Recherche zur neuen Armeepistole zeigt: Die P320 versagte im Schnitt nach 125 Schüssen
Heute entscheidet der Nationalrat im Rahmen der Armeebotschaft 2026 über die Beschaffung einer neuen Dienstpistole. Doch kurz vor der Abstimmung im Parlament wirft eine neue Stellungnahme des Bundesamtes für Rüstung (Armasuisse) fundamentale Fragen auf.
Frühere watson-Recherchen haben bereits offengelegt, wie die SIG Sauer P320 im Evaluationsverfahren bei der Truppe und den militärischen Fachexperten durchfiel. Doch der Rüstungschef Urs Loher übersteuerte alle Bedenken aus industrie- und sicherheitspolitischen Überlegungen.
Nun zeigt sich: Das eidgenössische Parlament bewilligt faktisch einen Blankoscheck für eine eingeschweizerte P320-Variante, die es in dieser Form noch nicht gibt.
Im Juni entschied die kleine Kammer, der Ständerat, dass eine eingeschweizerte P320 beschafft werden soll, die keine «Truppentauglichkeit» hat. Am Dienstag folgt nun die grosse Parlamentskammer, der Nationalrat.
Wo ist das Problem?
Der Armasuisse-Direktor begründete seinen Entscheid zugunsten von SIG Sauer und der P320 (nebst der preislich tiefsten Offerte) mit rüstungspolitischen Überlegungen: Die Schweizer Schwesterfirma des US-Waffenherstellers, die SIG Sauer AG in Neuhausen, hat versprochen, die Armee-P320 komplett in der Schweiz zu fertigen.
Zuvor hatten militärische Miliz- und Profiverbände sowie die Logistikbasis der Armee der amerikanischen P320 im Herbst 2025 formell die Truppentauglichkeit verweigert. Um den rüstungspolitisch gewünschten Deal – die Inlandproduktion – zu retten, flüchtete sich die Armasuisse-Führung in das juristische Konstrukt der «Nachqualifikation».
Rüstungschef Urs Loher verliess sich auf Einschätzungen, wonach die eingeschweizerte Armee-P320 mit relativ wenig Aufwand verbessert werden könne. Die im Evaluationsverfahren festgestellten technischen Mängel waren demnach nicht gravierend, sondern lassen sich beheben.
Schweizer Produktion im Aufbau
Wie gross der zeitliche und technische Verzug tatsächlich ist, bestätigt Armasuisse-Kommunikationschef Kaj-Gunnar Sievert nun auf Anfrage von watson. Demnach konnte der SIG Sauer Schweiz AG erst «Anfang September» – also vor wenigen Tagen – die geforderte Konfiguration der Pistole bekanntgegeben werden. Auf dieser Reissbrett-Basis soll nun in der Schweiz eine Nullserie hergestellt werden.
Zur Erklärung: Als Nullserie wird eine kleine Vorproduktionsmenge bezeichnet, die unter realen Bedingungen vor der eigentlichen Massenproduktion hergestellt wird.
Das Problem: Diese Nullserie wird gemäss Sievert frühestens Mitte 2027 für eine technische Nachqualifikation sowie eine finale Überprüfung durch die Truppe vorliegen.
Das bedeutet im Klartext, dass der Nationalrat heute über einen zweistelligen Millionenbetrag für ein Waffensystem entscheidet, dessen Schweizer Serienfertigung noch nicht einmal angelaufen ist und dessen reibungsloses Funktionieren im Feld frühestens in einem Jahr bewiesen oder widerlegt werden kann. Die Politik kauft die Katze im Sack.
Tatsächlich ist die versprochene «vollständige Produktion der P320 in der Schweiz» noch gar nicht umgesetzt, wie der CEO von SIG Sauer Schweiz, Pasquale Caputi, letzte Woche gegenüber «Schweiz heute» (CH Media) bestätigte.
Gleichzeitig liess der Manager verlauten, er wolle ausserdem «eine neue, erweiterte Montagestrasse» so auslegen, dass auch «der Markt in Europa» beliefert werden könne.
Das wundersame Polieren der Zuführkante
Brisant sind die neuen Aussagen von Armasuisse zur Funktionssicherheit der getesteten P320. Dazu gleich mehr, doch zunächst die journalistische Vorgeschichte.
Gestützt auf das Öffentlichkeitsgesetz (BGÖ) hat watson beim Bundesamt für Rüstung Einsicht in weitere interne Berichte zum Pistolen-Beschaffungsverfahren beantragt.
Der Technische Erprobungsbericht von Armasuisse, der watson vorliegt, geht auf Probleme ein, die bei standardisierten Schiesstests festgestellt wurden.
Im sogenannten Lebensdauerbeschuss (20'000 Schuss) versagte die P320: Mit einer Störungsrate von 7,99 Promille blockierte sie im Durchschnitt alle 125 Schuss. Die Armee forderte in ihrem Pflichtenheft jedoch zwingend eine Störungsrate von maximal 2 Promille (dazu unten mehr).
Problemlösung wirft Fragen auf
Rüstungschef Urs Loher deklarierte die P320-Mängel im finalen Evaluationsbericht zu «nachqualifizierbaren Defiziten» um. Wie dann die wundersame Heilung der Waffe stattgefunden haben soll, erklärt Armasuisse-Sprecher Sievert nun so: Der Nachweis zur Erfüllung der Störungsrate von unter 2 Promille sei «Anfang Juni 2026 erbracht» worden.
Es habe sich nur um eine «marginale Anpassung» gehandelt, namentlich das «Polieren der Zuführkante», was munitionsbedingt schon bei anderen Kunden nötig gewesen sei.
Diese Darstellung weckt erhebliche Zweifel an der Seriosität des Auswahlverfahrens. Wenn das Problem mit einer banalen Politur zu beheben war: Warum reichte ein Weltkonzern wie SIG Sauer eine derart unfertige, nicht auf die Schweizer Ordonnanzmunition abgestimmte Waffe in den härtesten Stresstest von Armasuisse ein?
SIG Sauer Schweiz hat bislang nicht auf eine Anfrage zum Thema reagiert. Auch frühere kritische Fragen zu den technischen Nachbesserungen liess die Firma unbeantwortet.
Was wissen wir zur zu hohen Störungsrate der P320?
Die Auswertung der von Armasuisse ausgehändigten, in Teilen geschwärzten Dokumente zeigt, wie die SIG Sauer P320 in einem zentralen Punkt versagte. Demnach schnitt die Pistole nicht nur bei den militärischen Truppenversuchen am schlechtesten ab. Sie fiel auch bei den standardisierten Schiesstests von Armasuisse durch.
Die im Schiesskanal durchgeführten Versuche ergaben eine ungenügende Funktionssicherheit der SIG Sauer P320: eine viel zu hohe Störungsrate.
Funktionssicherheit bedeutet, dass eine Pistole in jeder Situation absolut zuverlässig funktioniert. Sie muss ohne Ladehemmungen oder Störungen schiessen und darf den Träger respektive die Trägerin selbst nie gefährden.
Im Durchschnitt kam es bei der P320 alle 125 Schuss zu einer Störung: Dies zeigte sich beim sogenannten «Lebensdauerbeschuss» – einem standardisierten Test, um die Verschleissfestigkeit von Waffen zu prüfen.
Die Mitbewerber erfüllten
Der technische Erprobungsbericht von Armasuisse zeigt: Mit der Glock 45 gab es bei 20'000 Schüssen insgesamt 16 Störungen, mit der SFP9 von Heckler & Koch gab es 24 Störungen (in der Tabelle scheint es hierzu einen Tippfehler zu geben). Bei der SIG Sauer P320 traten 464 Störungen auf.
Im Bericht steht schwarz auf weiss:
Der Hersteller SIG Sauer erfüllt die Anforderungen mit einer Störungsrate von fast 8 Promille nicht. Insgesamt traten bei über 20 verschiedenen Schützen mit der SIG Sauer P320 Störungen auf. Bei 99,5 Prozent aller Störungen, die sich mit der SIG Sauer P320 beim Lebensdauerbeschuss ereigneten, schliesst der Verschluss beim Einführen einer neuen Patrone ins Patronenlager nicht vollständig.»
Mit einer solch hohen Störungsrate lag die SIG Sauer P320 deutlich über dem Muss-Kriterium der Armee.
In der Waffentechnik beschreibt Mean Rounds Between Stoppage (MRBS) die durchschnittliche Anzahl abgefeuerter Patronen, bevor eine waffenseitige Störung auftritt.
Waffenseitige Störung meint in diesem Kontext, dass keine Schussabgabe möglich ist, weil es eine Ladehemmung, einen Verschlussklemmer oder ein Zündversagen gibt. Die Pistole funktioniert im entscheidenden Moment nicht.
Durchgeführt wurde der sogenannte Lebensdauerbeschuss von März bis Mai 2025 bei der SwissP Defence AG im werksinternen Schiesskanal in Thun im Berner Oberland. Das Unternehmen gehört zur Beretta-Gruppe und ist Rechtsnachfolger der Eidgenössischen Munitionsfabrik Thun.
Die Armasuisse-Fachleute erklären, dass der Test mit der Ordonnanz-Pistolenmunition absolviert wurde:
Die oben genannte MRBS-Kennzahl ist ein Durchschnittswert, den die Armasuisse-Waffenexperten berechneten.
Es handelt sich um eine der wichtigsten Kennzahlen, wenn Streitkräfte oder Behörden neue Handfeuerwaffen testen. Sie beschreibt die Schiess-Zuverlässigkeit eines Modells.
Die Umrechnung einer Störungsrate in den Durchschnittswert der fehlerfreien Schussabgaben (MRBS) erfolgt über die Bezugsgrösse von 1000 Patronen.
- Der Wert Promille (‰) definiert einen Anteil pro tausend Einheiten. Die maximal zulässige Störungsrate von 2 ‰ bedeutet somit exakt 2 Störungen auf 1000 Schuss. Über den gesamten Lebensdauerbeschuss sind der Testwaffe somit maximal 40 Störungen erlaubt.
- Um die durchschnittliche Schusszahl bis zur nächsten Störung zu berechnen, wird die Gesamt-Schusszahl durch die Anzahl der Störungen geteilt: 1000 / 2 = 500, respektive 20'000 / 40 = 500.
- Die Waffe muss gemäss Pflichtenheft im Durchschnitt also 500 Schuss fehlerfrei abgeben können.
- In der technischen Erprobung wurde für die SIG Sauer P320 eine Störungsrate von 7,99 ‰ gemessen. Dies entspricht 7,99 Störungen auf 1000 abgefeuerte Schuss.
- Die mathematische Ermittlung des Durchschnittswerts lautet: 1000 / 7,99 = 125,156. Gerundet kam es im Test somit alle 125 Schuss zu einer Störung.
Ein industriepolitisches Vabanquespiel
Wie oben berichtet, ist unsicher, wann das vom Rüstungschef und dem Armeechef favorisierte Modell, eine eingeschweizerte und modifizierte P320, tatsächlich vorliegt.
Die Chronologie des Versagens zeigt: Die Glock 45 bestand alle Tests bravourös und war die klare Favoritin der militärischen Fachexperten. Die SIG Sauer P320 stürzte ab, fiel durch die Tests und wurde von der Truppe abgelehnt.
Und doch soll sie die neue Dienstpistole werden.
Bislang lief das Beschaffungsvorhaben ohne nennenswerten politischen Widerstand durchs eidgenössische Parlament. Im Juni stimmte mit dem Ständerat die kleine Kammer der geplanten Pistolen-Beschaffung zu.
Am Dienstag befindet mit dem Nationalrat die grosse Parlamentskammer über die Armeebotschaft 2026 und den darin enthaltenen Kredit für eine erste P320-Tranche.
Gemäss Budgetierung sind zunächst rund 50 Millionen Franken veranschlagt, um 50'000 Stück zu beschaffen. Die Einführung bei der Truppe ist ab 2028 geplant. Insgesamt sollen rund 140'000 Stück beschafft werden.
Der vollständige Ersatz der bisherigen Armeepistole SIG P220 wird auf rund 180 Millionen Franken geschätzt, inklusive Material und Dienstleistungen während der von den Verantwortlichen geplanten Nutzungsdauer von 30 Jahren.
Der Zuschlag an SIG Sauer basierte auf dem Versprechen, durch eine Schweizer Produktion die inländische Rüstungsindustrie zu stärken. Doch genau dieser Technologietransfer birgt enorme Risiken. Eine Waffe, die in den USA produziert kläglich scheiterte, soll nun durch neue Schweizer Unterlieferanten in einer frisch aufgebauten Produktionsstrasse plötzlich fehlerfrei vom Band rollen.
Ob dieses Vabanquespiel aufgeht, weiss bei der heutigen Abstimmung im Nationalrat niemand – nicht einmal Armasuisse selbst. Gewissheit gibt es frühestens beim Test der Nullserie ab Mitte 2027. Sollte die P320 erneut durchfallen, ist fraglich, wie es weitergeht. Vermutlich müsste dann der österreichische Testsieger Glock den Zuschlag erhalten.
Chronologie: Was bislang passiert ist
- Der Schweizer Rüstungschef, Armasuisse-Direktor Urs Loher, will SIG Sauer zum alleinigen Pistolen-Ausrüster für die Schweizer Armee machen.
- Loher hat sich bei der neuen Standard-Dienstwaffe für ein Modell entschieden, das zum Zeitpunkt seines Entscheids im Dezember 2025 gar nicht existierte.
- Nur wegen des Eingreifens des Rüstungschefs ins laufende Evaluationsverfahren schaffte es der Pistolenhersteller SIG Sauer in die Endauswahl.
- Die Glock 45 des österreichischen Herstellers Glock sowie das Modell SFP9 des deutschen Herstellers Heckler & Koch (HK) bestanden die sogenannte Vorevaluation. In der Evaluationsphase, bei den umfangreichen Tests und Prüfungen durch Armee und Armasuisse, zeigte sich, dass nur das Glock-Modell die relativ hohen technischen Anforderungen an die neue Armee-Dienstpistole erfüllte.
- Die P320 des US-Herstellers SIG Sauer fiel in der Vorevaluation gemäss übereinstimmender Einschätzung von Armee- und Armasuisse-Fachleuten durch. Und auch in der Hauptphase des mehrjährigen Auswahlverfahrens vermochte sie nicht alle Muss-Kriterien zu erfüllen.
- Gegen die Empfehlungen seiner eigenen Fachleute entschied sich Loher trotzdem für das Pistolenmodell P320 des amerikanischen Herstellers, das technisch überarbeitet und in der Schweiz produziert werden soll.
- Der Entscheid sorgte nicht nur bei den unterlegenen Mitbewerbern für Konsternierung, sondern irritierte auch Mitarbeiter im Bundesamt für Rüstung und unabhängige Fachleute, wie watson-Recherchen ergaben.
- Im Evaluationsverfahren von Armasuisse fiel das ursprüngliche Modell von SIG Sauer, die in den USA fabrizierte P320, wegen technischer Mängel durch.
- Bei der technischen Erprobung durch die Armasuisse-Waffenexperten zeigte sich bei der P320 eine viel zu hohe Störungsrate. Nur die beiden anderen Kandidaten, Glock 45 und SFP9 von Heckler & Koch, erfüllten das Muss-Kriterium einer Störungsrate von maximal 2 Promille.
- Die P320 schnitt auch bei den militärischen Truppenversuchen und Schiesstests von Milizsoldaten und Profis mit der schlechtesten Bewertung ab. Die Schweizer Armee erteilte die sogenannte Truppentauglichkeit nicht.
- Armasuisse-Chef Loher versicherte wiederholt, die im Evaluationsverfahren festgestellten P320-Mängel liessen sich durch den Hersteller beheben.
- SIG Sauer hat öffentlich erklärt, durch ein Netzwerk lokaler Lieferanten «sämtliche wesentlichen Komponenten» der P320 vollständig in der Schweiz herzustellen.
- Die modifizierte und in der Schweiz zusammengebaute P320 wird von Armasuisse erneut geprüft und muss von der Armee für «truppentauglich» erklärt werden, um überhaupt beschafft werden zu können.
- Trotz der publik gemachten Mängel und vieler offener Fragen genehmigte der Ständerat im Juni 2026 die beantragte Beschaffung der P320 als Armeepistole.
- Für eine erste Tranche der neuen P320-Armeepistole (50'000 Stück) sind im Rahmen der Armeebotschaft 2026 rund 50 Millionen Franken veranschlagt. Insgesamt sollen rund 140'000 Stück beschafft werden.
Quellen
- Armasuisse: Technischer Erprobungsbericht zu den drei getesteten Pistolenmodellen (30. Oktober 2025)
- Schweizer Armee: Berichte zu den technischen Anforderungen an die neu zu beschaffende Dienstpistole
- schweizheute.ch: SIG Sauer holt Produktion der Armeepistole in die Schweiz – und will sie für Europa ausbauen (12. Sept.
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