«Noch 15 Sekunden»: So starb Asterix-Schöpfer René Goscinny
Sein Tod am 5. November 1977 war in den Worten seiner Tochter ein «eleganter Abgang für einen Humoristen»: Der erst 51-jährige René Goscinny war bei seinem Kardiologen und unterzog sich einem Belastungs-EKG. Während des Herz-Checks auf dem Velo klagte er plötzlich über Schmerzen im Arm und in der Brust.
Der Arzt forderte ihn fatalerweise auf, weiter zu strampeln. «Noch 15 Sekunden, Monsieur Goscinny.» Worauf Goscinny vom Velo kippte und ausgerechnet beim Herzspezialisten an einem Herzinfarkt starb.
Ob er, einer der legendärsten Humoristen des 20. Jahrhunderts, auf diese tödliche Pointe hätte kommen können? Gewiss, aber er hätte sie kaum in einem der Comicalben verewigt, mit denen er Kultstatus erlangte, weder in den «Asterix»-Abenteuern (erschaffen zusammen mit dem Zeichner Albert Uderzo), noch in den «Lucky Luke»-Bänden (erschaffen mit Morris), noch in «Der kleine Nick» (erschaffen mit Sempé).
Er bezeichnete sich als «naives, grosses Kind»
Denn Goscinnys Spezialität war der charmante und menschenfreundliche Humor. Mit seinem Humor suchte er in seinen Geschichten nicht wie Dürrenmatt die schlimmstmöglichen Wendungen, und er wollte auch nicht das abgrundtief Böse und Makabre im Menschen zeigen wie Roald Dahl. Goscinny bezeichnete sich gern als «naives grosses Kind». Er sagte einmal: «Wenn man jung ist, ist der Humor eine Verteidigung. Später kann er eine Waffe werden.»
René Goscinny wollte zwar Spass beim Schreiben haben und diesen einem breiten Publikum weitergeben. Er war aber ein Humorist, der nicht tötet. In seinen Geschichten lässt er selbst die Verbrecher leben, was nicht selbstverständlich ist, wenn man seine Biografie kennt.
Seine Eltern waren jüdische Einwanderer aus Polen, die vor dem dort herrschenden Antisemitismus nach Paris geflohen waren. Vor genau 100 Jahren, am 14. August 1926, kam René zur Welt. Der Vater zog schon 1928 als Chemiker weiter nach Argentinien und arbeitete später für eine Organisation, die verfolgten Jüdinnen und Juden die Auswanderung nach Lateinamerika oder Palästina erleichterte.
Walt Disney lehnte den Franzosen ab
In Buenos Aires begann René Goscinny mit 17 Jahren in einer Werbeagentur zu arbeiten. Nach dem Tod des Vaters 1943 versuchte die Familie ihr Glück in New York. René hoffte erfolglos, bei Walt Disney unterzukommen. In den USA machte er immerhin die Bekanntschaft des späteren «Mad»-Gründers Harvey Kurtzman, der ihm ermöglichte, Kinderbücher zu kolorieren.
Goscinny verlor in der Nazizeit enge Angehörige, die deportiert und ermordet wurden. 1951 kehrte er in seine Geburtsstadt Paris zurück. Es war der Wendepunkt in seiner Karriere. Er verlegte sich aufs Texten, kam mit anderen Comic-Pionieren in Kontakt und schrieb für sie Szenarien, in denen er bald ein Millionenpublikum zum Lachen brachte. Daneben gab es aber einen anderen René Goscinny, der nach seinem gleichaltrigen Cousin suchte, den die Nazis verschleppt hatten. Die Familie hatte manche Tote ohne Grab zu beklagen, die Opfer des Holocausts wurden.
1955 begann er die Storys der «Lucky Luke»-Alben für den belgischen Zeichner Morris zu zeichnen, der diesen Comic-Helden 1946 erschaffen hatte. Es ist nach «Asterix» die erfolgreichste Comic-Serie. Die Alben des einsamen Cowboys, seines klugen Schimmels Jolly Jumper und der vier tollpatschigen Dalton-Brothers verkauften sich weltweit über 300 Millionen Mal, davon rund 35 Millionen im deutschsprachigen Raum. Wie auch «Asterix», von dem sich weltweit über 400 Millionen Alben verkauften, davon rund 135 Millionen Alben auf dem deutschsprachigen Markt, lebt «Lucky Luke» stark von Running Gags und der Komik der Wiederholung.
Dazu gehören Joe Daltons Ausraster. Er tobt sogar, wenn er in einem amtlichen Formular für tot erklärt und deshalb aus dem Gefängnis geworfen wird, ohne dass er das selbst bestimmen kann. Immer wieder lustig ist Jolly Jumper, dessen Besserwisserei und Geschmäcklerei so gar nicht in den Wilden Westen passen. Lucky Luke schiesst bekanntlich schneller als sein Schatten, was ein seriöser Physiker einmal in einer ernsthaften Studie überprüfte. Vor allem aber sorgt der Schatten von Lucky Luke für Lacher, weil er sich vor dessen Kugeln in Deckung bringen muss oder plötzlich ein Einschussloch aufweist.
Lange hatte Lucky Luke seine Zigarette im Mund so wie Goscinny seine Pall Mall, bis dies Anfang der 1980er-Jahre als jugendgefährdend galt. Morris gewöhnte seinem Helden das Rauchen ab und steckte ihm stattdessen einen Grashalm in den Mund. Später entfernte man die Zigarette auch in bereits erschienenen Bänden. Von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) erhielt Morris dafür eine Auszeichnung.
Eines der Top-Exportgüter Frankreichs
Schon 1959 lancierte Goscinny zusammen mit anderen Comic-Stars die Zeitschrift «Pilote», in der manche Geschichten zum ersten Mal erschienen, so auch die ersten Seiten von «Astérix le Gaulois» (erschienen am 29. Oktober 1959). Goscinny schrieb das Szenario, und der kongeniale französische Zeichner Albert Uderzo lieferte die Bilder. Man arbeitete fortan «wie in einer Familie» zusammen und entwickelte viele Ideen gemeinsam.
Schnell avancierten die «Asterix»-Alben zu den bekanntesten Exportgütern Frankreichs neben Mode, Parfums, Wein, Renaults oder Gauloises-Zigaretten. Politische Parteien versuchten Uderzo und Goscinny ihre Ideen unterzujubeln, aber die beiden betonten stets, dass sie nicht wie Journalisten, Soziologen oder Politiker tickten und gesellschaftliche Missstände anprangern wollten.
Uderzo gestand jedoch, dass sie dem späteren französischen Staatspräsidenten Georges Pompidou regelmässig ihre Alben schickten, und jedes Mal gratulierte er ihnen und ermutigte sie, Asterix und Obelix doch endlich einmal zu den Schweizern zu schicken. Sie hätten den Band nicht sofort verwirklicht, so Uderzo, «damit Pompidou nicht glaubte, es sei seine Idee gewesen. Sie hätten schliesslich ihre Würde als Comic-Künstler.» Doch die Idee mit den Helvetiern habe sie nicht mehr losgelassen.
Also reisten sie in die Schweiz, trugen Eigenheiten und Klischees zusammen, die aus französischer Sicht unser Land ausmachten. Dazu zählten natürlich Fondue, Uhren, Wilhelm Tell, Neutralität, Mundart, Jodeln, Alphornbläser, Sauberkeit oder der Bankenplatz, aber auch nicht typisch Schweizerisches wie die Kuckucksuhren. All das floss in den «Asterix»-Band ein.
Sie beobachteten die Zöllner, studierten die Gastronomie, aber ebenso die Schweizer Armee. In einem Gespräch mit dem Westschweizer Fernsehen sagte Goscinny, wie speziell es für ihn als Franzosen sei, dass Schweizer Soldaten ihre Waffe ganz selbstverständlich nach Hause mitnähmen und sich auf offener Strasse damit zeigten. Gleichwohl kam ihm die Schweiz nicht wie ein Militärstaat vor.
Eine der lustigsten Schweiz-Parodien
«Asterix chez les Helvètes» ist eine der lustigsten Schweiz-Parodien, auch wenn Goscinny und Uderzo die Schweizerinnen und Schweizer liebevoll karikieren und keine Attacke im Sinn hatten. Goscinny meinte in einem Interview, alles, was sie ausserhalb Galliens zeichnen, beruhe auf Klischees. Die Ironie sei immer nett. Andererseits sei es Humor, und «da ist es notwendig, ein wenig zu übertreiben».
Asterix und Obelix müssen für den Zaubertrank des Druiden seltene Edelweiss-Blumen auftreiben. Das ist der äussere Anlass für ihr helvetisches Abenteuer, in dem die Gallier sich rettungslos in Fondue-Fäden verfangen. Die «Hooleeeeiiiii Johlidüüüü»-jodelnden Helvetier erinnern sie an ihren unerträglichen Dorfbarden Troubadix. Und die helvetischen Putzequipe entfernt nach Schlägereien im Haus sofort jede Spur, genauso wie die Beamten immer hyperkorrekt bleiben.
Goscinny hatte wesentlichen Anteil daran, dass Comics auch in bildungsbürgerlichen Kreisen nicht mehr im Verborgenen gelesen werden mussten, sondern als respektierte und eigenständige Kunstform galten, mit der sich nebenbei auch viel Geld verdienen liess. Heute sind in Frankreich zahlreiche Schulen, Strassen, Bibliotheken und Kulturzentren nach ihm benannt. Sein nach wie vor enormer Ruhm kann aber eine gewisse Wehmut nicht verdrängen: Unweigerlich denkt man daran, was für wundervolle Werke René Goscinny noch hätte schaffen können, wenn er nicht so früh gestorben wäre. (schweizheute.ch)

