Gletscherschmelze fast auf Rekordniveau: «Das ist extrem schlimm»
Die Schweizer Gletscher haben auch 2026 massiv an Volumen verloren. Über 5,5 Prozent gingen sie zurück, was den zweithöchsten Wert der bisherigen Messdaten bedeutet.
Damit nahm die Eismasse in den letzten fünf Jahren um knapp 20 Prozent ab, wie das Schweizerische Gletschermessnetz (GLAMOS) und die Schweizerische Kommission für Kryosphärenbeobachtung der Akademie der Naturwissenschaften Schweiz heute berichten.
Wir wollten es noch etwas genauer wissen und fragten bei Matthias Huss, Glaziologe an der ETH Zürich und Leiter von GLAMOS nach.
Matthias Huss, nach so einem schneearmen Winter, dem frühesten Gletscherschwundtag seit Aufzeichnungsbeginn und dem heissesten bisher gemessenen Sommer kann man da fast erleichtert sein, dass die Gletscher nicht noch mehr geschmolzen sind?
Matthias Huss: Nein. Es ist extrem schlimm, wie die Gletscher in diesem Jahr geschrumpft sind.
Warum wurde die Rekordschmelze von 2022 (damals -6 Prozent, jetzt -5,5 Prozent) nicht erreicht?
Im Winter gab es etwas mehr Schnee, vor allem im Wallis. Der Saharastaub – ein wichtiger Effekt 2022 – spielte weniger eine Rolle und die Gletscher sind jetzt auch schon kleiner und höher in den Bergen. Sie können fast nicht noch mehr schmelzen, als sie dies in jenem Jahr taten.
Wenn die Gletscher noch die Grösse von 2022 gehabt hätten, hätte es dann einen neuen Rekord gegeben?
Das ist schwierig zu vergleichen. Wichtig auch: Die Auswertungen sind noch vorläufig. Man kann das alles noch nicht abschliessend sagen. Im Sommer hat sich abgezeichnet, dass die Rekordwerte von 2022 nicht erreicht werden. Allerdings haben wir im September nochmals aufgeholt. Der Aletsch-, Rhone- oder Claridengletscher sind so stark geschmolzen, wie nie zuvor. Das ist verrückt.
Aber wenn man bedenkt, dass wenig Schnee lag und der Gletscherschwundtag so früh wie nie zuvor erreicht wurde, muss man sagen: Es hätte auch noch schlimmer kommen können.
Mit dem wenigen Schnee und dem frühen Gletscherschwundtag – also der Tag, an dem die Winterschneereserven aufgebraucht sind – lagen wir vereinfacht gesprochen in der Halbzeitpause schon 0:3 zurück. Aber das hätte man noch drehen können. Doch dann folgte die extreme Hitzewelle und damit keine Entspannung, das hatten wir so nicht erwartet.
Wenn die Gletscher dieses Jahr wohl auch nach dem 1. Oktober noch schmelzen, warum zieht das GLAMOS bereits jetzt Bilanz?
Im langfristigen Mittel zeigt sich, dass der 1. Oktober ein guter Stichtag ist. 2023 schmolzen die Gletscher auch noch später. Aber um besser vergleichen zu können, halten wir an dem fest. Was jetzt noch schmilzt, zählt schon zum nächsten Gletscherjahr.
In fünf Jahren rund 20 Prozent verloren, die Milchbüchleinrechnung sagt: In 20 Jahren sind die Gletscher weg.
Das kann man nicht so einfach rechnen. Die tiefgelegenen Gletscherzungen verschwinden, das Eis zieht sich in höhere Lagen zurück und schmilzt dort langsamer. Aber ja, wir sind über der Verlustprognose. Das sieht gar nicht gut aus. Man muss aber auch sagen: Die letzten fünf Jahre hatten im Winter sehr wenig Niederschlag. Das ist nicht normal. Mit der Klimaerwärmung erwarten wir warme Winter, aber Niederschlag sollte nicht so wenig fallen und kommt auf den Gletschern immer noch als Schnee. Das war wohl in den letzten fünf Jahren auch ein Stück weit Pech. Und der wichtige Faktor für die Gletscherschmelze ist klar die Temperatur im Sommer.
Apropos verschwindende Gletscher. Ich war dieses Jahr beim Jörigletscher.
Gibt's den noch?
Das habe ich mich auch gefragt. Wenn ich es auf der Karte nicht gesehen hätte, hätte ich ihn verpasst. Beim genauen Hinschauen entdeckten wir weit oben dann noch Eisreste unter dem Geröll.
Diese Prozesse mit der Schuttbedeckung nehmen immer mehr zu. Drunter kann das Eis noch 10 bis 20 Jahre bleiben. Aber ob das noch ein lebendiger Gletscher oder nur noch Toteis ist, kann ich aus der Ferne nicht beurteilen.
Auf der Karte von Swisstopo ist der Gletscher noch eingetragen. Wann wird das eigentlich jeweils angepasst, wenn ein Gletscher verschwindet?
Das ist ein bisschen subjektiv. Wir legten für die Schweiz die Grenze von einer Hektare (ca. ein Fussballfeld) fest. Ist es mehr, ist es noch ein Gletscher gemäss dem Gletscherinventar. Das Inventar wird alle drei Jahre erstellt. Wir haben eine gute Zusammenarbeit mit Swisstopo, aber wir schreiben nicht vor, wann ein Gletscher aus der Karte muss. Die kartographische und glaziologische Betrachtung sind auch nicht deckungsgleich.
Ich war im August auch auf dem Glacier 3000. Da ist ja seit einigen Jahren der Col de Zanfleuron gletscherfrei und die beiden Gletscher Glacier du Sex Rouge und Glacier de Zanfleuron sind nicht mehr zusammen. Beim Weg über den Gletscher hatte es auf dem Rückwege viele Bächli, das war eindrücklich.
Dieses Jahr war der Schnee von den Gletschern früh weg. Dann nimmt eigentlich die Wassermenge auf dem Gletscher ab, weil da blankes Eis zuoberst liegt. Das sollte nicht so sein. Aber ja, die Gletscher geben aktuell viel Wasser frei.
Was ist die Folge davon?
Die Wasserknappheit versteckt sich. Diesen Sommer waren im Flachland die Flüsse ausgetrocknet, die Bergbäche führten aber viel Wasser. Doch das Reservoir läuft aus. Dann werden sich solche Hitzesommer wie in diesem Jahr deutlicher mit einer Wasserknappheit zeigen.
Ich war vor zehn Jahren schon mal im Sommer auf dem Glacier 3000. Die Gletscher sind merklich kleiner geworden. Solche Anblicke tun jedes Mal auch weh. Geht es Ihnen auch so oder sind Sie da abgestumpft?
Ja, das tut weh. Ich bin viel in den Bergen unterwegs, grad kürzlich wieder auf dem Glärnischgletscher beim Vrenelisgärtli. Der Gletscher ist da nicht nur zurückgegangen, sondern der ganze obere Teil ist weg – da ist nur noch Geröll und Fels. Das schmerzt. Ich bin auch viel auf dem Aletschgletscher. Der ist noch immer eindrücklich, auch wenn er deutlich geschrumpft ist.
Glauben Sie, dass es zum Schutz der Gletscher hilft, wenn jede und jeder sieht, wie sie rasant kleiner werden?
Ich denke, in diesem Sommer mit Hitze und Trockenheit hat es wohl bei vielen Klick gemacht, dass es so nicht weitergehen kann. Es kommt schon an. Aber wir müssen auch wissen: Die Gletscher sind zu gross für die aktuellen Verhältnisse. Also, auch wenn wir jetzt weltweit Massnahmen ergreifen und das Klima stabilisieren können, sie werden sowieso noch einige Jahrzehnt weiter schmelzen.
Sind Sie eigentlich optimistisch, dass der Gletscherrückgang gestoppt werden kann?
Ich weiss es nicht. Es ist wohl eher Zweckoptimismus, dass es gelingt das Klima zu retten. Es bleibt gar keine andere Option, denn wir haben keinen zweiten Planeten.
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