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Das Netflix-Remake «Unsere kleine Farm» hat eine wilde Geschichte

Little House on the Prairie. 2026
Eisernes Gesetz: Pro Netflix-Folge muss «Pa» (Luke Bracey) mindestens dreimal zur Geige greifen.Bild: LERIC ZACHANOWICH/NETFLIX

Vom Pionierleben zum Netflix-Remake: «Unsere kleine Farm» hat eine wilde Geschichte

Hinter der Netflix-Serie von heute steckt die beliebte Serie aus den 70ern. Und hinter dieser die Bücher von Laura Ingalls. Die ihre eigene, an Dramen und Abenteuern reiche amerikanische Kindheit verarbeitet hat.
18.07.2026, 10:4918.07.2026, 13:03

Eine amerikanische Odyssee

Das Leben der Laura Ingalls Wilder gleicht einem Quilt aus Versagen, Unglücksfällen, Missverständnissen und Naivität. Vater Charles hat kein Talent für Geld, aber einen grossen Idealismus, er glaubt an das Versprechen, dass man sich irgendwo in Amerika ein Stück Land nehmen und darauf ein Haus bauen und Landwirtschaft betreiben könne. 1869, als Laura zwei Jahre alt ist, beladen die Ingalls zum ersten Mal einen Planwagen, geben das alte Leben auf und reisen von Wisconsin nach Kansas. Wo sie wie viele weisse Siedler selbstverständlich und illegal das Land der Osage besetzen.

Kurz bevor sie selbst wieder vertrieben werden, ziehen sie zurück nach Wisconsin und weiter nach Minnesota, wo die inzwischen elfjährige Laura in einem Hotel putzen muss, weil die Familienfinanzen so übel sind. Beinahe wird sie vom Sohn des Hoteliers vergewaltigt und beinahe wird sie an eine äusserst zwielichtige reiche Familie verkauft, der die Ingalls Geld schulden. Es geht nach Iowa, dann Dakota, wo Charles schliesslich einen Job beim Eisenbahnbau ergattert.

LAURA INGALLS WILDER 1867-1957. Standing, with her sisters Carrie, left, and Mary, center. Oil over a photograph, c1880. PUBLICATIONxNOTxINxUSAxCANxUKxFRAxESPxJPN Copyright: xSarinxImagesx/xGRANGERx 0 ...
Laura Ingalls (stehend) mit ihren Schwestern Mary (Mitte) und Carrie, ca. 1880.Bild: www.imago-images.de

Diphtherie, Feuer, Börsencrash

Mit 16 wird Laura Lehrerin, mit 22 heiratet sie Almanzo Wilder und wird Farmerin, doch ihr Mann erkrankt nach ein paar Jahren schwer an Diphtherie und ist danach halbseitig gelähmt. Ihr neugeborener Sohn stirbt, ihr Landwirtschaftsland fällt einem Buschfeuer zum Opfer und ihre kleine Tochter Rose steckt unbeabsichtigterweise auch noch das Farmhaus in Brand. Schliesslich ziehen Laura, Almanzo und Rose nach Missouri und schaffen es, innerhalb von zwanzig Jahren eine gutgehende Obst- und Geflügelfarm aufzubauen. Daneben schreibt Laura Artikel für diverse Bauernzeitungen.

Auch Rose zieht es zum Journalismus. Bald ist sie eine der bestbezahlten Journalistinnen Amerikas und kann die Eltern unterstützen. Bis zum Börsencrash 1929. Da verlieren Eltern und Tochter wie so viele all ihr Geld. Das ganze Vermögen ist ausgelöscht, die harte Arbeit war umsonst.

Von der Kindheit zum Kinderbuch

Mutter und Tochter fassen einen Plan: Beide sind routinierte Schreiberinnen. Wie wäre es, wenn man Lauras Kindheitsgeschichte zu einem Buch und zu Geld machen könnte?

LAURA INGALLS WILDER 1867-1957. American writer. Photographed in 1936, five years after she Wilder began the series of Little House books about her childhood on the American frontier. PUBLICATIONxNOTx ...
Laura Ingalls Wilder fünf Jahre nach Beginn ihrer «Little House»-Reihe. Bild: www.imago-images.de

Die Zusammenarbeit verläuft nicht wirklich harmonisch: Laura will ihre eigene Geschichte glätten, ihre Zeit im Hotel etwa hat in ihren Erinnerungen nichts zu suchen. Rose ist dafür, sie zusätzlich zu skandalisieren und beispielsweise ein prominentes Serienkiller-Quartett – die «Bloody Benders», eine deutsche oder norwegische Familie, die ein B&B führte und ihren Gästen die Kehle durchschnitt – einzufügen, schliesslich trieben die während Lauras Kindheit in Kansas unweit der Ingalls ihr Unwesen. Laura setzt sich durch. Niemand interessiert sich für das Ergebnis.

Schliesslich haben sie die Idee, Lauras Leben leicht fiktionalisiert als Kinderbuchreihe aus der Sicht eines Kindes zu erzählen. Laura Ingalls selbst ist da schon Mitte sechzig, doch der Plan geht auf. Der Rest ist Kinderbuchgeschichte. Der Rest ist «Little House on the Prairie». Unsere kleine Farm. Laura Ingalls geniesst ihren Erfolg, bis sie 1957 mit 90 Jahren stirbt. Dass ihre Bücher auch noch TV-Seriengeschichte schreiben, erlebt sie nicht mehr.

Rose Wilder Lane
Lauras Tochter Rose Wilder.Bild: wikipedia

Und Rose? Wird selbst eine erfolgreiche Buchautorin, Polit-Theoretikerin, Anti-Sozialistin und Staats-Kritikerin und neben Ayn Rand zu einer der wichtigsten Advokatinnen eines radikal libertären Amerikas. Jener naive Glaube an die individuelle Machbarkeit seines Schicksals, der ihren Grossvater einst fremdes Land belegen liess, verfestigt sich für sie zum Programm.

Michael Landon macht alles

204 Folgen der «kleinen Farm» laufen zwischen 1974 und 1983, längst nicht alle davon werden bei uns von der ARD ausgestrahlt. Der Produzent dahinter: Michael Landon. Der Drehbuchautor von 48 Folgen: Michael Landon. Der Regisseur von 89 Folgen: Michael Landon. Der Hauptdarsteller: Michael Landon.

Landon hat Macht. Er war damals der beliebteste amerikanische Seriendarsteller. Von 1959 bis 1973 hatte er 430 Folgen lang in der Western-Serie «Bonanza» den schönen Little Joe Cartwright gespielt, er ist der amerikanische Mädchen- und Frauenschwarm schlechthin. Und jetzt spielt er in der Western-Serie «Little House on the Prairie» den Vater. Charles Ingalls oder «Pa». Doch er hat so seine Bedingungen, denen auch nicht widersprochen wird: Der gute, aber unfähige Vater aus Ingalls' Buch wird weit stabiler, dafür ist ihm die Mutter zu emanzipiert, sie wird unselbständiger. Und: Die zentrale Figur ist der Vater, gut, stark, schön geföhnt und immer zu einer spontanen Familienpredigt bereit.

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Reinste TV-Nostalgie: «Little House on the Prairie» 1974 mit Michael Landon.Bild: www.imago-images.de

Seelen-Wellness mit Abgründen

Der damalige Rechteinhaber von Laura Ingalls' Büchern ist not amused, aber was soll er tun? Und so wird «Little House on the Prairie» zum absehbaren Welterfolg und in einhundert Länder exportiert. Die Familienwerte der Ingalls, ihr Zusammenhalt, all die lustigen und dramatischen Dinge, die sie auf ihrer Odyssee erfahren, das rustikale, selbstbestimmte, abenteuerliche Leben, sind angesichts allerlei weltpolitischer Konflikte, des Kalten Kriegs und atomarer Bedrohung reinste Seelen-Wellness.

Natürlich gibt es auch in der Serie so ihre Abgründe: Armut, Alkoholismus, Drogensucht, die Erblindung von Lauras Schwester Mary, die Auseinandersetzungen mit den Osage, die Vergewaltigung einer 15-Jährigen, Marys Fehlgeburt und Depression erschütterten die Welt.

Auch heute noch wird die Serie, welche die meisten von uns mit fünf, sechs oder sieben Jahren zu schauen begannen, erst ab zwölf empfohlen. Fürs Remake gilt jetzt sogar eine Altersempfehlung von dreizehn Jahren. Was für ein zimperlicher Quatsch!

Protest von rechts

Die brandneue Netflix-Serie ist ein interessantes Unterfangen. Oder sagen wir so: Sie ist wirklich nicht nur gescheitert. Zwar sind viele Familienszenen der Ingalls mit einer zum Schreien süssen Kitsch-Tunke übergossen und Pa muss noch obsessiver zur Geige greifen und ein lüpfiges Liedchen anstimmen als in der alten Serie (der Guardian schimpft dies «tradwifery for children»), doch anderes ist komplexer und intelligenter.

Netflix engagierte die bewährte Produzentin Joy Gorman Wettels («13 Reasons Why»). Wettels hatte etwas im Sinn, das auch der Weihnachtsfilm-Hersteller Hallmark vertreiben könnte, die Männer mussten «hot» sein, die Frauen schön, die Landschaft überwältigend. Menschen, besonders weibliche zwischen 8 und 80, sollten das «elegant, intelligent und schön» finden und sich sagen können, dass achtsame Gemeinsamkeit besser ist als rücksichtsloser Individualismus.

Little House on the Prairie. 2026
Kansas, Land der Osage.Bild: LERIC ZACHANOWICH/NETFLIX

Und natürlich sollte es niemandem aufstossen, dass es sich bei der Ur-Autorin der Serie um die mittlerweile selbst sehr umstrittene Mutter einer Weggefährtin von Ayn Rand handelte. Der Protest von rechts kam so zuverlässig wie der von Elon Musk angesichts der «Odyssee». Die rechtskonservative Journalistin Megyn Kelly twitterte: «Wenn ihr ‹Little House on the Prairie› woke macht, wird es meine alleinige Mission sein, euer Projekt total zu ruinieren!»

Eltern aus dem Tradwife-Katalog

Rebecca Sonnenshine, die gerade sehr effizient den Haushalt-Horror «The Housemaid» fürs Kino adaptiert hat, wurde mit dem Drehbuch für die Kansas-Jahre der Ingalls betraut. Man entschied, ein paar Figuren, die in Ingalls' Buch, aber nicht in der alten Serie vorgekommen waren, gross zu machen, etwa einen schwarzen Arzt. Man gab der Mutter (Crosby Fitzgerald) ihre alte Autorität zurück und zeigte den Vater (Luke Bracey) wieder so leichtgläubig, wie Laura Ingalls ihn porträtiert hatte. Man holte die Osage-Expertin von Scorseses «Killers of the Flower Moon» und der Serie «American Primeval» ins Team. Man gab dem Osage-Erzählstrang viel Raum und Sorgfalt. Megyn Kelly findet das gewiss woke, andere finden es historisch interessant. Das sind ein paar gelungene Umschriften und Rückkehren zum Original.

Little House on the Prairie. 2026
Laura (Alice Halsey) mit ihrem Lieblingsspielzeug, der Steinschleuder.Bild: LERIC ZACHANOWICH/NETFLIX

Laura und ihre Schwester Mary sind aus praktischen Gründen etwas älter als im Original, die arbeitsrechtlichen Umstände von jungen Schauspielerinnen und Schauspielern sind heute zum Glück andere als in den 70er-Jahren. Alice Halsey als Laura ist das hinreissende, ungestüme Herz der Serie, die Eltern Ingalls sind leider tatsächlich direkt aus dem Tradwife-Katalog und eher Soap als Shakespeare, dafür gibt es ein paar schöne Nebenfiguren, in die man sich schnell verliebt. Und gewaltige Dramen mit schlecht animierten Wölfen, toll animiertem Feuer, einem gemeingefährlichen Schacht und sehr gefährlicher Malaria. Und die Traumata des Sezessionskriegs spuken auch noch durch einige Männerseelen. Doch so schlimm, dass man dies erst ab 13 ertragen würde, wird es wirklich, wirklich nie.

Acht Folgen gibt es bis jetzt, die zweite Staffel wird gerade gedreht, dann folgt Netflix den Ingalls nach Walnut Grove, wo sie neuen Problemen begegnen und neue Freunde finden werden. Und wenn Pa dann noch etwas weniger zur Fiedel und zur Michael-Landon-Gedenk-Föhnwelle greift, kommt das alles auf einen ganz guten Weg.

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Die beliebtesten Kommentare
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Der Lette
18.07.2026 11:22registriert Juni 2024
Noch gut erinnere ich mich auch an die Tochter des Ladenbesitzers. Eine richtige Figur zum Hassen, wie Geoffrey in The Game Of Thrones. Grrrrr.
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