Leben
Kommentar

«Practical Magic 2»: Die optimierten Gesichter von Kidman und Bullock

«Practical Magic 2», 2026, mit Sandra Bullock, Nicole Kidman, Regie Susanne Bier
Sind das KI-generierte Zwillinge? Nein, es sind Nicole Kidman und Sandra Bullock in «Practical Magic 2».Bild: 2026 Warner Bros. Ent.
Kommentar

Nicole Kidman und Sandra Bullock: Ach, diese armen, über-optimierten Gesichter!

«Practical Magic 2» könnte ein geschmeidiger Spass sein. Doch da steht ein riesengrosser Elefant im Raum … Wir haben Fragen.
09.09.2026, 10:0709.09.2026, 10:07

Es war einmal eine Familie voll mit zauberkräftigen Frauen. Eine von ihnen, sie hiess Maria Owens, war von den Männern und der Liebe derart enttäuscht, dass sie beides verfluchte. Jeder Mann, der ihren Nachfahrinnen zu nahe kam, sollte sterben, Tod dem Patriarchat und so. Die Jahrhunderte verflogen, und schwupps trafen wir Marias Urururururururururur-Enkelinnen im Massachusetts von 1998: Da waren zwei Owens-Schwestern (Stockard Channing und Dianne Wiest), die wiederum die Tanten der nächsten Generation von Owens-Schwestern (Sandra Bullock und Nicole Kidman) waren, von denen die eine auch schon wieder Owens-Schwestern geboren hatte.

Das war vor 28 Jahren, im Film «Practical Magic». Sally Owens (Sandra Bullock) verlor wegen des Fluchs ihrer Urahnin die Liebe ihres Lebens. Ihre Schwester Gillian (Nicole Kidman) versuchte gar nicht erst, eine solche zu finden, sondern widmete sich eher dem polyamourösen Breitbandvergnügen, was ihr blöderweise einen sehr klettigen Vampir einbrachte. Schon da fragte man sich, wieso zum Teufel Nicole Kidman sowas machte, aber die Hexenfamilien-Komödie hatte auch was Charmantes. Kidman und Sandra Bullock waren jung, hatten offensichtlich eine super Zeit zusammen und waren ansteckend in ihrer unbeschwerten Albernheit.

Film Still from Practical Magic Sandra Bullock, Nicole Kidman � 1998 Warner Photo Credit: Suzanne Tenner PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY 30996307
Wie alles begann: Bullock und Kidman 1998 in Teil eins.Bild: imago stock&people

Seither ist «Harry Potter» über die Welt gefegt und «Wednesday» und wie die paranormalen Filme und Serien alle heissen. Was mit Magie zu tun hat, muss jetzt, 28 years later, viel pompöser und schauriger daherkommen als 1998, das verkitschte Looksmaxxing des Übernatürlichen kennt keine Grenzen mehr, die Ausstattung ist und darf alles, jeder irgendwie viktorianisch anmutende Kringel, Dolch oder Kerzenständer kriegt seinen gut polierten Platz. Die verschlumpfte Hippie-Magie von «Practical Magic» ist hochglanz-optimiert worden. Das Gleiche gilt für Bullock und Kidman. Die jetzt in «Practical Magic 2» samt Tanten und Töchtern erneut versuchen, den Fluch von Maria auszuschalten und endlich einen Mann zu finden, der nicht gleich stirbt.

In der Geschichte von Sally und Gillian sind nicht 28, nur etwa 10 Jahre vergangen. Sallys Töchter sind jetzt eine Kunstgeschichtsstudentin (Joey King) und eine angehende Neurochirurgin (leider unterbeschäftigt: Maisie Williams). Und siehe da, Sally und Gillian sehen auch nur 10 Jahre älter aus! Es muss Magie sein! Auf den ersten Blick jedenfalls. Auf den zweiten drängt sich dann doch die chirurgische Mumifizierung ihrer einst so beweglichen, ausdrucksstarken Gesichter von Kidman und Bullock in den Vordergrund. Jetzt herrscht Ausdrucksstarrheit. Und seit wann hat Nicole Kidman Arme, die nur noch aus drei Muskelsträngen bestehen? Ach ja, schon länger.

Der Trailer

Versteht mich nicht falsch, ich liebe Nicole Kidman, sie ist mein Spirit Animal (minus Männergeschmack, minus Sportsucht), ich schaue jeden genialen, jeden normalen, jeden vernachlässigbaren Film mit ihr, «To Die For», «Moulin Rouge», «The Others», «Eyes Wide Shut» sind Lieblingsfilme, der Ehe-Thriller «The Undoing» eine der besten Miniserien. Sie hat eine Art, sich in alles mit 250 Prozent und mitreissend viel Freude reinzuschmeissen, sie liebt das Extreme, das latent Perverse, das Groteske – und zwischendurch einfach mal wieder einen geschmeidigen Unterhaltungsklamauk wie «Practical Magic». Sie arbeitet ununterbrochen und hat es geschafft, mit über 50 geschätzt fünftausendmal beliebter zu sein als früher. Sie ist ein Star, aber keine Diva, und mit ihr zu sprechen, ist, als würde man nach einem dunklen kalten Winter in die milde goldene Sonne blinzeln. Sie ist sehr, sehr toll.

Aber wieso tut sie sich das an? Und wieso macht Sandra Bullock das ganz offensichtlich auch und erst noch extremer als Kidman? Finden sie das wirklich, ernsthaft schön? Haben sie eine existenzielle Angst vor dem Altwerden, dem Bedeutungsverlust, dem Tod? Setzt Hollywood sie unter allzu grossen Druck? Ist das jetzt einfach Normalität? Oder ist es bloss Amerika? Sind englische Schauspielerinnen da nicht viel grosszügiger mit sich selbst? Und französische? Wirken die nicht alle, als seien sie richtig nett zu ihren alternden Körpern?

«Practical Magic 2», 2026, mit Sandra Bullock, Nicole Kidman, Regie Susanne Bier
Oh! Zauberpflanzen! Und eine Zauberkatze! Kidman in pittoresker Umgebung.Bild: 2026 Warner Bros. Ent.

Oder sind wir in Europa einfach nicht leistungsbewusst und wettbewerbsfähig genug und lassen uns ganz verantwortungslos gehen, aufgehen und untergehen? Schauen die in Amerika am Ende besser zu sich selbst als wir? Aber wieso sehen sie dann aus wie ihre eigene Totenmaske? Because they can? Ist es ihre individuelle Freiheit und dem Publikum zumutbar? Oder ist es ein Zwang? Kommt man nicht mehr davon runter, wenn man sich erst einmal auf den Trip begeben hat? Betreiben sie Bodyshaming gegen sich selbst? Betreibe ich Bodyshaming, wenn ich darüber rede?

Oder haben Frauen wie Kidman und Bullock etwa genau deshalb so viel Erfolg, weil man im hyperkapitalistischen Amerika die dauernde Investition in sich selbst sehen muss? Ist der Körper etwa eine Art Immobilie, die an Wert verliert, wenn sie nicht radikal instand gehalten wird? Und was vermitteln Frauen wie Kidman und Bullock ihren Altersgenossinnen? Ihren Töchtern? Ihren weiblichen Fans? Dass Botox, Ozempic, Essstörungen, Selbstverleugnung völlig okay sind? Oder wollen sie von den jüngeren und noch reicheren Kendall und Kylie Jenners dieser Welt ernst genommen werden? Muss das wirklich so sein? Es ist so frustrierend. Man möchte ihnen zurufen: Leute, so habt euch doch bitte, bitte ein bisschen lieber! Die Frau und das Körperbild ist eine Geschichte, die keine Vorwärtsentwicklung zu kennen scheint.

«Practical Magic 2», 2026, mit Sandra Bullock, Nicole Kidman, Regie Susanne Bier
Bullock mit Regisseurin Susanne Bier. Die beiden haben schon «Bird Box» miteinander gedreht. Und Kidman kennt Bier von der gemeinsamen Arbeit an «The Perfect Couple» und «The Undoing». Bild: 2026 Warner Bros. Ent.

Dass all dies für Männer auch heute noch nicht gilt, zeigt sich in «Practical Magic 2» sehr schön am Darsteller des mit Zaubersprüchen tätowierten, britischen Magie-Professors Ian Wright (Lee Pace). Pace ist ein Mann, der nach gelebtem, nicht konserviertem Leben aussieht, und dem das verflucht gut steht. Also, wenn Nicole Kidman 59 und Sandra Bullock 62 Jahre alt sind, wie alt ist dann Pace? Doch mindestens 68! Oder schon 75? Falsch! Er ist 47 Jahre alt, sieht aber viel älter aus als seine beiden Filmpartnerinnen, und natürlich ist das kein Problem.

Man kann nur hoffen, dass die jüngere Generation weiblicher Hollywoodstars, Frauen wie Kristen Stewart, Emma Stone, Jennifer Lawrence, Anne Hathaway, Scarlett Johansson oder Zendaya, in ein paar Jahren nicht auch so sehr mit ihrem Spiegelbild hadert. Es wäre so schön.

«Practical Magic 2» läuft ab dem 10. September im Kino.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
14 Dinge, die du nur kennst, wenn du ein Zwilling bist
1 / 16
14 Dinge, die du nur kennst, wenn du ein Zwilling bist
Auf Facebook teilenAuf X teilen
Ungewohnte Party in Italien: Zwillinge feiern beide ihren 100. Geburtstag
Video: watson
Das könnte dich auch noch interessieren:
Warum Nic Cages Grab schon bereitsteht
Eine Geistervilla, ein Voodoo-Fluch und eine ordentliche Abwärtsspirale – und nun bereitet sich der arme Nic schon mal auf seinen Tod vor? Oder ist er gar … ein Vampir?
Willkommen in New Orleans! Genauer im Saint Louis Cemetery No. 1, pardon – Cimetière Saint-Louis de La Nouvelle-Orléans no 1, dem ältesten und bedeutendsten Friedhof der Stadt!
Zur Story