Wir sollten nicht über Körper von Frauen sprechen, aber ich glaube, wir müssen
Am 19. November hat der Film «Wicked: For Good» Premiere in den Schweizer Kinos gefeiert. Der zweite Teil der Musical-Verfilmung erzählt die Geschichte von der bösen Hexe des Westens aus «Der Zauberer von Oz». Obwohl der Film an Spannung und emotionalen Momenten so einiges zu bieten hat, wird im Internet vor allem über etwas diskutiert: die Pressetour mit den beiden Hauptdarstellerinnen Ariana Grande (Glinda) und Cynthia Erivo (Elphaba). Oder besser: über deren Körper.
Auf verschiedenen Plattformen gehen Vorher-Nachher-Bilder der beiden Schauspielerinnen und ihrem Co-Star Michelle Yeoh viral. Darauf ist deutlich zu sehen, wie viel Gewicht die drei seit Beginn der Dreharbeiten für «Wicked» verloren haben.
In den Kommentaren gibt es für diese Veränderung wenig Verständnis: «Was ist passiert?», «Ich habe sie fast nicht wiedererkannt» oder «Einfach nur traurig», heisst es etwa. Vereinzelt liest man noch den verzweifelten Versuch, die Bodypositivity-Bewegung aus den 2010ern aufrechtzuerhalten, in dem dazu aufgerufen wird, die Körper von Menschen nicht zu bewerten.
Ariana Grande befeuert Pro-Ana-Bewegung
Dabei werden auf Social Media aber weniger die dünnen Körper selbst kritisiert, als die Normalisierung von Essstörungen, um diese dünnen Körper zu erreichen.
So gilt es seit 2013 unter Arianators (Fans von Ariana Grande) als offenes Geheimnis, dass die Sängerin ein gestörtes Essverhalten hat. Damals postete sie unter einem Pseudonym auf der Blogging-Plattform Tumblr Tipps zum Abnehmen. Tumblr war Anfang 2010er der Entstehungsort der sogenannten Pro-Ana-Bewegung. Pro-Ana steht für Pro Anorexia, wo sich unter bestimmten Hashtags essgestörte Menschen fanden, um sich gegenseitig in ihrer Essstörung anzufeuern. Ariana Grande zeigte auf der Plattform ihre extremen Diäten, die oftmals nur aus Gemüse und Früchten bestand.
Wegen ihres starken Gewichtsverlusts in den letzten Jahren gehen die Fans nun davon aus, dass sich das Essverhalten der 32-Jährigen nicht verbessert hat. Dass auch Cynthia Erivo und Michelle Yeoh merklich dünner sind als noch vor «Wicked», erklären sich viele damit, dass Essstörungen extrem kompetitiv sind: «Jede am Set will die Dünnste sein und man treibt sich gegenseitig immer tiefer in die Krankheit», schreibt dazu eine Ärztin auf TikTok. Obwohl diese Theorie nie bestätigt wurde, wird die Produktion von «Wicked» heftig kritisiert.
Immer mehr immer dünner werdende Körper
Doch nicht nur der «Wicked»-Cast scheint das Magersein wieder zu befürworten. So sieht man seit Monaten auf dem roten Teppich immer mehr immer dünner werdende Körper.
Lilly Collins etwa alarmierte ihre Fans mit ihrem abgemagerten Waschbrettbauch an der New York Fashionweek im September 2025. Das, nachdem die Schauspielerin 2017 mit Harper’s Bazaar über ihre Anorexie sprach und meinte, diese überstanden zu haben.
Besonders gross ist die Kritik zudem bei Frauen, die während der Bodypositivity-Bewegung ihre Kurven feierten und nun zu Ozempic und Co. greifen, um genau diese Kurven loszuwerden.
Meghan Trainor etwa bestärkte 2014 mit ihrem Hit «All About that Bass» junge Frauen, sich nicht um ihre Körper zu scheren. Sie werde nie «eine dünne Silikonbarbiepuppe» sein und jeder, der das wolle, habe in ihrem Leben nichts zu suchen, heisst es im Songtext. Unterdessen nimmt Trainor den Wirkstoff Mounjaro, der zu Gewichtsverlust führt. Weiter hat sie sich die Brüste machen lassen.
Ebenso ein grosses Vorbild war Tennis-Star Serena Williams. Sie galt mit ihren Kurven als Symbol dafür, dass Gesundheit nichts damit zu tun haben muss, wie der Körper aussieht. Nun wirbt die 44-Jährige mit ihrem Sixpack für GLP-1-Medikamente, die Gewichtsabnahme fördern.
Beschwerden über dünne Models
Es scheint also wirklich so, dass Magersein wieder en vogue ist. Dass die grosse Masse das aber nicht für gut befindet, zeigt ein Bericht der BBC. So sollen in Grossbritannien die Beschwerden über extrem dünne Models in der Werbung immer häufiger werden.
Dabei stellt sich die Frage: Wenn wir das extreme Dünnsein als Gesellschaft eigentlich gar nicht wollen, woher kommt es dann, dass sich Frauen in Hollywood wieder abmagern?
Viele Kritikerinnen und Kritiker sehen das Wirtschaftssystem als Katalysator des Skinny-Trends. Menschen, die sich nicht schön finden, geben meist viel Geld dafür aus, um das zu ändern. Ob für Saftkuren zum Abnehmen, teure Cremes gegen Falten oder Haartönungen, um die ersten grauen Haare abzudecken: Der Markt für Schönheits- und Körperpflegeprodukte ist einer der profitabelsten überhaupt. Laut Statista wird im Jahr 2025 damit voraussichtlich ein Umsatz von 677,19 Milliarden US-Dollar generiert. Mit dem Aufkommen von Ozempic und Co. ist auch die Pharmaindustrie daran interessiert, dass wir weiterhin unseren Körper kritisieren.
«Der Schönheitsmythos»
Zudem scheint aber auch das politische Klima, in dem wir uns gerade befinden, den Skinny-Trend zu befeuern. In unzähligen Essays und feministischen Zeitschriften wird gerade wieder das 1993 veröffentlichte Buch von Naomi Wolf «Der Schönheitsmythos» diskutiert. Darin untersuchte sie, wie westliche Schönheitsideale als Werkzeug des Patriarchats benutzt werden, um Frauen zu kontrollieren. Das Buch erklärt, wie in historischen Momenten der Dünnseinswahn immer dann zurückkehrte, wenn Frauen der Gleichstellung und sozialer Macht näher kamen.
Für viele feministische Stimmen ist darum die Rückkehr des Skinny-Trends gerade jetzt kein Zufall. Sie sehen, wie durch die Me-Too- und Bodypositivity-Bewegung die Frauen mehr Selbstbestimmung erlangten und sich so mehr gegen das Patriarchat auflehnten. Das Zusammenspiel aus dem Wirtschaftssystem und der politischen Lage sorgt ihrer Meinung nach aber nun dafür, dass der erneute Magerwahns diese hart erkämpften Fortschritte langsam aber sicher wieder rückgängig macht.
Den Anstieg von Femiziden und Essstörungen in den letzten Jahren aber alleine dem erneuten Aufstieg des Skinny-Trends zuzuschreiben, ist wahrscheinlich etwas weit gegriffen. Dass in diesem politischen Klima der Fokus wieder auf den mageren Frauenkörper zurückfällt, wird aber trotzdem nicht unbegründet sein.
Darum ist es wichtig, dass wir über diese Körper sprechen. Nicht mit Hass und Anfeindungen, sondern mit Nachsicht, Einfühlsamkeit und sinnvoller Kritik. Es ist wichtig, dass wir über die Gefahren von Ess- und Magersucht sprechen, über die Gefahr, dass Promis durch Social Media ihre Unsicherheiten an ein grosses Publikum weitergeben und darüber, dass Körper keine Trends sind, die sich nach Lust und Laune formen lassen, um dem neusten Schönheitsideal zu entsprechen. Für unser Wohl, aber auch für das Wohl der nächsten Generation von jungen Frauen – und natürlich auch Männer.
