Das Ding, das nicht nur Christian Eriksen rettete
65. Minute im gestrigen Freundschaftsspiel zwischen der Ukraine und Dänemark. Mittelfeldstar Christian Eriksen greift sich an die Brust. Dann sackt er zusammen. Im Stadion wird es sofort still. Nicht schon wieder Eriksen.
Doch die Geschichte endet glimpflich. Glimpflicher als beim EM-Spiel 2021 gegen Finnland in Kopenhagen. Dort bricht Eriksen ebenfalls zusammen. Doch damals bleibt er liegen. «Für fünf Minuten habe ich diese Welt verlassen», sagt er später über den Vorfall. Fünf Minuten kämpfen Ärzte mit Herzmassagen und einem Defibrillator um sein Leben. Seine Teamkollegen standen mit Tränen in den Augen um ihn herum und verwarfen die Hände. Am Ende wird er mit einer Bahre aus dem Stadion getragen. Seine Augen sind wach, er lebt.
Dass der Vizekapitän der Dänen das Stadion gestern aus eigener Kraft zu Fuss verlassen konnte, hat er dem ICD zu verdanken, der ihm nach dem Vorfall an der Euro eingesetzt wurde – ein implantierbarer Kardioverter-Defibrillator. Dabei handelt es sich um ein batteriebetriebenes Gerät, das in die Brust, oft in die Nähe des Schlüsselbeins, eingesetzt wird. Es verfügt je nach Modell über eine oder zwei Elektroden, sogenannte Leads, die über eine Vene bis in den rechten Vorhof und/oder die rechte Herzkammer reichen. Sie messen die Herzschläge. Kommt es zu lebensbedrohlichen Unregelmässigkeiten, senden sie elektrische Schocks ab, bis das Herz wieder regelmässig schlägt.
Genau das ist im Fall von Eriksen gestern geschehen, wie Teamarzt Morten Boesen kurz nach dem Vorfall erklärte: «Der ICD hat genau so funktioniert, wie er sollte. Weitere Untersuchungen im Spital werden nun zeigen, weshalb es zu diesem Vorfall kam.» Nicht zu verwechseln sind ICDs mit Herzschrittmachern. Diese werden bei anderen medizinischen Problemen eingesetzt – häufig bei chronisch zu niedriger Herzfrequenz oder Reizleitungsstörungen.
Laut Boesen geht es Eriksen aktuell gut. Seine Familie sei bei ihm und es werde erwartet, dass er bald aus dem Spital entlassen und nach Hause gehen könne. Weiter sagte der Teamarzt, er sei sich ziemlich sicher, dass der implantierte Defibrillator nur einen Impuls abgegeben habe. Laut taz bekundeten die Systeme noch vor wenigen Jahren Probleme mit der Unterscheidung von lebensbedrohlichen Störungen und erhöhter Agitation aufgrund einer stressigen Schlussphase eines Fussballspiels.
Es wäre nicht der erste Fall, bei dem ein ICD mitten in einem Spiel einschritt. Während eines Testspiels von Ajax Amsterdam gegen Hertha BSC im August 2020 brach der niederländische Spieler Daley Blind in der 80. Minute zusammen – blieb allerdings bei Bewusstsein. Der Sohn der Holland-Legende Danny Blind spielt ebenfalls mit einem ICD. Die Massnahme wurde ergriffen, nachdem er sich bei einem Champions-League-Spiel gegen Valencia wegen Schwindelgefühlen auswechseln lassen musste und bei der anschliessenden Untersuchung eine Herzmuskelentzündung (Myokarditis) festgestellt wurde.
Auch bei Blind geht man davon aus, dass das lebensrettende Gerät gegen die Hertha einen Stromstoss absetzte. «Der ICD ging los, und gleich danach ging es ihm wieder gut», kommentierte der damalige Ajax-Trainer Erik ten Hag den Vorfall.
Komplett spurlos ging die Schrecksekunde aber nicht an Daley Blind vorbei. Erst Monate später habe er wieder eine ganze Partie durchspielen können, ohne an sein Herz zu denken, erklärte sein Vater. Seine Karriere beendete er wegen des Vorfalls nicht. Blind spielt heute in Girona – allerdings nicht mehr in der Nationalmannschaft.
Christian Eriksen zeigte sich bei seiner Rückkehr in den Profifussball zuversichtlich: «Ich hatte Zeit, das System zu testen. Ich habe keine Angst, dass ich noch einmal kollabieren könnte – nicht im Geringsten», erklärte er gegenüber dem dänischen Fernsehen, «vor allem nicht auf dem Fussballplatz». Was er vor allem wolle, betonte er, sei, dass die Leute nicht immer daran denken müssten, dass es ihm erneut passieren könnte. Das war im Januar 2022. Unglücklicherweise kam es nun vier Jahre später anders.
Wie es mit der Karriere von Eriksen weitergeht, steht in den Sternen. In der «Bild» forderte ein dänischer Journalist Eriksens sofortiges Karriereende. Die Familie des Spielers und er selbst dürften da noch ein Wörtchen mitzureden haben – und unter Umständen auch die Verbände. In Italien ist es per Entscheid der Gesundheitsbehörde Personen mit ICDs untersagt, als Fussballprofi tätig zu sein. Eriksen verliess deshalb Inter Mailand in Richtung England. Letzte Saison war er Kapitän beim Bundesliga-Absteiger Wolfsburg. Diese Woche hätten Gespräche über eine gemeinsame Zukunft in der Zweiten Bundesliga anstehen sollen.
Weniger Glück hatte 2017 Abdelhak Nouri. Der Ajax-Profi erlitt mit 20 Jahren bei einem Freundschaftsspiel gegen Werder Bremen auf dem Platz einen Herzstillstand. Zwar konnte er wiederbelebt werden, doch er lag über ein Jahr im Koma. Sein Hirn war so lange ohne Sauerstoff geblieben, dass der Vorfall bleibende Schäden hinterliess – Nouri lebte danach zuerst in einem Heim und wird heute von seiner Familie betreut.
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