«Jede Stunde war wie Jahre» – was ein syrischer Regisseur im Foltergefängnis erlebte
Übersetzung
Dieser Text wurde von unseren Kolleginnen und Kollegen aus der Romandie geschrieben, wir haben ihn für euch übersetzt.
Das Westschweizer Festival Visions du Réel war für Almourad Aldeeb ein Traum, der in Erfüllung ging. Am Donnerstag, 23. April, um 18.15 Uhr präsentierte der syrische Regisseur in Nyon die Weltpremiere seines Films «If Only the Year Had 364 Days». Eine zweite Vorführung findet am Freitag, 24. April, um 11.15 Uhr statt.
In diesem Spielfilm erzählt er von seiner Inhaftierung vor über zehn Jahren in einem der berüchtigten Gefängnisse des Assad-Regimes. Damals war er etwa zwanzig Jahre alt. Im Jahr 2013 brodelt die Revolution im Land bereits seit fast zwei Jahren. Als Theaterstudent in Damaskus gehört Almourad Aldeeb einer Gruppe von Aktivisten an und beteiligt sich an den Protesten – ein politisches Engagement, das zu seinem Ausschluss von der Universität führte.
Er lässt sich jedoch nicht entmutigen und protestiert weiter. Bis zu diesem entscheidenden 30. Dezember 2013.
Was ist an diesem Tag passiert?
Almourad Aldeeb: In Damaskus wollte die Regierung keine Demonstrationen zulassen. Die Behörden versuchten seit 2013, uns zum Schweigen zu bringen. Mit meinen Freunden protestierten wir dennoch weiter, insbesondere durch das Verteilen von Flyern oder das Anbringen von Graffiti. Am Tag meiner Verhaftung war ich in der Kunstschule, an der ich studierte – was meine Verhaftung erleichterte. Wachen kamen und brachten meinen Freund und mich ins Gefängnis Branch 215. Im Vergleich zu Saidnaya – das oft in den Medien erwähnt wird – ist es klein, aber ebenso schrecklich. De facto ist es eher ein Foltergefängnis als ein normales Gefängnis.
Wussten Sie im Auto, wohin man Sie brachte?
Nein. Die Männer, die uns festnahmen, fuhren mit uns durch die ganze Stadt. Die Fahrt wurde absichtlich in die Länge gezogen. Aber das Gefängnis lag direkt neben der Universität! Heute habe ich das Gefühl, mich an kaum noch etwas zu erinnern. In solchen traumatischen Momenten vergisst der Körper so viele Details. Die Wachen zum Beispiel: Seltsamerweise erinnere ich mich nicht an ihre Gesichter. Dafür sind mir ihr Schmuck und ihre Hemden im Gedächtnis geblieben.
Wie lange waren Sie eingesperrt?
Diese Frage möchte ich nicht beantworten. Sie bleibt auch im Film unbeantwortet.
Warum?
Weil Zeit im Gefängnis anders vergeht.
Manche Menschen, die ich in Haft getroffen habe, konnten sich nicht einmal daran erinnern. Im Kino sieht man Gefangene, die die Tage zählen und an die Wand schreiben. Wir hatten keine Kraft, die Zeit zu zählen. Und ausserdem gewöhnt man sich nach einer Weile daran.
Wie haben Sie es geschafft, zu überleben?
Glück. Und eine bestimmte Geisteshaltung.
Ich habe auch Hoffnung, Liebe und Energie von anderen Gefangenen erhalten. Als sie erfuhren, dass ich Student war und vorhatte, einen Film zu drehen, sagten sie mir: «Du wirst hier rauskommen und unsere Geschichte erzählen.» Einer von ihnen hatte mir übrigens erklärt, dass ich, um im Gefängnis durchzuhalten, die Aussenwelt und die Person, die ich war, vergessen müsse. «Diese schrecklichen Bedingungen sind jetzt dein Zuhause», sagte er mir. «Du wirst deine Zeit in dieser Zelle verbringen, also iss, auch wenn das Essen furchtbar ist. Trink das Wasser, auch wenn es nicht sauber ist. Finde eine Routine. Bewege deinen Körper, auch wenn du nur wenige Quadratmeter Platz hast.»
Wie sah Ihr Alltag aus?
Ich kämpfte um Essen oder um ein paar Zentimeter mehr Platz in der Zelle. In den ersten drei Monaten waren wir bis zu hundert Gefangene auf vier mal fünf Metern. Wir schliefen nebeneinander, als wären wir aneinander gekettet. (Er lacht.) Das ist sehr intim! Wenn ich heute einen meiner Freunde anrufe, mit dem ich zusammen inhaftiert war, sage ich ihm: «Ich vermisse deine Knie!»
Sie können über Ihre Erfahrungen lachen...
Humor ist wichtig, wenn man an solchen Traumata arbeitet. Es ist auch wichtig, darüber zu sprechen. Für sich selbst und für die zukünftigen Generationen, die in einer so schwierigen Zeit in Syrien aufgewachsen sind.
Wie verlief Ihre Freilassung?
Jeden Morgen kommen die Wachen in die Zellen und holen Gefangene heraus. Einer meiner Freunde reagierte nicht, als sie seinen Namen riefen, er war zu schwach. Als sie ihn sahen, beschlossen die Behörden, ihn nicht freizulassen. Als ich an der Reihe war – die Geschichte ist fast ironisch –, war ich gerade auf der Toilette! Ich hatte Magenprobleme. Normalerweise durften wir nur zweimal am Tag dorthin gehen. Ein Häftling, dem ich nahestand, lief los, und ich schrie von der Toilette aus. An diesem Tag sagten mir die Wärter: «Du kannst raus.»
Und dann?
Ich wurde aus dem Keller ins Obergeschoss gebracht. Das ist ein Zeichen dafür, dass die Behörden deinen Fall bearbeiten. Wisst ihr, im Gefängnis läuft es so ab: drei Wochen Folter, dann kommt man in den Keller. Und danach gerät alles in Vergessenheit! Als ich wieder nach oben kam, stand ich schliesslich vor Gericht.
Ich wollte gleichzeitig weinen und lachen, denn ich konnte mir nicht vorstellen, dass sie selbst glaubten, was sie da sagten.
Haben Sie etwas gesagt?
Nein! Die Wachen hätten mich sofort geschlagen.
Wenn man von den Gefängnissen des Regimes von Baschar al-Assad hört, denkt man, ihr Ziel sei es, die Häftlinge zu töten und den Widerstand zu brechen. Warum werden manche dann freigelassen?
Als wir freikamen, hörten unsere Familien und Angehörigen unsere Berichte und bekamen selbst Angst, getötet, verhaftet oder entlassen zu werden. Mein Vater zum Beispiel war Ingenieur. Er wurde nach meiner Verhaftung entlassen.
Sie leben seit etwa zehn Jahren in Europa. Warum sind Sie aus Syrien weggegangen?
Sechs Monate nach meiner Freilassung kamen diejenigen, die mich verhaftet hatten, wieder, um mich zu sehen. Ich geriet so sehr in Panik, dass auch sie nervös wurden. Sie waren verwirrt, denn sie waren nur gekommen, um mich zu überwachen. Ich habe versucht zu fliehen, aber ich konnte mich nicht rühren. Das war das Zeichen, dass ich gehen musste. Ich bin in die Türkei gegangen, wo ich über ein Jahr lang gelebt habe, bevor ich nach Deutschland kam. Während dieser Zeit habe ich meinen Alltag im Gefängnis niedergeschrieben und mich intensiv mit dem Begriff Trauma auseinandergesetzt. Das hat mir sehr geholfen.
Wie haben Sie sich nach diesem traumatischen Ereignis wieder aufgerappelt?
Durch das Schreiben und die Umsetzung dieses Films. Übrigens interessierte mich das Thema Gefängnis schon vor dieser schrecklichen Zeit. Ich hatte jedoch nur eine vage Vorstellung davon, wie eine Inhaftierung aussieht … Bis die Regierung beschloss, mir die volle Erfahrung zu bieten (lacht)! Ich frage mich immer noch, wie es in einer Zeit, in der so viele Technologien erfunden wurden, solche Orte noch geben kann. Meine Geschichte ist auch die der Palästinenser, der Iraner, der Libanesen.
Wann sind Sie nach Syrien zurückgekehrt?
Eine Woche nach dem Sturz des Regimes im Dezember 2024. Es war verrückt! Ich fühlte mich wie ein Fremder, als käme ich aus einer anderen Zeit. Es war Nacht, es gab keinen Strom.
Die Spuren der Kämpfe waren noch sichtbar, Waffen lagen auf dem Boden verstreut. Mit der Zeit wurde mir das ganze Ausmass der Katastrophe bewusst. Syrien war ein reiches, unglaubliches Land. Aber Baschar al-Assad und seine Anhänger hatten gewarnt: «Entweder ihr wählt uns, oder wir brennen das Land nieder.» Genau das haben sie getan. Sie plünderten das Land, zerstörten die Wirtschaft, die Infrastruktur und ganze Familien über Generationen hinweg.
Müssen sich die Menschen, die Ihnen Schaden zugefügt haben, irgendwann vor Gericht verantworten?
Der Prozess wird lang sein und sich nicht nur vor Gericht abspielen.
Was heisst das konkret?
Gerechtigkeit bedeutet auch: wissen, was passiert ist. Familien haben ein Recht darauf zu erfahren, wo ihre Kinder gefoltert wurden und gestorben sind. In welchen Massengräbern liegen ihre Körper? Dieses Wissen kann einer Gesellschaft helfen, zu heilen. Genau deshalb ist es so wichtig, meine Geschichte und die meiner Freunde zu erzählen – damit die Wahrheit ans Licht kommt.
Wie sieht die Zukunft Syriens aus?
Die Region liegt am Boden, der Krieg ist allgegenwärtig, und wir sind als Gesellschaft traumatisiert. Trotzdem können wir heute über Politik sprechen, ohne gleich verhaftet zu werden. Das reicht noch lange nicht – aber es ist ein Anfang. Wir sind wie ein Baby, das langsam seine ersten Schritte macht.
In Ihrem Film kehren Sie in die Räume des Gefängnisses zurück, in dem Sie inhaftiert waren. Wie haben Sie sich dabei gefühlt?
Beim ersten Mal habe ich Panik bekommen. Beim zweiten Besuch war es besser. Ich war als Regisseur dort und hatte einen Kameramann dabei.
In meinen Therapiesitzungen wurde mir klar: Ich würde nie zur Ruhe kommen und auch nicht heilen, wenn ich diese Begegnung nicht wage. Ironischerweise fand sie ausgerechnet am 30. Dezember statt. Ich bin in den Raum zurückgekehrt, in dem wir unsere Proteste organisiert haben – und habe die Tränen der letzten zehn Jahre geweint. Danach stellten mir die Eltern viele Fragen. Und heute geht es mir immer noch nicht gut, weil ich nicht auf alle antworten konnte.
Haben Sie die Antworten?
«If Only the Year Had 364 Days» ist meine Antwort.
Der Film «If Only the Year had 364 Days» wird am Freitag, 24. April um 11.15 Uhr am Festival Visions du Réel in Nyon gezeigt. Mehr Infos gibt’s hier.
