«The Odyssey» ist 3 Stunden lang grossartigste Grossartigkeit
Ist das toll! Ein Abenteuerfilm voll mit den unglaublichsten Geschichten, aber mit einem ganz ruhigen Herzschlag gemacht, fast meditativ. Äusserst geschmeidig wird man in dieses uralte Universum eingesogen, erliegt ihm, wird Teil davon. Danach wird man wieder auf die Strasse gespuckt und weiss beim besten Willen nicht, wo man jetzt ist und was diese Gegenwart soll. Möglicherweise ist «The Odyssey» einer der besten Filme von Christopher Nolan, gleichauf mit «Inception» und «Interstellar», was die Dichte seiner Vision und ihre Verführungskraft betrifft.
Es steckt viel, viel Zeit in dieser Odyssee, ganze zwanzig Jahre, seit Odysseus (Matt Damon) seine Heimat Ithaka, seinen Palast, seine Frau Penelope (Anne Hathaway) und seinen kleinen Sohn Telemachos (ein hervorragender Tom Holland) verlassen hat. Zehn Jahre kämpfte er im Krieg um Troja, zehn Jahre währte seine Heimkehr, denn die Heimkehr, das lernen wir bei niemandem so gründlich wie bei den alten Griechen, ist immer auch ein Teil der Kriegserfahrung.
Die Irrfahrt des Odysseus besteht aus der Verarbeitung von Traumata, die in Form von immer neuen, monströsen Gegnern und Gegnerinnen auftauchen. Sie dezimieren seine Gefährten und hindern ihn daran, seine alte Normalität zurückzugewinnen. Was stellt sich ihm nicht alles in den Weg! Ein Kyklop! Kirke! Die Sirenen! Skylla und Charybdis! Die Nymphe Kalypso (Charlize Theron), die ihn sieben Jahre lang mit Hilfe von Lotusblütensaft in ein erotisch-dementes Nirvana versetzt! Und der letzte Schlachtplatz, der wartet zuhause. Dort, wo Odysseus seine Frau zurückerobern muss. Man kann den Mann aus dem Krieg nehmen, aber den Krieg nicht aus dem Mann.
Nolan ist, das sind wir uns von ihm gewohnt, ein Regisseur, der seine Stoffe ernst nimmt. Todernst. In der Odyssee steckt theoretisch auch ziemlich viel Humor, schliesslich ist der listige Odysseus ein egozentrisches Schlitzohr, doch das interessiert Nolan überhaupt gar nicht. Er hat «The Odyssey» nicht nur mit einer IMAX-Kamera gefilmt, er liefert auch Emotionen und Pathos im IMAX-Format. Alles ist heldisch, tragisch, überaus traurig, zerrissen von Schmerz und Zweifeln, und wo auch immer sich Odysseus hinwendet, empfängt ihn eine wüste Welt aus Trümmern oder Toten.
Die Bilder von Kameramann Hoyte van Hoytema sind überwältigend, ein Traum, ein Albtraum, es gibt sehr viel Verlorenheit in kargen, epischen Landschaften, auf dem weiten Meer, und dann wieder manisch präzisen Realismus. Hat man sich schon jemals vorgestellt, wie das war in diesem Trojanischen Pferd? Als die Griechen übereinandergestapelt tagelang darauf warteten, bis sie entdeckt und durchs Stadttor geschleppt würden? Als sie «in Pisse und Scheisse» ausharren mussten und sich das am Meeresrand wie angeschwemmt lagernde Pferd bei Flut mit Wasser füllte, sodass unweigerlich ein paar Männer ertranken?
Nolan tut dies mit unerbittlicher Genauigkeit. Überhaupt ist bei ihm alles sehr hart und einfach, schliesslich spielt der Trojanische Krieg während der späten Bronzezeit. Ob nun jeder Altertumsforscher zufrieden sein wird mit Nolans Bootsbau, seiner Architektur, seinen Kostümen und Kampfchoreografien, sei dahingestellt, aber es ist eine Welt, die in sich Sinn macht.
Odysseus ist – und das verbindet ihn zwingend mit uns – ein rationaler Mensch in einer irrationalen Welt. Matt Damon, dem nicht der kleinste Hauch des Paranormalen oder Genialischen anhaftet, ist dafür der Richtige. Sein Odysseus will Probleme mit seinem Intellekt und körperlicher Geschicklichkeit lösen, nicht mit dem Zutun der Götter. Er will überlegen, nicht anbeten. Von heute aus versteht man dies bestens.
Dummerweise sind die Götter mit ihren Gesetzen, die einer wie er unentwegt überschreiten muss, nun aber einfach da, und die Mensch-Gott-Kommunikation ist wirklich mühsam. Immer wieder sagt Odysseus zu Athene (Zendaya), dass er ihr Geraune nicht versteht, sie bleibt so stur wie er. Nolan dagegen versteht sie bestens. Nolan ist ganz fest bei allen seinen Figuren, jede einzelne von ihnen hat einen nachvollziehbaren Beweggrund, auch die Zauberin Kirke, die Odysseus' Männer mit noch nie gesehener Handarbeit in Schweine verwandelt (Samantha Morton werden für ihre Kirke schon die grössten Preise prophezeit, völlig zu Recht).
Nolan hat die ganze Odyssee verkürzt, ein paar eher nebensächliche Abenteuer kommen gar nicht erst vor, dafür hat er den Schauplatz Ithaka ausgebaut. Er hat der treu ausharrenden Penelope, die von fiesen Freiern belagert wird – der schlimmste unter ihnen ist der intrigante Antinoos (Robert Pattinson) – und Telemachos mehr Raum gegeben. Und auch Odysseus' Hund hat ein paar herzzerreissende Auftritte mehr als bei Homer.
Das Drehbuch stammt, da ist Nolan sehr selbstbewusst, von Nolan und Homer. Dass es sich dabei ursprünglich um Homersche «Gesänge» handelt, ist ihm wichtig, der Rapper Travis Scott ist der Erste, der am Hof von Ithaka die Nacherzählung des Trojanischen Kriegs anstimmt. Gesänge, sagt Odysseus einmal zu Penelope, seien die dringend nötigen mündlichen Überlieferungen von etwas, das irgendwann einmal aufgeschrieben worden sei. Dass sich jeder Sänger (oder Regisseur) dabei seine künstlerischen Freiheiten nimmt, versteht sich von selbst.
«The Odyssey» läuft ab dem 16. Juli im Kino und dauert 3 Stunden.
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