«Brauchst gar nicht so blöd zu hupen!»: Uri wehrt sich gegen Durchgangsverkehr
Kurz vor 11 Uhr mischt sich in die Alphornklänge Autogehupe. Der Fahrer eines silbrigen Fords mit französischem Autokennzeichen ist gar nicht einverstanden damit, dass er nicht weiterfahren kann.
Er verwirft die Hände, drückt die Hupe. Sofort bildet sich um das Auto herum eine gelbgewandete Menschentraube, die wütend auf ihn einredet. Dazu schwenken sie die Urner Kantonsflagge, den schwarzen Stier auf gelbem Grund.
«Du brauchst sicher nicht so blöd zu hupen», schimpft Walter Walker. «Umdrehen, umdrehen, umdrehen!», herrscht er den französischen Autofahrer an. Dieser kapituliert: Er schützt sich vor dem über ihn hereinbrechenden Zorn, indem er die Scheiben seines Autos hochfährt.
In Amsteg beim Fussgängerstreifen vor der Kirche haben sich an diesem Samstagvormittag mehrere Dutzend Urner und Urnerinnen versammelt, um gegen den Durchgangsverkehr in ihrem Kanton zu protestieren.
Offiziell wollen die Protestierenden den Tag des Fussgängerstreifens feiern. So stand es zumindest in der Medienmitteilung: «Wir nutzen den Fussgängerstreifen so, wie er gedacht ist».
In der Realität sieht das dann so aus: Immer wenn ein Auto mit ausländischem Kennzeichen auf den Zebrastreifen zufährt, setzen sich die Demonstranten und Demonstrantinnen in Bewegung.
Die eine Hälfte überquert den Streifen von links nach rechts, die andere von rechts nach links. Dazu halten sie Schilder in die Höhe und schwenken Uri-Flaggen: «Ihr fahrt uns mitten durch die Stube!» Ein Alphornbläser untermalt die Performance mit urchigen Klängen.
Kommt ein Fahrzeug mit Urner Kennzeichen, stiebt die Menge auseinander und macht den Weg frei.
Die Demonstrierenden spazieren aufreizend langsam über den Fussgängerstreifen, sie haben ja Zeit. Oder gehen an Krücken wie Walker aus Wassen. Seit Geburt lebt der Rentner dort. Er hat noch eine Zeit ohne Gotthardtunnel erlebt.
Was Walker als Gefühl formuliert, lässt sich mit Zahlen belegen. Fuhren 1981, im Jahr der Eröffnung des Gotthardstrassentunnels, im Schnitt knapp 8000 Fahrzeuge täglich über die A2, waren es letztes Jahr schon fast 20'000. Zu Spitzenzeiten donnern täglich über 30'000 Autos und Lastwagen über die Route. Im Jahr 2025 waren es über sieben Millionen Durchfahrten in beide Richtungen.
Anders ausgedrückt: Auf eine Urnerin kamen im letzten Jahr 182 Autos, die durch das Reusstal donnerten.
An diesem Samstagvormittag im Juli staut sich der Verkehr auf der A2 in Richtung Süden auf 20 Kilometern. Wer dort den Gotthard in Richtung Tessin oder Italien will, braucht Geduld: bis zu vier Stunden Zeitverlust.
Das strapaziert die Nerven der Durchreisenden. Auch die lokale Urner Bevölkerung leidet darunter. Denn die Durchreisenden aus Deutschland, den Niederlanden, aber auch anderen Schweizer Kantonen begnügen sich nicht damit, die Autobahn zu verstopfen.
Aus Ungeduld verlassen sie die Autobahn und fahren die Gotthard-Strecke auf der Kantonsstrasse – entweder um nachher den Pass zu fahren oder um weiter oben wieder in die Autobahn reinzudrängeln.
In beiden Fällen verstopft der Durchgangsverkehr die kleinen Dörfer des Reusstals: von Erstfeld über Amsteg nach Wassen bis hin zu Göschenen.
«Wir fordern, dass die Last des Durchgangsverkehrs gerecht verteilt wird», sagt Jonathan Imhof, der die Protestaktion organisiert hat. Der ganzen Schweiz sei bewusst, dass der Kanton Uri unter dem Gotthardverkehr leide.
Imhof, der ein Online-Geschäft mit Zimmerpflanzen aufgebaut hat, wohnt in der Nähe von Gurtnellen. Im Sommer leidet er sehr unter dem Durchgangsverkehr.
Er zählt die Probleme auf, die es mit sich bringt, wenn die Blechlawine über die enge Kantonsstrasse rollt: Der Lärm raubt den Menschen den Schlaf. Der Gestank der Abgase verleide es ihnen, das Haus zu verlassen.
Dazu kommt: Weil es nur eine einzige Kantonsstrasse gibt, die durch das Reusstal führt, ist es auch ein erhebliches Sicherheitsrisiko, wenn diese permanent verstopft ist:
Andere Demonstranten, mit denen watson vor Ort spricht, erzählen von Touristen, die aus dem Auto steigen und an Hauswände urinieren. Oder den gesammelten Unrat ihrer Reise – Getränkedosen, Sandwich-Verpackungen, Zigarettenschachteln – auf die Strasse schmeissen.
All die Deutschen, Niederländerinnen und Zürcher, die im Sommer in Richtung Tessin und Italien aufbrechen und dort die Wirtschaft ankurbeln: Für den Kanton Uri sind sie nur eine Belastung.
Imhof fordert deshalb, dass der Kanton Uri selbst steuern darf, wie viele Autos über die Kantonsstrasse fahren: «Wir können uns nur schützen, wenn die Hoheit über die Kantonsstrassen bei uns selbst liegt. Wenn wir auch zu vehementeren Massnahmen wie temporären Durchfahrtssperren greifen dürfen.» Heute liegt die Befugnis darüber beim Bundesamt für Strassen.
Imhof wohnt seit 14 Jahren direkt an der Kantonsstrasse. Jeden Sommer überlegt er sich, vor der Blechlawine zu flüchten. Aber:
Nicht alle haben Freude an der Protestaktion. Irgendwann öffnet sich ein Fenster der benachbarten Bäckerei. «Ihr wisst schon, dass das Nötigung ist, was ihr hier macht», schleudert ein Mann den Demonstranten entgegen. «Ihr macht mir den Umsatz kaputt.»
