiedlichste Ernährungsformen. Manches hat ihr vorübergehend geholfen, anderes überhaupt nicht. «Mit der Zeit habe ich immer mehr Lebensmittel wahllos weggelassen, ohne Erfolg.»
Sie wandte sich schliesslich an den Zürcher Magendarmarzt Stephan Vavricka. «Das Reizdarmsyndrom ist keine eingebildete Krankheit», erklärt Vavricka. «Heute verstehen wir es als Störung der Darm-Hirn-Achse.» Dabei spielten insbesondere die veränderte Schmerzempfindlichkeit des Darms und dessen Bewegungsfähigkeit eine Rolle.
Schwer verdaulichen Zucker weglassen
Zum Behandlungsplan bei einem Reizdarm gehört zentral eine Ernährungsumstellung. Empfohlen ist die sogenannte «FODMAP»-Diät. Es ist eine Abkürzung, die für eine Reihe von kurzkettigen Kohlenhydraten steht, die im Dünndarm schlecht aufgenommen werden, wie zum Beispiel Laktose, Fruktose oder Sorbit. Diese «Zuckerarten» kommen in ganz gewöhnlichen Lebensmitteln vor wie Zwiebeln, Knoblauch, Weizenprodukten, Hülsenfrüchten, in bestimmten Früchten und Milchprodukten sowie in einigen Süssungsmitteln.
Gelangen grössere Mengen davon in den Dickdarm, werden sie von Darmbakterien vergoren. Es entstehen Gase. «Bei einem empfindlichen Darm kann dies Blähungen, Schmerzen und Veränderungen des Stuhlgangs auslösen», sagt Vavricka.
Bei dieser Diät reduziert man für einige Wochen Lebensmittel mit solchen kurzkettigen Kohlenhydraten, um danach wieder einzelne gezielt einzuführen. Die strenge Eliminationsphase dauert zwei bis sechs Wochen. Die Dauer der Wiedereinführung geht über mehrere Wochen. Wichtig sei es, herauszufinden, welche heiklen Lebensmittel vertragen werden und in welchen Mengen, sagt Vavricka.
Bei sorgfältig ausgewählten Patientinnen und Patienten mit Reizdarm kann eine solche Ernährung recht erfolgreich sein. «Rund zwei Drittel der Betroffenen profitieren von der Diät, zumindest teilweise», sagt Vavricka. Die anderen sprächen wenig oder gar nicht darauf an. Die Diät sei deshalb weder eine Garantie noch eine Heilung des Reizdarmsyndroms. Sie könne jedoch die Symptome reduzieren. «Die langfristige Ernährung sollte jedoch so vielfältig wie möglich bleiben», betont der Arzt.
Keine dauerhafte Verbotsliste einführen
Der häufigste Fehler besteht darin, aus der zuckerarmen Ernährung eine dauerhafte Verbotsliste zu machen. Eine unnötig restriktive Ernährung kann zu einer einseitigen Nährstoffzufuhr führen. Sie erschwert zudem das Essen ausser Haus und kann die Lebensqualität beeinträchtigen. Auch die Darmflora verändert sich unter einer stark eingeschränkten Ernährung, was auch Auswirkungen auf den ganzen Organismus hat.
Die FODMAP-arme Ernährung soll auch keine lebenslange Diät sein. Vavricka rät zudem Menschen von dieser Diät ab, die ohnehin bereits viele Lebensmittel meiden, untergewichtig sind oder ein problematisches Verhältnis zum Essen entwickelt haben.
Ramona Meier begann ebenfalls mit dieser Ernährung. Der Aufwand mit der Ernährungsumstellung hat sich gelohnt. Erste Veränderungen spürte die Patientin schon innerhalb der ersten Wochen, die Blähungen und Bauchschmerzen wurden deutlich weniger. Danach folgte die wichtige Phase, in der wieder Lebensmittel ausprobiert werden. «Überrascht stellte ich dabei fest, dass ich einiges wieder problemlos essen kann, anderes aber nur in kleineren Mengen vertrage.»
Hilfreich für sie war auch die Unterstützung der Ernährungsberaterin. Ohne sie hätte sie wohl zu viele Lebensmittel gestrichen. «Die Beschwerden sind zwar nicht komplett verschwunden», sagt Ramona Meier, aber dank der Diät könne sie heute wieder viel freier essen als zu Therapiebeginn und zugleich die Beschwerden in Schach halten. (schweizheute.ch)
