Psychologe gibt Eltern und Schule Schuld an psychischen Problemen von Jugendlichen
Weltweit steigt die Zahl von Jugendlichen mit psychischen Problemen in den vergangenen Jahren stetig an. Auch in der Schweiz suchen immer mehr Heranwachsende professionelle Hilfe, weil sie mit mentalen Problemen zu kämpfen haben. Lange Zeit schoben Psychologen die Ursache auf Handys und Social Media.
Dazu gebe es aber keine wissenschaftlichen Belege, sagt nun Peter Gray, amerikanischer Entwicklungspsychologe, gegenüber der Sonntagszeitung. Und er sei mit dieser Meinung nicht allein. Zwischen Bildschirmzeit und mentaler Gesundheit gebe es keine starke Korrelation, sagt er im Interview.
Die Macht der Computer
Vielmehr würden Studien zeigen, dass Jugendliche, denen es psychisch schlecht geht, digitale Medien stärker nutzen. «Sie suchen dort nach Hilfe, Ablenkung oder Gleichgesinnten, weil sie diese in der realen Welt nicht mehr finden», sagt Gray.
Die Ursache der Probleme sieht Gray vielmehr bei den Eltern. Dabei handle es sich keineswegs um ein neues Phänomen. Schon früher hätten Erwachsene Comics, Science-Fiction oder Fernsehen verteufelt, weil sie neu waren.
Das war auch beim Aufkommen des Computers so. Doch gerade dieser bot Jugendlichen in den 90ern eine neue Freiheit, führt Gray aus. «Die Eltern mussten plötzlich ihre Kinder um Rat fragen, wenn der Computer nicht funktionierte. Das kehrte die Hierarchie um und gab den Jugendlichen ein enormes Gefühl von Kompetenz und Selbstwirksamkeit.»
So lasse sich auch erklären, warum in dieser Zeit die mentale Gesundheit besser wurde. «Draussen durften sie sich wegen der immer ängstlicher werdenden Eltern kaum noch alleine frei bewegen. An den Computern und auf ersten Gamingplattformen konnten sie sich endlich wieder ohne elterliche Kontrolle erproben.»
Genau das sei wichtig für die Entwicklung. «Weil sie viel weniger draussen spielen und allein die Welt erkunden, lernen sie nicht mehr, dass sie Probleme selbst lösen und vernünftige Entscheidungen treffen können», sagt Gray im Interview mit der Zeitung.
Lass dir helfen!
In der Schweiz gibt es zahlreiche Stellen, die rund um die Uhr für Menschen in suizidalen und depressiven Krisen da sind – vertraulich und kostenlos.
– Die Dargebotene Hand: Tel 143, www.143.ch
– Beratung + Hilfe 147 für Jugendliche: Tel 147, www.147.ch
– Reden kann retten: www.reden-kann-retten.ch
Fehler sind wichtig
Laut Gray würden Mütter heute mehr reine Zeit mit ihren Kindern verbringen als noch in den 50er-Jahren. «Eltern glauben heute, sie seien persönlich für das Schicksal, das Glück und den Erfolg ihres Kindes verantwortlich. Wenn man einem Kind über Jahre hinweg diese Botschaft einimpft, darf man sich nicht wundern, wenn es als Jugendlicher unter Angststörungen leidet.» Kinder müssten Risiken eingehen und Fehler machen, um zu erkennen, dass sie Situationen meistern können.
Schliesslich sei die Welt heute für Kinder sicherer als früher. Gray findet deshalb: «Wir haben eine Gesellschaft erschaffen, die von Paranoia geprägt ist.» Eltern, die ihre Kinder nicht allein zur Schule gehen liessen, gäben ihnen zu verstehen, dass sie draussen nicht allein überleben könnten.
Gleichzeitig sieht Gray auch die Struktur des Bildungssystems als Ursache. Er sagt: «Das moderne Schulsystem ist strukturell darauf ausgelegt, Angst zu erzeugen. Kinder haben dort nahezu keine Autonomie. Sie werden ständig gemikromanagt, bewertet und mit ihren Altersgenossen verglichen.» Das würde auch bei Erwachsenen zu Angststörungen führen, ist Gray überzeugt.
Kompetenz stärken
Die Lösung sei also mehr Freiheit für Jugendliche, auch in einer Welt mit Social Media und Smartphone. Wichtig sei, Kindern und Jugendlichen beizubringen, dass sie gegenüber Algorithmen nicht machtlos sind und sie nicht zu Opfern zu machen. «Wenn wir Jugendlichen einreden, sie seien wehrlose Opfer eines Algorithmus', verlieren sie den Glauben an sich selbst. Wir müssen ihnen wieder beibringen, dass sie die Kontrolle über das Gerät haben, nicht das Gerät über sie.»
Ein Social-Media- oder Handyverbot sieht er deshalb als kontraproduktiv: «Wenn wir Kindern das Handy wegnehmen, aber gleichzeitig die Zäune um ihr Leben nicht abbauen, nehmen wir ihnen eines der letzten Rückzugsorte, die ihnen an sozialem Eigenleben geblieben sind.» (vro)
