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Interview

Serienstart von «Possession»: Crome macht Kolonial-Verbrechen zum Horror

With Oliver and Cudjoe now possessed, Claudia seeks out
her Aunt Mercy to help her defeat Charlotte. Mercy
instructs Claudia into a Spirit Journey, a trance-like state
led by their ancestors, and Clau ...
Nein, DAS ist nicht Karla Crome, sondern Gugu Mbatha-Raw als Anwältin Claudia.Bild: Sky UK Ltd / Des Willie
Interview

Die fantastische Karla Crome: Jamaikas Geschichte wird bei ihr zur Horror-Serie

Eigentlich ist die Britin Schauspielerin. Zum Glück schreibt sie auch gerne gute Drehbücher. Was «Possession» auf Sky Show beweist.
07.09.2026, 19:2507.09.2026, 19:25

Wagen wir mal die These: Von Karla Crome wird noch viel Gutes kommen. Was für ein Talent! Eben ist die erste Serie der 38-jährigen britischen Drehbuchautorin erschienen und sie ist einer jener unerwartete Goldklumpen, auf die man stösst, wenn man sich tapfer durch Tonnen von Schrott gräbt. Durch all die Streaming-Produktionen, welche die Triggerwarnung «totale geistige Unterforderung» bräuchten. Endlich ist da mal wieder was Kühnes, Kluges, Vielschichtiges, Herausforderndes, das alle Aufmerksamkeit verlangt und dabei so aufregend und interessant ist, dass man sich auch gar nicht abwenden mag.

Die Geschichte von «Possession» spielt auf zwei Zeitebenen. Im Heute und 1762. Sie beginnt in Bristol, wo eine Anwaltskanzlei ihre halb jamaikanische Anwältin Claudia (Gugu Mbatha-Raw) nach Kingston schickt. Ein britischer Plantagenbesitzer ist tot und hat all seine Millionen nicht seinem Sohn vermacht, sondern einem unbekannten Jamaikaner namens Cudjoe East (Sheldon Shepherd).

Während sich Claudia in die Geschichte der Plantage vertieft und nach Cudjoe East sucht, geraten Zeit und Welt aus den Fugen. Schliesslich handelt es sich bei «Possession» um eine Horror-Serie. Und im Horror werden das Un- und Unterbewusste, das Unverdaute und das Unverdiente, all die Traumata aus der Vergangenheit nach aussen gestülpt und es wachsen ihnen monströse Köpfe. Cudjoe entpuppt sich als Zeitenwanderer, der vor über 250 Jahren die Hölle der Sklaverei erlebte. Und für Claudia verwandelt sich die die Villa auf der Plantage in ein unheimliches Spukhaus.

Der Trailer

«Alles begann mit dieser kleinen Idee, nein, falsch, mit einer riesengrossen Idee. Oder sagen wir, mit dem Kern einer Idee. Eigentlich war es bloss ein einziger Satz», sagt Karla Crome, die ich per Zoom in England erreiche. Die Idee, der eine Satz, stammt nicht von ihr, er stammt von Jefferson Bannis, dessen Name gross neben ihrem im Vorspann von «Possession» steht. Über Jefferson Bannis findet sich im Internet nichts. Einfach nichts.

«Possession» heisst einerseits «Besitz», andererseits «Besessenheit». Es ist die schliesslich die Geschichte einer von Gespenstern heimgesuchten Immobilie. Ist Jefferson Bannis etwa auch ein Gespenst? Angeblich ist er Schriftsteller. «Ja, Schriftsteller. Und ein schwarzer Aktivist. Er hatte diese Idee, dass ein schwarzer Mann, der früher Zeuge der Sklaverei war, bis heute lebt und in einen Erbschaftsstreit verwickelt wird. Das war der Kern. Von da aus haben sich alle anderen Figuren und die Atmosphäre entwickelt, das Gespenstische, der Horror.» Sieben Jahre lang hat Karla Crome mit der Idee von Bannis gearbeitet. Hat recherchiert. Britische Kolonialgeschichte. Jamaikanische Spiritualität. «Und sogar alles über Geburtsmedizin.»

«Possession» lebt von Gegenüberstellungen und Entsprechungen. Charlotte (Bel Powley), Tochter des Plantagenbesitzers um 1760, praktiziert weisse Hexerei. Die Sklaven praktizieren schwarze Magie. Für beide ist es ein Ausweg, eine Rebellion, ein Befreiungsversuch. Für Charlotte aus dem absurden Korsett einer zwar privilegierten, aber dennoch geknechteten Weiblichkeit. Für die Sklaven aus ihrem grundsätzlichen Elend. «Beide Seiten kämpfen ums Überleben», sagt Crome. Mit Zaubersprüchen, Insektenschwärmen, Seuchen, Lähmungen ... Es ist sehr gruselig.

Cudjoe East refuses to return the Connaught family
inheritance, claiming to be a 300-year-old slave who used
to work at Hope Hill. Meanwhile, Oliver uncovers some
damning family history and struggles  ...
Verbitterung macht böse: Bel Powley als Charlotte.Bild: Sky UK Ltd / Des Willie

Wie schwierig war die Darstellung von Sklaverei? «Das war echt hart. Es gibt eine Fülle von TV-Serien und Filmen über Sklaverei, die ich mir kaum anschauen kann, weil sie Gewalt und Brutalität verherrlichen. Ich will mich nicht der Unterhaltungsindustrie anbiedern, indem ich schwarze Körper misshandle. Wir haben uns grosse Mühe gegeben, jene Zeit möglichst authentisch darzustellen, ohne die Grausamkeiten zu übertreiben. Okay, wir drehten den Spiess lieber um und wandten die Brutalität gegen die Sklavenhalter.»

Vor «Possession» war Crome «staff-writer», also im Drehbuchteam von Serien wie der Harlan-Coben-Adaptation «The Stranger» für Netflix. Eine von vielen. Jetzt war sie die Einzige. Und nebenbei – oder hauptberuflich – auch noch Schauspielerin. Zuletzt war sie im Netflix-Hochzeits-Horror «Something Very Bad Is Going to Happen» zu sehen oder an der Seite von Aimee Lou Wood im deprimierenden britischen True-Crime-Drama «Toxic Town» über Missbildungen bei Babys nach einem Giftmüllunfall (ebenfalls auf Netflix).

Karla Crome, Gus Birney, and Jeff Wilbusch USA. Karla Crome, Gus Birney, and Jeff Wilbusch in a scene from CNetflix new series : Something Very Bad Is Going to Happen 2026. Plot: A certain atmosphere  ...
DAS ist Karla Crome (links). In der Netflix-Serie «Something Very Bad Is Going to Happen».Bild: www.imago-images.de

Vor elf Jahren sorgte sie in Grossbritannien für Aufsehen, weil sie sich als junge, gefragte Schauspielerin hinstellte und sagte, dass in einer Branche, in der 90 Prozent ihrer Kolleginnen und Kollegen arbeitslos seien, zu vieles schieflaufen würde. Seither gilt sie als Rebellin. Arbeit hatte sie nie zu wenig. Im Gegenteil. Während der sieben Jahre, in denen sie an «Possession» schrieb oder auf Finanzierungsbescheide wartete, spielte sie fast ununterbrochen weiter: «Es war, als würde ich einem Zug nachrennen, aber für ein nächstes Mal bin ich besser gerüstet.»

«Possession» steht in einer direkten Linie von Filmen schwarzer Autorinnen und Regisseure, die sich mit Rassismusgeschichte auseinandersetzen und den Terror dabei mit Horror illustrieren: «Sinners» von Ryan Coogler etwa, «Get Out» oder «Us» von Jordan Peele. «Jordan Peele war SO wichtig für mich, vielen Dank für den Vergleich! ‹Possession› bedient sich des Horror-Genres, um sich mit den ungetilgten Schulden der Sklaverei auseinanderzusetzen und sie aufzuarbeiten. Besonders in der Beziehung zwischen Grossbritannien und Jamaika. Der Horror ist das trojanische Pferd, mit dem etwas sehr Existentielles in die Geschichte hineingeschmuggelt wird.»

Ist sie eine Horror-Expertin? Schliesslich hat sie schon einige Projekte in dem Genre gemacht. «Ja, ja, ja! Ich liebe Horror! Er ist eine clevere Methode, um unsere Ängste und unsere Paranoia zu hinterfragen. Heute kommt man immer mehr von diesem 90er-Jahre-Slasher-Genre weg und entwickelt etwas Nachdenklicheres, Raffinierteres. Es kann entsetzlich sein, aber es kann uns gleichzeitig auch ganz tief berühren.»

Cudjoe East refuses to return the Connaught family
inheritance, claiming to be a 300-year-old slave who used
to work at Hope Hill. Meanwhile, Oliver uncovers some
damning family history and struggles  ...
Der Zeitenwanderer Cudjoe East (Sheldon Shepherd) im Heute.Bild: Sky UK Ltd / Des Willie

Sie hat einmal gesagt, sie sei eine sehr abergläubische Person. War das hilfreich im Kontext von so viel spiritistischem und übernatürlichem Material? «Wir hatten eine kulturelle Beraterin mit am Dreh, sie hat uns über alles aufgeklärt, über Voodoo und Obeah, spirituelle Praktiken, die in Jamaika nicht ausgestorben, sondern vielmehr wiederbelebt worden sind. Wir hatten einen Riesenrespekt davor. In einer Szene hatten wir uns alle, auch die Crew, Nadeln angesteckt, die uns am Boden festhalten und nicht abheben lassen sollten. Sie hat mir auch gesagt, dass sich durch mich ein paar Vorfahren manifestieren würden. Sie segnete auch den Drehort und hat ein paar Rituale für uns abgewandelt, damit sie sich nicht in echte Zauberrituale verwandeln würden.»

Und? Hat sich die Arbeit in eine Tiefenbohrung in der Vergangenheit ihrer eigenen Familie entwickelt? Ihre Mutter ist eine jamaikanische Pflegefachfrau, ihr Vater ein britischer Spengler, aufgewachsen ist Crome nördlich von London. Ihre Geschichte könnte auch die Geschichte von Claudia sein. Oder eine ähnliche. «Ich betrachte mich nicht zwingend als Leitung zu Tausenden von Menschen, die vor mir gelebt haben. Es geht eher darum, zu begreifen, dass Herkunft weiter zurückgeht als bloss bis zu den Eltern und Grosseltern. Sich für alle, die vor ihnen da waren, zu öffnen und zu verstehen, auf wessen Schultern man eigentlich steht. Kulturell fühle ich mich sehr britisch, doch mein Erbe ist absolut jamaikanisch, das habe ich bei der Arbeit vor Ort begriffen.»

Trapped in Hope Hill, Claudia must use all her ingenuity to
free herself and Cudjoe and defeat Charlotte’s villainous
spirit once and for all. To do so, she must embrace both
her British and Jamaican  ...
Bild: Sky UK Ltd / Nile Sauter

Hat das etwas für sie verändert? «Oh ja, es hat mich aufgeweckt. Es gibt diesen Handlungsstrang der Wiedergutmachung in der Serie, der mir sehr wichtig ist. Es geht mir dabei weniger um Reparationszahlungen als um die Idee der Wiedergutmachung. Und darum, anzuerkennen, dass Ereignisse in der Vergangenheit ihre Konsequenzen in der Gegenwart haben. Man kann das als politisches Statement verstehen, für mich ist es eher ein kreatives und emotionales.»

Sky machte möglich, dass «Possession» von einem weitgehend jamaikanischen Team gedreht wurde. Regisseur Storm Saulter hat auch schon Musikvideos für Sean Paul gedreht, und er beschloss, die Serie ganz in die Farben und Klänge seiner Heimat zu tauchen. «Es gibt das Grau von Bristol, aber im Moment, da Claudia in Jamaika ankommt, flirrt die Luft, das Licht ist hell, die Farben und Landschaften sind üppig und strahlend und überall ist Musik. Storm sagte: Wir können eine komplexe und düstere Geschichte erzählen, aber sie muss nicht düster aussehen. ‹Possession› ist mein erstes eigenes Projekt, und Storm war der sanfteste, liebste Begleiter, den ich mir wünschen konnte.»

Ihr nächstes Projekt «The Last Disturbance of Madeline Hynde» ist schon abgedreht, da ist sie nicht Drehbuchautorin, da ist sie wieder ganz Schauspielerin. In einer Nebenrolle. Regie führt das Gegenteil von Storm Saulter, nämlich ein älterer, sehr weisser Brite namens Kenneth Branagh. Auch da geht es selbstverständlich wieder um die Grenzverwischung zwischen Wirklichkeit und Wahnsinn.

«Possession» läuft jetzt auf Sky Show.

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