Das ist der spektakulärste Ort der Schweiz (Widerspruch zwecklos)
Welches ist der Ort in der Schweiz, den man einfach mal gesehen haben muss? Der schönste, der spektakulärste, derjenige, den du nicht mehr vergisst?
Oeschinensee: Schönheit in Perfektion.
Creux du Van: Staunen am Abgrund.
Jungfraujoch: Gletscherwelt im ewigen Weiss.
Matterhorn: mehr Ikone als Berg.
Glacier 3000: Hängebrücke der Superlative.
Fälensee: der Fjord der Schweiz.
Lauterbrunnental: Wasserfälle aus dem Märchenland.
Die Liste könnte erweitert werden. Eine Blitzumfrage auf der Redaktion bringt vom Bahnhof Olten über Verbier und den Rheinfall eine breite Auswahl zusammen. Zermatt mit dem Matterhorn wird am meisten genannt.
Das sind fraglos alles lohnende Ziele. Der Bahnhof Olten vielleicht nur für Menschen mit dem Blick für das Besondere. Aber in der Nähe da gibt es auch wunderbare Orte. Item.
Meinen Favoriten erwähnt niemand. Und auf Nachfrage, ob sie schon mal in den «Gorges du Durnand» waren, gibt es fragende Blicke und Kommentare wie: «Ich habe nicht mal genau verstanden, wie der Ort heisst.»
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Höchste Zeit also, dies zu ändern. Denn die Schlucht von Durnand gilt auch in Europa als eine der beeindruckendsten.
Das Bijou versteckt sich hinter Martigny oberhalb des kleinen Dorfes Bovernier. Auf dem verschlungenen Strässchen nach Champex-Lac fährst du dran vorbei. Damit's schon gesagt ist: Nach dem Schluchtbesuch kannst du mit dem Auto da oben an den See fahren und geniessen. Das fühlt sich an wie irgendwo in Kanada.
Aber zurück zur Schlucht. Mit dem ÖV fährst du bis Bovernier und wanderst dann in rund 20 Minuten zum Restaurant beim Eingang. Die Rundwanderung durch die Schlucht dauert knapp eine Stunde und ist gut ausgebaut. Du machst zwar rund 200 Höhenmeter und steigst rund 333 Treppen hoch, aber grundsätzlich ist der Weg auch für Familien problemlos machbar.
Für mich ist der Ort in dreifacher Hinsicht absolut top: Der abenteuerliche Weg, der Gedanke daran, wie dieser vor rund 150 Jahren gebaut wurde und wie du hier die Kraft der Natur mit dem Wasser, dem Lärm und den hohen Felswänden spürst.
Wichtig zu wissen: Der Weg ist nur von Mai bis Oktober zugänglich (normalerweise von 9 bis 18 Uhr). Im Winter ist die Schlucht gesperrt – zu gefährlich. Das Gleiche gilt bei entsprechenden Wetterverhältnissen auch im Frühling, Sommer oder Herbst.
Beim Restaurant musst du Eintritt für die Rundwanderung bezahlen. 9 Franken für Erwachsene, 5 für Kinder. Da kann man sich jetzt ärgern, dass man Eintritt für eine Schlucht bezahlen muss. Aber wenn du den Weg siehst, bist du froh, wenn es den Betreibern nicht an Geld für die Kontrolle mangelt. Und ich verspreche dir: Selten hast du 9 Franken besser ausgegeben.
Ziemlich bald nach dem Eingang erreichst du die ersten Holzstege und zwei Hängebrücken aus Metall. Diese hängen im wahrsten Sinne des Wortes, sind eigentlich eher «Schwebebrücken» und schaukeln überraschend stark. Durch den Gitterboden siehst du den wilden Durnand-Fluss. Dieser ist auch der Grund dafür, dass die Brücken so konstruiert wurden. Bei extremem Hochwasser könnten sie so länger bestehen.
Wackelig wird es danach nicht mehr, aber auf jeden Fall atemberaubend. Denn jetzt kommt der Teil, in welchem die Holzstege sich an die glatte und senkrechte Felswand klammern. Viele Treppen führen über die 14 Kaskaden hinauf. Auf beiden Seiten ragen die Felswände bis fast in den Himmel. Es kann hier bei entsprechendem Wasserstand sehr laut werden.
Fast 400 Meter führt der Weg knapp über dem Fluss durch die Schlucht. 1987 wurden die Holzstege komplett saniert und den geltenden Sicherheitsstandards angepasst, der abenteuerliche Charakter blieb aber erhalten.
Das war 110 Jahre nach der ersten Installation. Damals, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, führte der aufkommende Tourismus zu einem Boom bei der Erschliessung von Schluchten. Es ist fast unvorstellbar, wie die Arbeiter sich 1877 an den Felswänden Dutzende Meter abseilten und dann von Hand das Gestein über dem tosenden Gewässer bearbeiteten, um die Stützbalken zu montieren. In den Anfangsjahren sollen dann einheimische Dorfkinder die Touristen für ein kleines Sackgeld zu den schwindelerregenden Wegen geführt haben.
An was für einem unwirtlichen Ort sich die Gehsteige auch heute noch befinden, zeigt das Unwetter im Juli 2006. Damals wurden durch die Sturzfluten und Hochwasser praktisch alle Holzstege zerstört oder beschädigt. Der Wiederaufbau dauerte bis im Mai 2007 und kostete viel Geld. Auch der Unterhalt bleibt teuer, denn das Holz verrottet in der ständigen Gischt der Wasserfälle eher schnell und muss laufend kontrolliert werden. An den Felswänden machen Geologen regelmässig Messungen.
Das Risiko von Steinschlag wurde mit den beiden oben erwähnten Hängebrücken 2018 minimiert. Diese führen den Weg seither um eine der instabilen Gefahrenzonen.
Nach den Holzstegen verlässt du die Schlucht über Treppen und einen steilen Zickzackweg im Wald. Genau so führt er dich auch wieder zurück zum Restaurant.
Erstaunlich ist dabei jedes Mal der Gegensatz: ein lieblicher und ruhiger Waldabschnitt und nur wenige Meter danach: der wohl spektakulärste Ort der Schweiz.
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Reto Fehr
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