Goodbye, Clarkson. Vor allem ein neuer «The Grand Tour»-Moderator hat Kultpotential
Es ist brutal. Jeder Schweizer Profi-Tennisspieler wird mit Roger Federer verglichen. Jeder Shooting Guard in Chicago mit Michael Jordan. Obwohl die GOATs ihren Platz an der Sonne längst geräumt haben, werfen sie weiterhin ihre Schatten. Nur wirklich aussergewöhnliche Pflanzen können darin aufblühen.
Die GOATs der TV-Unterhaltung waren in diesem Jahrtausend Jeremy Clarkson, James May und Richard Hammond. Mit «Top Gear» auf der BBC erreichten sie pro Folge 350 Millionen Zuschauer. Es war die meistgesehene Non-Fiction-TV-Show der Welt.
Doch dann (2015) schlug der angetrunkene Clarkson einem der Produzenten ins Gesicht. Angeblich, weil es diesem nicht gelungen war, nach einem langen Produktionstag ein Restaurant zu organisieren, das noch ein Steak offerierte. Die BBC feuerte Clarkson. Das Moderatoren-Team inklusive Produzent Andy Wilman zog weiter zu Amazon und kreierte 2016 «The Grand Tour». Derweil gingen bei «Top Gear» die Moderatoren noch zuverlässiger ein, als die Premiers an der Downing Street. 2024 zog sich auch das Erfolgstrio von «The Grand Tour» zurück. Jetzt versuchen die beiden YouTuber Thomas Holland und James Engelsman von Throttle House und das Internet-Phänomen Francis Bourgeois (eigentlich Luke Magnus Nicolson) im übermächtigen Schatten zu gedeihen.
Nun – Überraschung – sie tun das brillant. «The Grand Tour» funktioniert auch ohne Clarkson, May und Hammond. Es ist nicht dieselbe Dynamik – gottlob. Es ist auch nicht der Versuch, dieselbe Dynamik zu erzeugen – gottlob. Nein, Bourgeois, Engelsman und Holland harmonieren auf ihre eigene Weise – und man merkt es der Produktion an: Das Team gibt sich noch Zeit, sich zu finden.
Geblieben ist das Grundgerüst. Drei Moderatoren erhalten einen Auftrag. Um diesen zu erledigen, reisen sie in der Welt umher, besuchen spektakuläre Orte und haben dabei viel Spass, meist in Autos. Der Unterschied zu einem klassischen Jungsausflug besteht einzig im etwa tausendfachen Budget.
Der heimliche Star der Truppe ist Francis Bourgeois. Die Begeisterung des Trainspotters und ehemaligen Rolls-Royce-Mitarbeiters (als Fertigungsingenieur) für alles Technische ist dermassen unverbraucht, dass nur Unmenschen sich nicht davon mitreissen lassen. Egal ob Entsetzen oder pure Freude, der 26-jährige Brite wirkt vor der Kamera authentisch wie ein Kind.
Beste Szene: wie er in Rage einen Sticker vom Auto kratzt, auf den Boden wirft und davonstapft – nur um zurückzukehren und den Sticker, wie es sich gehört, in einem Abfalleimer zu entsorgen. Schlimmer als ein BMW-Badge auf einem Mercedes ist nur Littering. Erstaunlicherweise hält er aber auch fahrerisch und in Sachen Draufgängertum mit den beiden anderen mit. Bourgeois wird vielen Zuschauern gleich in der ersten Episode ans Herz wachsen.
Vielleicht etwas länger dauert das mit Holland und Engelsman. Letzterer glänzt mit britischer Selbstironie und träfen Sprüchen. Obwohl ebenfalls nicht humorlos, hält sich vor allem Thomas Holland in den ersten Folgen noch vornehm zurück.
Der ungekrönte Chef der Truppe lässt sich Zeit und Raum, um im neuen Format anzukommen. Das ist gut so. So viele Moderatoren sind gestolpert, weil sie zu schnell in die übergrossen Fussstapfen der Vorgänger treten wollten. Die Gefahr besteht hier nicht.
Entsprechend lautet der einzige Vorwurf zur ersten Episode, dass die Truppe noch nicht in den höchsten Gang schaltete. Doch die Saat wächst. Mit jeder Folge finden sich die drei Moderatoren besser und spätestens ab der dritten («It's OK to be Kei») macht es so richtig klick. Das ist nicht nur unser Verdikt, sondern das vieler Zuschauer: Auf IMDB.com startet die Staffel mit einer Wertung von 8.0. Danach steigen die Noten mit jeder Episode bis auf 8.9 (Stand Dienstag, 8. September 2026).
Wohltuend anders sind nicht nur die Moderatoren, sondern auch ihre Ansichten. Neben all dem Geröhre starker Verbrennermotoren wird «Gut für die Umwelt» tatsächlich ironiefrei zum Thema. Clarksons Charisma werden wir vermissen, seine steinzeitlichen Ansichten eher weniger. Bühne frei für Bourgeois, Engelsman und Holland. Auf die neue Generation! Das ist schon gut, kommt aber noch besser.
Die siebte Staffel von «The Grand Tour» gibt es auf Amazon Prime.
PS: Wer Clarkson weiterhin sehen will: «Clarksons Farm» ist noch immer sehenswert – und er hat einen kurzen Auftritt in der ersten Folge. May und Hammond dann in der dritten und vierten.
