Zwei Regie-Wunderkinder (21 und 26) feiern auch bei uns Horror-Welterfolge
Kane Parsons ist ein echtes Wunderkind und stolz darauf, im selben Jahr zur Welt gekommen zu sein wie sein Lieblingsmedium YouTube. 2005. Mit 14 begann er auf YouTube unter dem Pseudonym Kane Pixels eine eigene Kurzfilm-Welt zu bauen, mit 17 begann sich die Filmindustrie für ihn zu interessieren, mit 19 drehte er für A24 seinen ersten Kinofilm «Backrooms», in den vergangenen Wochen stand dieser weltweit an der Spitze der Kinocharts.
Sein Vater entwickelt Videospiele, seine Mutter ist Psychotherapeutin, ein Nerd und eine Seelengrüblerin also, man kann sich fast nicht vorstellen, wie verschroben, tief- und abgründig seine Kindheit im kalifornischen Petaluma gewesen sein muss. Oder nur zu gut. Und vielleicht ist «Backrooms», der seit seinem Start Ende Mai auch bei uns immer noch unter den Top drei der Kinocharts läuft, ja eine einzige grosse Liebeserklärung an seine Eltern. Denn Parsons Idee, dass ausserhalb unserer Realität oder unseres Bewusstseins eine unendliche Metastruktur lauert, das klingt schon sehr nach Games und Psychologie.
«Backrooms» erzählt aus dem Leben des Möbelhausbetreibers Clark (Chiwetel Ejiofor) in den 1990er-Jahren. Er hat sich gerade von seiner Frau getrennt, ist deshalb in Therapie (bei Renate Reinsve) und entdeckt eines Tages, dass sich jenseits einer durchlässigen Wand ein riesiges Labyrinth aus mehrheitlich leeren, gelben Gängen und Büroräumen befindet. In manchen findet er Spiegelungen seines Alltags. In anderen Erinnerungen des Gebäudes an seine Benutzer. Und weil Erinnerungen immer selektiv sind, erinnern sich die Räume auch fehlerhaft an ihre Menschen – surreal verzerrte, empfindungsfreie Gestalten mit acht Augen etwa geistern durch die Gänge. Mit zwei Mitarbeitern macht sich Clark auf eine Forschungsreise in die gelben Innereien – natürlich ist das eine schlechte Idee. Das Haus eskaliert.
Parsons fand die Idee dazu 2022 auf einem Bild, das jemand auf dem Imageboard 4chan gepostet hatte. Er machte daraus die zwölfteilige YouTube-Serie «The Backrooms», bis heute hat sie 77 Millionen Views.
Publikumserfolg dank Kunst
Das Urbild zeigt exakt wie im Film ein paar leere gelbe Räume und es erinnerte Parsons – ein Wunderkind, wie gesagt – an seine eigene Verlorenheit in einer immer grösser, aber auch immer kleiner werdenden Welt. Zwar erweitert das Internet unseren Horizont um unendliche Möglichkeiten, doch der Raum, in dem wir uns physisch aufhalten, wird immer kleiner, die Bilder aus unserem Leben immer weniger, die Räume, die wir damit füllen könnten, immer leerer. Was bleibt, sind Monster. Ungefähr so kann man sich Parsons' Gedankenwelt hinter «Backrooms» vorstellen. Oder auch ganz anders.
Der Film nennt sich Horrorfilm, liegt aber abseits gängiger Slasher-Movies, er bewegt sich auf der Temperamentsskala und in der Gestaltung psychosomatischer Räume eher bei David Lynch, «The Blair Witch Project», «The Shining» oder «Severeance». Es ist ein Unikum von einem Film. Interessant, schlau, ungewöhnlich und mit Ejiofor und Reinsve sind zwei hochkarätige und rätselhafte Kräfte mit im Spiel. «Backrooms» ist Kunst. Und ein riesiger Welterfolg für einen Independent-Film. 10 Millionen Dollar Budget stehen bis Stand heute 350 Millionen Bruttoertrag gegenüber.
Noch etwas krasser fällt die Erfolgsrechnung des heute 26-jährigen Regisseurs Curry Barker aus. 750'000 Dollar kostete «Obsession», über 400 Millionen sind bis jetzt eingespielt. In der Schweiz steht er aktuell direkt vor «Backrooms» auf Platz zwei der Kinocharts. Auch das ein Welterfolg. Im Vergleich: Spielbergs «Disclosure Day», der ähnlich lange läuft und ein ungleich grösseres PR-Budget hatte, kostete 115 Millionen Dollar und hat bis jetzt 215 Millionen eingespielt.
Er schockiert gerne
Barker stammt aus Mobile, Alabama, seine Mutter ist Grafikdesignerin, sein Vater war Psychiatriepfleger, bevor er Drehbuchautor wurde. In seiner Jugend war er kein genialischer Supernerd wie Parsons, bei ihm war alles viel handfester. Mit elf verliebte er sich in «The Texas Chainsaw Massacre», das Prinzip Schock begeisterte ihn. Er war ein schlechter Schüler und wohl auch schlechter Schauspielschüler, denn bald gründete der Möchtegern-Filmstar und hauptamtliche Starbucks-Kellner mit seinem besten Freund Cooper Tomlinson (er spielt in «Obsession» mit) das Comedy-Duo That's a Bad Idea und den dazugehörigen YouTube-Kanal. Ihre Views sind weniger als die von Parsons, aber auch zwischen drei und elf Millionen.
Schliesslich drehten die beiden Horrorfilme, kurze und lange, der teuerste kostete 800 Dollar, sie fanden eine Agentur und damit mehr Geld und zeigten «Obsession» 2025 am Toronto Film Festival. Für 14 Millionen Dollar wurde der Film von Focus Features gekauft, für einen Genrefilm ist das ein fürstlicher Betrag. Seither: Weltkarriere. Barkers nächster Auftrag: «Texas Chainsaw Massacre» für A24.
Dating-Verhalten als totaler Horror
«Obsession» ist einfacher als «Backrooms» – und deprimierender. Auch hier beginnt alles in einem Laden, aber nicht in einem Möbelladen, sondern in einem Musikfachgeschäft. Da arbeiten vier Freunde. Der einsame Bear (Michael Johnston) ist in die herzige Nikki (Inde Navarrette) verliebt, doch weil er als romantisch verkrüppelter Gen-Z-Mann von heute überhaupt nicht weiss, wie man mit Gefühlen und Hormonen in der realen Welt umgeht, nimmt er lieber Magie zu Hilfe, statt einfach mal mit ihr zu reden. Von einem kleinen Zaubergerät (das Barkers Mutter designt hat) wünscht er sich, Nikki möge ihn mehr lieben als jeden anderen Menschen. Was sie tut.
Wunscherfüllung ist eine verhängnisvolle Angelegenheit. Im Fall von Bear und Nikki wird sie fatal. Inde Navarrette ist grossartig als Verzauberte wider Willen, die für kurze Momente zu sich kommt. Das Finale ist berührend. Bis dahin muss man neben ein paar wirklich wunderbaren Ideen und Sätzen für die Ewigkeit wie «You can't cook the cat!» auch viel nebulöses Befindlichkeitsgelaber ertragen. Und die Sache mit der bedingungslosen Paar-Verschmelzung war im Body-Horror «Together» von Michael Shanks verrückter und entsetzlicher. «Obsession» suggeriert: Heterosexuelles Dating-Verhalten heute ist der totale Horror, die jungen Leute wissen weder mit ihren Vorstellungen voneinander noch in der Realität miteinander umzugehen.
Jetzt muss Nolan genauso abliefern, dann ist der Kinosommer perfekt
Barker und Parsons ist es gelungen, dank ihren Millionen von YouTube-Fans sensationelle Kinostarts hinzulegen und die Säle mit Menschen einer Generation zu füllen, die sonst den privaten Bildschirm vorziehen. Plötzlich ist das kollektive Filmerlebnis wieder angesagt. Und auch wenn sie nicht die ersten jungen Regisseure der Filmgeschichte sind, die ein junges Publikum anziehen, muss die ganze Branche den beiden für diese dringend nötige Frischzellenkur sehr, sehr dankbar sein.
Christopher Nolan muss jetzt mit «The Odyssey» dafür sorgen, dass dieser Kinosommer wieder ähnlich grandios wird wie vor drei Jahren der Barbenheimer-Sommer. Mit «Backrooms» verbindet Nolans Odysseus jedenfalls die Irrfahrt. Und dass zwischen Mann und Frau nicht nur natürlicher Zauber zum Einsatz kommt, wird da ebenfalls sehr schön zu sehen sein.
«Backrooms» und «Obsession» laufen jetzt im Kino. «Together» gibt es aktuell auf Sky zu sehen. «The Odyssey» startet bei uns am 16. Juni.
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