Schweiz
Aargau

Schiesserei Rave Aarau: Wann die Polizei eine «Sonderlage» ausruft

epa13202061 A police officer guards at the Schachen horse racing track, the site of a deadly rave party shooting incident, in Aarau, Switzerland, 31 August 2026. One person was killed, and five others ...
Bild: keystone

Schüsse in Aarau: Wann die Polizei eine «Sonderlage» ausruft

Eine Frau stirbt, fünf Personen werden verletzt, die Täterschaft ist zunächst unbekannt. Die Kantonspolizei reagierte nach den Schüssen am Sonntagmorgen mit einer «Sonderlage». Das steckt dahinter.
02.09.2026, 05:26
Philipp Zimmermann / ch media

Gegen 2.30 Uhr in der Sonntagnacht ist der Rave bei der Pferderennbahn in Aarau gerade zu Ende. Die meisten Gäste haben das Gelände bereits verlassen. Da fallen Schüsse. Eine 22-jährige Italienerin mit Wohnsitz im Aargau stirbt. Fünf weitere Menschen werden leicht bis schwer verletzt.

Zunächst ist die Lage völlig unübersichtlich. Wo hält sich die Täterschaft auf? Was ist ihr Motiv? Und droht weiterhin Gefahr? Noch am frühen Sonntagmorgen ruft die Kantonspolizei deshalb eine «Sonderlage» aus. Doch was bedeutet dieser Begriff? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Was ist eine «Sonderlage»?

Das Polizeigesetz definiert den Begriff nicht. Es überträgt der Kantonspolizei aber die Koordination und Leitung bei Grossereignissen. «Sonderlage» ist vor allem ein polizeilicher Führungsbegriff.

Die Kantonspolizei kann als eine «Sonderlage» etwa Geiselnahmen, Amokläufe oder Terroranschläge einstufen. Oder die Fahndung nach einem gefährlichen Täter. Bei einer Übung 2022 erklärte ein Polizeisprecher den Kern so: «Es besteht eine erhöhte Gefahr für Leib und Leben.»

Nach den Schüssen in Aarau war das Motiv zunächst völlig offen. Polizeikommandant Michael Leupold nannte am Sonntagabend drei Hypothesen: Terrorismus, einen Amoklauf und eine kriminelle Abrechnung im Milieu.

Mit der Sonderlage bündelte die Polizei ihre verfügbaren Kräfte. Sie richtete diese auf die ausserordentliche Bedrohung aus, erklärte Leupold.

epa13204264 Flowers, candles, and a handwritten note reading 'Stay strong, everyone' are placed outside the entrance to the Schachen horse racing track in Aarau, Switzerland, 01 September 20 ...
Vor der Pferderennbahn wird der Toten und den Verletzten mit Blumen und Kerzen gedacht.Bild: keystone

Was passiert, wenn die Polizei eine Sonderlage auslöst?

Bei einer Sonderlage gelten vorbereitete Abläufe. Die Polizei wechselt vom normalen Einsatzbetrieb in eine besondere Führungsorganisation. Nach der Alarmierung muss sie die Gefahr einschätzen.

Sie bildet einen Einsatzstab. Dieser befasst sich mit zentralen Fragen: Wohin könnte die Täterschaft geflüchtet sein? Wie ist sie bewaffnet? Sind Fluchtfahrzeuge bekannt? Aus den Antworten ergeben sich Massnahmen: In Aarau waren schwer bewaffnete Einsatzkräfte unterwegs, Strassen wurden gesperrt und Fahrzeuge kontrolliert.

Wer führt bei einer Sonderlage?

Bei einer Sonderlage übernimmt ein Polizist die Gesamteinsatzleitung. In Aarau war das Hauptmann Matthias Schildknecht. Er koordinierte die Einsatzkräfte und Partnerorganisationen wie Feuerwehr und Sanität.

Schildknecht hat solche Situationen trainiert: 2022 leitete er eine grosse Sonderlagenübung rund um das Grossratsgebäude in Aarau.

Das damalige Szenario: Terroristen dringen ins Gebäude ein und nehmen mehrere Politikerinnen und Politiker als Geiseln. Schwer bewaffnete Einsatzkräfte rückten zum Grossratsgebäude aus.

Die Kantonspolizei Aargau führt solche Übungen regelmässig durch. «Es geht auch darum, vorbereitete Planungen und Prozesse zu überprüfen», sagte Schildknecht dieser Zeitung damals.

Endet eine Sonderlage an der Grenze?

Nein. Gerade im kleinräumigen Schweizer Polizeisystem arbeiten die Korps bei solchen Einsätzen eng zusammen – Aarau etwa liegt nahe der Solothurner Grenze. Das ist etwa nötig, wenn eine Täterschaft in einen anderen Kanton flüchtet. Andere Korps können zudem Personal oder Spezialeinheiten zur Verfügung stellen.

In Aarau erfolgte die Fahndung nach der Täterschaft schweizweit. Auch Fedpol und der Nachrichtendienst des Bundes unterstützten sie. Selbst die Landesgrenze war keine Hürde. Die deutsche Polizei beteiligte sich ebenso an Fahndungsmassnahmen.

Im vergangenen November übten gar die drei Polizeikorps von Thurgau, Tessin und Zug eine «komplexe Sonderlage»: die Entführung und Geiselnahme mehrerer Opfer. Die Konferenz der Kantonalen Polizeikommandantinnen und -kommandanten der Schweiz sprach von einer «einzigartigen Grossübung». Sie dauerte zwei Tage.

Wann endet eine Sonderlage?

Das entscheidet die Polizei aufgrund der Bedrohung und des Einsatzverlaufs. Eine Festnahme bedeutet deshalb nicht, dass alle Sondermassnahmen sofort enden.

Im Fall von Aarau nahm die Polizei den mutmasslichen Täter in der Nacht auf Montag fest. Der 43-jährige Schweizer steht unter dringendem Tatverdacht.

Besteht die Sonderlage weiterhin? Diese Frage bleibt vorerst offen. Die Kantonspolizei beantwortete am Dienstag diese und weitere Fragen wegen des grossen Medieninteresses nicht. Sie wird am Mittwoch um 14 Uhr über neue Erkenntnisse informieren. (schweizheute.ch)

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Schüsse am Aarauer Rave
1 / 22
Schüsse am Aarauer Rave

Am Aarauer Rave sind in der Nacht auf Sonntag, 30. August 2026, Schüsse gefallen.

quelle: keystone / michael buholzer
Auf Facebook teilenAuf X teilen
Tele M1 spricht mit einem Zeugen der Schüsse in Aarau
Video: watson
Das könnte dich auch noch interessieren:
Du hast uns was zu sagen?
Hast du einen relevanten Input oder hast du einen Fehler entdeckt? Du kannst uns dein Anliegen gerne via Formular übermitteln.
0 Kommentare
Dein Kommentar
YouTube Link
0 / 600
Hier gehts zu den Kommentarregeln.
Polizist steht wegen Gewalt gegen Asylsuchenden vor Zürcher Gericht
Ein 35-jähriger Zürcher Stadtpolizist ist wegen Amtsmissbrauchs angeklagt worden. Er soll einen Verhafteten misshandelt haben. Der Polizist muss sich am heutigen Mittwochnachmittag vor dem Bezirksgericht Zürich verantworten.
Zur Story