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Das «Krawall-Gen»: Eine psychologische Erklärung für das Verhalten der Massnahmengegner

Während sich die einen brav an die Massnahmen halten, regt sich in anderen zuerst Misstrauen, dann offener Widerstand. Was unterscheidet die beiden Gruppen, welche Muster liegen dem zugrunde? Ein psychologischer Erklärungsversuch.
11.10.2021, 05:55
Anna Miller / ch media
Corona-Skeptiker an einer Demonstration in Uster am 25. September.
Corona-Skeptiker an einer Demonstration in Uster am 25. September.
Bild: keystone

Die Zeiten sind für alle schwierig, für einige sind sie jedoch unzumutbar. Während sich die einen impfen, gehen andere auf die Strasse. Das Ziel ist bei beiden das gleiche: Schnellstmögliche Rückkehr zu Normalität. Nur der Weg ist ein ganz anderer. Anpassung oder Widerstand. Und: Beide Seiten sind davon überzeugt, dass sie auf der richtigen Seite stehen.

Woran liegt es, dass Einzelne mit Impfzertifikat und Testen nicht mehr klarkommen? Sich in ihrer Freiheit, ihrem Leben bedroht fühlen durch eine Impfung? Was führt einen Menschen dazu, sich gegen die Massnahmen offen zur Wehr zu setzen? Lässt man die radikalisierten Wenigen, die derzeit die Medien beherrschen, einen Moment ausser Acht, weil es sich dabei um eine Minderheit handelt, wird man in der Psychologie schnell fündig.

Unser System geht in den Kampfmodus, wenn wir Freiheitsverlust wittern

Das Phänomen des psychologischen Widerstands nennt sich «Reaktanz»: Im Grunde eine gesunde Reaktion – unser System geht in den Kampfmodus, sobald der Verlust von Freiheit und das vermeintlich willkürliche Ziehen von Grenzen drohen. Das Interessante am Phänomen der Reaktanz: Es kann auch dann eintreten, wenn uns etwas vermeintlich oder tatsächlich weggenommen wird, das wir vor dem Entzug gar nicht wichtig fanden. Das klingt erst mal, als wären wir wieder ein trotzendes Kind, das sich nicht beherrschen kann. Doch:

«Bei Erwachsenen ist die Reaktanz in Form von Ärger über Einschränkungen der eigenen Freiheit und Autonomie erst mal eine normale Reaktion»,

sagt Urte Scholz, Professorin für Gesundheitspsychologie an der Universität Zürich.

Urte Scholz ist Professorin für Gesundheitspsychologie an der Universität Zürich
Urte Scholz ist Professorin für Gesundheitspsychologie an der Universität Zürich
Bild: pd

Demonstrieren: Etwas gegen das Gefühl der Machtlosigkeit tun

Die emotionale Ärgerreaktion entlade sich bei den meisten Menschen in einem sozial verträglichen und unschädlichen Rahmen. Dem Menschen geht es in erster Linie darum, wieder Handlungsspielraum zu erlangen und die Kontrolle zu übernehmen. Auch deshalb gehen die Leute auf die Strasse: Weil sie das Gefühl haben, damit aktiv etwas gegen die Situation zu tun, sich Sichtbarkeit verleihen. Inmitten einer Situation, die uns seit Monaten und Jahren nun täglich klarmacht, wie machtlos wir im Grunde sind.

Warum demonstrieren aber nicht alle? Weil Freiheit subjektiv ist. Einige Menschen fühlen sich ob Nichtigkeiten massiv in ihrer Freiheit eingeschränkt, während andere unter den widrigsten Umständen situativ Freiheit verspüren. Viele Menschen erleben die Situation zwar als belastend, haben aber Strategien entwickelt, sich persönliche Freiheiten zu erhalten, die Situation als vorübergehend zu interpretieren oder schlicht Hoffnung und Vertrauen darin zu haben, dass sich die Krise durch das Einhalten der Massnahmen gemeinsam lösen lässt.

Gruppenzugehörigkeit ist uns wichtig

Coronademonstrantinnen und -demonstranten hingegen interpretieren die Situation anders. «In ihren Augen setzen sie sich durch ihren offenen Widerstand für das Wohl der Gesamtgesellschaft ein. Dabei realisieren sie ab einem gewissen Zeitpunkt nicht mehr, dass sie durch ihr Verhalten neue Einschränkungen der Gesamtgesellschaft in Kauf nehmen», sagt Scholz. Gruppenzugehörigkeit spielt bei Menschen eine wichtige Rolle. Der Wunsch nach Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe kann Verhalten verstärken und den Menschen beflügeln – in eine konstruktive oder destruktive Richtung.

Gerade Menschen, die sich vernachlässigt oder nicht zugehörig fühlen, finden in einem neuen sozialen Kontext zu neuem Selbstwert, wenn sie erfahren, dass sie mit ihrer Meinung nicht allein sind. Und, so wie es gerade in den Sozialen Medien und auf der Strasse geschieht: Gehört werden. Eine soziale Gruppe definiert sich immer über die Abgrenzung von einer anderen. Je krasser ich also gegen die anderen sein kann, desto stärker fühle ich mich meiner eigenen Gruppe oder Bubble, die meine Meinung bestätigt, zugehörig.

Mehr als eine Gruppe von Ausgeschlossenen

Der Schweizer Forscher Florian Kaiser, Professor für Sozialpsychologie an der Otto-von-Guericke Universität in Magdeburg, warnt jedoch: Es sei plakativ und zu einfach, wenn man den Corona-Gegnern nun attestiere, sie seien eine Gruppe von Ausgeschlossenen, Dummen oder sonst wie Fehlgeleiteten.

«Die Gründe für Protest-Verhalten sind vielfältig und sehr individuell»,

sagt der Experte. Deshalb ist auch schwer zu erklären und einzuordnen, was die Corona-Demonstrantinnen und -demonstranten dazu führt, auf offener Strasse zu protestieren oder sogar zu randalieren. «Über die einzelnen Motive kann man nur spekulieren», sagt Kaiser.

«Sicher aber ist: Der empfundene Leidensdruck ist bei diesen Menschen offensichtlich hoch.»

Was das Verhalten keineswegs rechtfertige. Aber erkläre, warum ein Mensch so weit geht, Regeln, die zum Wohle aller implementiert werden, bewusst zu brechen.

Gerade jetzt sind wir alle anfällig fürs Aufbegehren

Auch müsse man sehen: Psychologisch erzeuge Druck Gegendruck. In der aktuellen Coronasituation, die für alle eine Stresssituation darstellt, auch weil man sich den Entscheidungen anderer ausgeliefert fühlt und gerne zur Normalität zurückzukehren würde, sind Menschen anfällig für rebellisches Aufbegehren. Solche Reaktanz findet dabei auf beiden Seiten statt: Die einen verweigern das Impfen, die anderen tragen im Zug keine Masken mehr, weil sie geimpft sind.

Theoretisch müssten allen Beteiligten wieder mehr Handlungsspielraum zugestanden werden. Hat ein Mensch das Gefühl, wieder mehr Kontrolle über sein Leben und seinen Körper zu haben, lässt die Reaktanz nach.

Im Moment setzt die Politik jedoch auf die sogenannte «negative Verstärkung» – davon spricht man in der Psychologie, wenn Unangenehmes als Anreiz entfernt wird. Das zeigt sich zum Beispiel darin, dass die Geimpften nach und nach immer mehr Privilegien zurückerhalten. Ihnen werden also negative Konsequenzen der Pandemie «weggenommen», während die ­Ungeimpften weiter in der eingeschränkten Situation verharren müssen. Was dazu führt, dass die Ungeimpften sich unter Druck fühlen. «Faktisch nutzt diese Strategie also Anreize bzw. Belohnungen, es kann also absolut nicht von einer Impfpflicht die Rede sein, die von einigen Leuten suggeriert wird», sagt Kaiser.

Was kann uns wieder verbinden?

Was also kann helfen? Für Scholz ist klar: Nicht zu viel Energie in die Radikalisierten stecken, dem gemässigten, wütenden Rest der Massnahmenkritiker Sicherheit und Aufklärung liefern und noch besser erklären, warum die Massnahmen gesamt-gesellschaftlich gesehen notwendig sind. Wenn man nachvollziehen kann, warum man sich an Regeln halten soll, kann man sich auch eher selbst dafür entscheiden und hat keinen Anlass mehr zur Reaktanz.

Und: Verliert man in einem bestimmten Bereich seines Lebens die Kontrolle, kann der Mensch lernen, damit umzugehen, indem er den Kontrollbereich verschiebt. Seinen Fokus vermehrt auf Dinge und Umstände legt, die er aktiv beeinflussen kann. Beispielsweise, indem er ein neues Hobby angeht oder sich darauf fokussiert, dass seine Beziehung gut läuft. Auch kann helfen, was Psychologen unter dem Begriff «downward social comparison» zusammenfassen: Sich klarmachen, dass es vielen anderen Menschen viel schlechter geht als mir selbst. Alles eine Frage der Perspektive. (aargauerzeitung.ch)

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