«Man stirbt nicht im Schlaf. Man wacht auf und zittert. Dann stirbt man»
Ich glaube, Daniel wollte für etwas Entspannung sorgen. Weil er spürte, dass einige in unserer Gruppe vor der kalten Winternacht unsicher waren und Angst hatten, dass sie vielleicht nie mehr aufwachen werden. Er sitzt in seinem Schlafsack und sagt: «Ihr könnt beruhigt einschlafen. Beim Erfrierungstod stirbt man nicht im Schlaf. Man wacht auf und zittert. Erst wenn man dann falsch reagiert, stirbt man.»
Daniel ist der Eventkoordinator des Fjällräven Polar – bei welchem ich auf Einladung an der Medienreise teilnehmen kann – und demonstriert uns gerade, wie wir die kommende Nacht in der Arktis bei Minustemperaturen sicher überstehen. Die Ausrüstung ist top, wir haben erfahrene Experten dabei und das Wetter bleibt gut. Die Temperatur wird unter den Gefrierpunkt fallen, aber es wird keine heikle Situation geben.
Doch wie das so ist, wenn die Sonne langsam untergeht und unsere Gruppe von «Arktis-Laien» realisiert: Die Zivilisation ist weit weg. Wir werden die Nacht im Wintercamping verbringen. Alle haben schon Geschichten von Erfrierungen gehört. Und wie soll man merken, dass man zu kalt hat, wenn man schläft? Besteht da nicht die Gefahr, dass man einfach nie mehr aufwacht?
Daniel weiss, wie der Kältetod abläuft. Sinkt die Temperatur auf 37 bis 32 Grad, wacht der Betroffene normalerweise durch heftiges Muskelzittern auf. So versucht der Körper, wieder Wärme zu gewinnen. Wenn du das realisierst, kannst du noch reagieren: Begib dich aus der Kältezone, schütze dich vor Wind und Nässe, wärme deinen Rumpf und Kopf zuerst, trink warme, gezuckerte Getränke. Was du nicht tun solltest: Alkohol trinken, eine heisse Dusche (zu schnell erwärmen), heftige Massage mit dem Ziel, Arme und Beine «warmzureiben».
Wir sind beruhigt. Das Beispiel ist nur eines von vielen Dingen, die ich während der Kurz-Edition des Fjällräven Polar lerne. Drei Tage ist unsere Gruppe mit Schlittenhunden rund 200 Kilometer nördlich des Polarkreises in Schwedisch-Lappland unterwegs.
Ich nutze dieses einmalige Abenteuer auch für ein Digital Detox. Wir hätten zwar teilweise Netz, aber wie bei den meisten Teilnehmenden bleibt mein Smartphone im Flugmodus.
Drei Tage hören sich nicht nach viel an. Für einen Newsjunkie wie mich aber eine echte Herausforderung. Neben dem Weltgeschehen verfolge ich insbesondere Fussballresultate international bis in die unteren Profiligen, in der Schweiz interessiert mich Regionalfussball am meisten. Was wirklich wehtut: Ich verpasse nicht nur ein Spiel meiner Senioren 40+, ich werde auch erst zwei Tage später erfahren, wie es ausging (es wird dramatisch 4:4 enden).
Unsere Gruppe besteht – neben dem Leiterteam – aus rund 25 Mitgliedern aus aller Welt, die sich hier erstmals sehen. Wie das bei solchen Abenteuern oft läuft: Innert Stunden findet man Freunde fürs Leben. Oder hat eine Verbindung zu «Fremden», die man mit alten Freunden teilweise erst nach Jahren erreicht.
Die Themen handeln nicht vom Weltgeschehen, dabei wäre einiges los, wie wir drei Tage später feststellen werden. Unsere Sorgen sind aber viel lokaler und unmittelbarer. Wie umkurve ich mit meinem Hundeschlitten den Baum? Wie ist der Untergrund, wenn ich den Schlitten gleich schieben muss? Wie bringe ich meine Huskys dazu, dass sie mir folgen? Verheddert sich kein Hund in den Leinen und schürft sich auf? Haben sie genügend zu essen? Haben sie Durst? Haben sie sich ihre Pfoten verletzt? Habe ich genügend zu trinken?
Die Welt wird klein, wenn man so ausserhalb der Komfortzone unterwegs ist. Und wir freuen uns an den kleinen Dingen: ein warmer Tee vom Gasbrenner, (schwache) Nordlichter, der Sternenhimmel, Fleisch vom offenen Lagerfeuer, ein warmes Sitzfell und ein Schlafsack, bei dem ich am Morgen nur die Arme durch dafür vorgesehene Öffnungen strecken kann, wenn ich mir das Frühstück zubereite. Was ausserhalb unseres Abenteuers geschieht, ist gerade völlig irrelevant – und den Huskys ist das alles sowieso egal.
Bei der Rückkehr in die Zivilisation schalte ich den Flugmodus meines Smartphones aus. Neben einigen Nachrichten scrolle ich durch die verpassten Push-Nachrichten: Eishockey-Nationaltrainer Patrick Fischer wurde entlassen, Donald Trump sperrte die Strasse von Hormus und erklärte den Krieg mit dem Iran für beendet, Kreuzfahrtanbieter MSC eröffnet zwei neue Inseln (bitte, was?), in Crans-Montana gibt es Verdacht auf eine Absprache und Barcelona scheidet in der Champions League gegen Atletico Madrid aus.
Das alles ging völlig an mir vorbei. Wäre mir im «normalen Leben» nie passiert und ich hätte mich wohl bisschen geärgert, dass ich das nicht zeitnah erfuhr. Ich merke jetzt aber, wie es mir dieses Mal eigentlich egal ist. Ich hatte Wichtigeres zu tun. Es löst aber auch ein etwas ambivalentes Gefühl aus: Die Welt dreht sich sowieso weiter. Jeder ist ersetzbar.
Ich hatte dieses Gefühl erstmals so richtig während Gran-Canaria-Partyferien nach der Lehrabschlussprüfung im letzten Jahrtausend. Es waren bis dahin meine besten Ferien. Aber als wir nach einer anstrengenden Woche am letzten Abend etwas früher ins Bett wollten, weil der Heimflug frühmorgens geplant war, feierten andere einfach weiter und die laute Musik raubte uns den Schlaf. Spätestens seither weiss ich: Die Welt braucht mich nicht. Diese Erkenntnis macht das Leben einfacher und sie hat sich im Norden Schwedens einmal mehr bestätigt.
Was aber umso mehr zählt, ist, den Moment zu geniessen und die Dinge in der direkten Nähe zu beeinflussen. Der Fjällräven Polar hat mir dies wieder mal eindrücklich gezeigt. Was hätten wir alles verpasst, wenn wir diese Reise ohne Digital Detox gemacht hätten. Nur schon dafür lohnte sich das Abenteuer. Und dem Erfrierungstod kam niemand auch nur nahe. Obwohl wir uns einzig auf unseren Schlafsack verliessen und direkt unter den Sternen schliefen. Vorbereitung und Ausrüstung waren top und ich erlebte eine der besten Nächte meines Lebens.
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