«Digger»: Tom Cruise macht sich hässlich und will ums Verrecken einen Oscar
Unter allen Adeligen sind Ölbarone wohl die verhasstesten, gierigsten, gewissenlosesten. Das wissen wir mindestens aus «East of Eden», aus «Dallas» und jetzt auch aus «Digger». Digger Rockwell (Tom Cruise) ist dabei ein besonders aufgeblasenes Exemplar, er ist nämlich nicht nur ein ruchloser Ölgräber, er ist auch eine Zitatensammlung von superreichen Psychopathen der Filmgeschichte. Sein Schloss erinnert penetrant an Xanadu, die Fantasievilla von Citizen Kane. Es ist spektakulär geschmacklos mit Hunderten von ausgestopften Tieren und wahren Geweihwäldern dekoriert, schliesslich muss gezeigt werden, wer hier die Schöpfung im Griff hat. Und seine entsetzliche weisse Katze, die wohl schon seit Jahren vor sich hin stirbt und stinkt, ist eindeutig Blofelds Katze aus den Bond-Filmen.
Vor Diggers Fenstern finden Simulationen von Landschaften aus Gemälden statt. Seine Mode stammt aus einem bereits vergessenen Jahrzehnt. Die Technik ist von übermorgen. Es ist eine brachiale ausstatterische Prachtentfaltung, vor lauter Details vergisst man ganz, der eigentlichen Geschichte zu folgen, es ist ein bisschen, als hätte Wes Andersons Fantasie einen ganz schweren Norovirus eingefangen, und alles schreit: Achtung, Achtung, das kann nicht die ganze Wahrheit sein, hinter diesen potemkinschen Fassaden muss sich doch noch was verbergen!
Selbstverständlich tut es das, die Geschichte von Digger und wie er die Welt an den Rand des Untergangs brachte, ist nur die eine Seite der Komödie von Alejandro G. Iñárritu, aber «das Team von ‹Digger›» bittet so sehr darum, nicht zu spoilern, dass wir das hier unterlassen. Nur so viel: Die zweite Seite macht den Film wirklich nicht besser, nur länger. Man hat den Trick auch schon ein paar Mal zu oft gesehen.
Tom Cruise will endlich einen Schauspiel-Oscar. Einen Ehren-Oscar für seine Verdienste um den Film schlechthin hat er schon erhalten, es war der Dank der Academy an Hollywoods nachhaltigsten Star, der seit Jahrzehnten die Millionen ins Kino holt und ein nimmermüdes Action-Duracell-Häschen ist. Und es war das Abspeisen von einem, der immer als grösster Filmstar der Gegenwart bezeichnet wird, dessen Schauspielkunst man aber nie ernst genug nahm, um ihn auszuzeichnen. Dabei hat er es so oft versucht. In «Magnolia», in «Jerry Maguire», in «Eyes Wide Shut» zum Beispiel.
So krampfhaft wie jetzt ist er den Kampf um den Oscar allerdings noch nie angegangen. Tom Cruise, der Mann, der auch mit 64 tadellos beieinander ist und auf eine scheinbar unoperierte Art sehr gut aussieht, hat sich für «Digger» so sehr verändern lassen, als hätte auch nie nur eine einzige Stunde im Gym an seinem Körper gekratzt. Er sieht jetzt aus, wie er mit 64 in einem ganz normalen amerikanischen, von ungesundem Essen, viel Alkohol und Rauchen verunreinigten Leben aussehen könnte. Und er spielt ein ausgemachtes Ekel. Inmitten von anderen Ekeln. Er kennt keine Angst vor irgendeiner Art von Hässlichkeit. Nemesis und zugleich Verbündeter ist Präsident Compson (ein wunderbarer John Goodman), der von einem Analkrebs aufgefressen wird.
Diggers jüngstes Vergehen: Seine Ölbohrung in Grönland führte dazu, dass aus einem Riss im Meeresboden Methan austrat und eine riesige Explosion einen Eisberg von der fünfzigfachen Grösse von Washington absprengte. Jetzt ist der Eisberg auf dem Weg nach Europa. Doch Digger ist ein Mann, der nach dem Prinzip «Wahrnehmung gebiert Realität» funktioniert. Wenn er etwas bestreitet, dann existiert es nicht. Und umgekehrt. Alles lässt sich zu seinen Gunsten verdrehen. Trump grüsst mit dem Vorschlaghammer.
«Digger» ist eine Satire auf den Zynismus von Amerikas Wirtschaftselite, man könnte Öl auch durch KI ersetzen, es wäre damit die gleiche dystopische Versuchsanordnung möglich. Das ist redlich von Iñárritu (der auch das Drehbuch geschrieben hat) und Cruise, leider ist ihre Groteske ungeheuer grobschlächtig, albern und ermüdend. Und so viel Hass, wie alternde weisse Männer hier auf sich versammeln, haben sie echt nicht verdient.
Wie steht es nun um die Oscar-Chancen von Tom Cruise? Für eine weitere Nomination sollte der Kraftakt reichen. Und für den Gewinn? Kaum. Auch die Massen, die Cruise sonst ins Kino zieht, wären bei «Digger» ein Wunder. Doch Cruise setzt nicht nur auf sich selbst, er setzt vor allem auf Iñárritu, und der ist bei den Oscars schon fast zum Selbstläufer geworden. Mit «Birdman» gewann er vier, mit «The Revenant» drei, exzentrische Männer in Extremsituationen sind sein Fetisch. Allerdings verschaffte er nur ein einziges Mal in vielen Jahren einem Schauspieler zu einem Academy Award: Leonardo DiCaprio, der als Revenant in einem verwesenden Pferd Unterschlupf fand. Auch er musste lange warten. Wer weiss, vielleicht wird jetzt die bei lebendigem Leib verwesende Blofeld-Katze zum Glücksbringer von Tom Cruise.
«Digger» läuft ab dem 1. Oktober im Kino.
