Die neue SRF-Serie «Blind»: Süffiges, schauriges, schnelles Binge-Futter
Als «Blind» 2019 erschien, da traf ich Christine Brand zufälligerweise in Leipzig an der Buchmesse. Ich war ein kleiner Nischenfisch unter den anwesenden Schweizerinnen und Schweizern, Christine Brand dagegen war das ganz grosse Ding. Die Krimiautorin, mit deren Buchcover ganze Gänge auf der Messe tapeziert waren. Die gebürtige Emmentalerin, die schon seit einigen Jahren in einem kleinen Emmentaler Verlag Bücher publizierte, aber sich jetzt einen Vertrag beim deutschen Unterhaltungsriesen Blanvalet ergattert hatte, der Giganten wie Elizabeth George, Karin Slaughter oder George R.R. Martin übersetzte. Doch sie alle zählten an jenen Tagen in Leipzig nicht, «Blind» war der Spitzentitel von Blanvalet.
Christine Brand war bei unserer Begegnung so sympathisch wie immer und wie immer auf Reisen, sie kam von irgendeinem Weltmeer und hatte die Ausstrahlung einer erfahrenen Surferin oder Tiefseetaucherin, eine Frau aus Salzwasser und Sonne. Damals besass sie noch kein eigenes Haus am Strand von Sansibar, wo sie zum Wäscheaufhängen einen Velohelm trägt, weil ihr sonst Kokosnüsse auf den Kopf fallen.
Sie stand an jenem Tag in Leipzig vor einem grossen Sprung – ins Nichts oder in den Erfolg, sie schien sich selbst nicht ganz sicher zu sein, ob sie ihrer eigenen Tollkühnheit trauen könne, sie hatte dafür eine sichere Stelle als Gerichtsreporterin bei der «NZZ am Sonntag» aufgegeben und war zur schreibenden Nomadin mit dem Laptop geworden. Man kann so viel Risikofreude nur bewundern. Und sie hat sich gelohnt: Christine Brand bildet zusammen mit Martin Suter und Alex Capus die Dreifaltigkeit der aktuell erfolgreichsten und beliebtesten Schreibenden aus der Schweiz im deutschsprachigen Raum. «Blind» wurde aus dem Stand zu einem Riesenbestseller, und eigentlich ist es eine Frechheit, dass der Roman erst jetzt serialisiert wurde. In Zukunft geht das gewiss schneller.
Das sogenannte «Dunkelrestaurant» Blinde Kuh gibt es in Basel und in Zürich, man sitzt dort im Stockdunkeln und kann sich vorstellen, wie es ist, blind zu sein. Nathaniel Brenner, Christine Brands blinder Held aus «Blind», arbeitet als Kellner in einer dieser Blinden Kühe. Logisch, dass sich sowas fürs Fernsehen nicht eignet. In der Serie ist er deshalb Barkeeper in einer ganz normalen schummrigen Berner Bar. Auch die produktions- und betreuungstechnisch aufwändige, aber bei der Leserinnen sehr beliebte Blindenhündin wurde ihm abgenommen. Ein Stock muss genügen. Das seien, sagt Christine Brand, die beiden gröbsten Änderungen, die das Drehbuchteam von Plinio Bachmann bei der Adaptation vorgenommen habe. Der Rest sind kleinere dramaturgische Straffungen und Entschlackungen.
Brenner (Sven Schelker), der als Kind erblindete, weil sein Vater den Rest der Familie auslöschte und den Sohn schwer verletzte, wird Zeuge einer Gewalttat. Jedenfalls glaubt er zu hören, wie einer Frau namens Carole (Deleila Piasko) in seiner Bar Gewalt angetan wird, bevor sie vom Erdboden verschwindet. Seine alte Freundin Milla Nova (Lia von Blarer), eine ambitionierte junge Investigativ-Journalistin, die easy eben mal während einer Zugfahrt von Bern nach Zürich einen wichtigen Enthüllungsartikel schreibt, soll ihm helfen, den «Fall» zu lösen. Gemeinsam mit Millas Boyfriend, dem frisch gebackenen Kriminalkommissar Sandro Bandini (Nicola Perot), begeben sie sich in eine irre Hölle, wie man sie so in, um und unter Bern noch nie vermutet hat.
Mysteriöse Doppelgängerinnen, eiskalte Psychopathen, ein unerklärliches HIV-Infektionscluster, viel Blut, Folterkeller, eine gespenstische Schwangerschaft und mannigfache familiäre Traumata vermischen sich zu einem undurchdringlichen Dickicht, das allmählich so dunkel wird wie ein Abend in der Blinden Kuh. Das ist grusig und deftig und kein bisschen leise, und Nathaniel Brenner leidet wie verrückt unter seiner Beeinträchtigung, dabei ist es ausgerechnet sie es, die ihm diese spürhundartige, besondere Gabe schenkt.
Er ist damit nicht allein, bereits 2018 ging der komödiantische Wien-Krimi «Blind ermittelt» mit Philipp Hochmair als sehbehindertem Detektiv an den Start, heuer kam die belgische Miniserie «Blind Sherlock» nach der wahren Geschichte eines blinden belgischen Polizeibeamten dazu. Gesteigerte Sensorik, ein ausgeprägtes Gespür für die Hilflosigkeit der Opfer und ganz grosses kombinatorisches Kopfkino machen Brenner und seine Kollegen zu virtuosen Krimi-Protagonisten.
SRF sagt zu «Blind»: «Die konsequent horizontale Erzählweise entwickelt Sogwirkung und macht die Serie auch für ein Streaming-Publikum attraktiv.» Und tatsächlich: Der Sechsteiler ist bestechend hochtouriges, handlungsgetriebenes Serienhandwerk. Das Ensemble unter der Regie von Barbara Kulcsar und Christian Johannes Koch ist gierig, die Kamera grandios, die Überraschungen fürchterlich, die Geschichte raffiniert und sehr, sehr dark. Es ist eine selbstsichere Kampfansage an die Produktionen der Streamer. Es ist allerdings auch genau das, was auf den Streamern schon Massenware ist.
Um sich davon abzuheben, braucht es mehr. Es war bei «Wilder» und bei «Tschugger» im Überfluss vorhanden. Nennen wir es Herz, nennen wir es Seele. Es gibt in der Bern-Serie «Blind» keinen krümeligen, vom Leben verbrühten Berner Philosophen-Cowboy im Camper wie Kägi aus «Wilder», und Milla Nova ist zwar optisch ganz klar die jüngere Schwester von Rosa Wilder, aber auch bei ihr ist konstanter Hochdruck der vorherrschende Aggregatzustand. Ein bisschen Innehalten, ein paar charmante Eigentümlichkeiten, ein paar Kratzer fehlen und machen, dass man «Blind» zwar mit angehaltenem Atem folgt, die Serie danach aber sofort wieder vergessen hat. Wie Netflix halt.
Immerhin zwei aus dem Ensemble besitzen die Abgebrühtheit, ihre Figuren mit einer Essenz zu füllen, die ihnen die Hast des Narrativs eigentlich gar nicht zugesteht. Und da blitzt sie durch, die Seele, dieses schwer fassbare, metaphysische Phänomen, das macht, dass eine Figur ihren streng definierten Bildschirm-Raum verlässt, dass sie dreidimensional wird, vor uns tritt und macht, dass wir für sie Gefühle entwickeln, egal, ob wir das wollen oder nicht: Manuel Rubey (eh einer der besten Schauspieler, die man sich aus Österreich ausleihen kann) füllt seinen esoterischen Quacksalber-Guru Jean Schwaabe mit so viel tiefenentspanntem Schmäh und zugleich ultragefährlicher Verschlagenheit, dass jede Sekunde ein Genuss ist; und Esther Gemsch als ältere Freundin von Nathaniel und passionierte Waffenbesitzerin bringt eine verlebte Schlauheit mit, von der man gerne noch viel mehr sähe.
Aber vielleicht darf sie das ja in einer zweiten Staffel? Und vielleicht darf dann das ganze Ensemble neben der selbstbewussten horizontalen Erzähl-Effizienz auch noch echte Tiefe zeigen? Das wäre schön. Denn «Blind» ist schon fast perfekt. Ein süffiger, schauriger, schneller Thriller zum Bingen.
SRF 1: Sonntag, 27. September, 20.05 Uhr: Episoden 1 und 2. Montag, 28. September, 20.05 Uhr: Episoden 3 und 4. Dienstag, 29. September, 20.05 Uhr, Episoden 5 und 6.
Am 27. September, ab 17.00 Uhr sind alle Folgen gleichzeitig auf Play SRF abrufbar. Ebenfalls am 27. September um 15.30 Uhr wird die erste Folge am ZFF zu sehen sein.
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