Bürgerlicher Ständerat attackiert Medien – statt Kritik an P320-Pistole ernst zu nehmen
Wer keine echten Gegenargumente hat, attackiert den Überbringer einer schlechten Nachricht: Genau dies tun bürgerliche Politiker bei der SIG Sauer P320. Sie setzen zu Medien-Bashing an und negieren begründete Kritik.
Dies, wohlgemerkt, nachdem watson in einer aufwendigen, mehrmonatigen Recherche die Schwächen der geplanten neuen Armeepistole thematisiert und die problematische Vorgehensweise während des Auswahlverfahrens bei Armasuisse angeprangert hatte.
Eine Analyse.
Wo ist das Problem?
Der Ständerat hat am Dienstag die geplante Beschaffung der SIG Sauer P320 als neue Armeepistole durchgewinkt, ohne sich ernsthaft mit der Kritik auseinanderzusetzen, wie sie die Solothurner SP-Politikerin Franziska Roth äusserte.
Die parlamentarische Debatte offenbarte einen beunruhigenden Mechanismus: Rüstungspolitisches Wunschdenken übersteuert harte technische Fakten.
Dies gilt vor allem, aber nicht nur, für die politischen Vertreter aus Schaffhausen, dem Heimatkanton der Schweizer Niederlassung der SIG-Sauer-Holding. Zusammengefasst war es eine toxische Mischung aus Heimatschutz-Rhetorik, ziemlich dreister Faktenverdrehung und Medien-Bashing.
Es ist zu betonen: Die Nachteile des vom US-Hersteller SIG Sauer entwickelten Modells musste sich der recherchierende Redaktor nicht aus den Fingern saugen. Sie stammen von den Fachleuten bei Armasuisse und Armee. Und sie sind in mehreren Berichten dokumentiert (siehe Quellen).
Umso fragwürdiger erscheinen die Äusserungen aus der aktuellen Ständerats-Debatte ...
Der Irrglaube der tiefsten Lebenswegkosten
Die eingeschweizerte SIG Sauer P320 wurde im Ständerat als finanziell klügste Wahl gepriesen. Wir reden von einer Pistole, bei der sich in der technischen Erprobung und bezüglich Wartung und Instandhaltung Nachteile zeigten, zudem ist die Waffe für Milizsoldaten schwieriger zu handhaben.
Die geschätzten Lebenswegkosten beziehen sich auf 30 Jahre und basieren unter anderem auf Hersteller-Zusicherungen. Zudem benötigt die Schweizer Armee neben der Dienstpistole in Standardgrösse («Pist Standard» genannt) zusätzlich ein kleineres Modell («Pist Kurz») für Spezialeinsätze.
SIG Sauer war in der sogenannten Vorevaluation nicht nur mit der P320 (Pist Standard) und der P320 Carry (Standard Plus) angetreten, sondern auch mit den deutlich kleineren Modellen P320 C Compact sowie P365 als Pistole Kurz.
Armasuisse-Kommunikationschef Kaj-Gunnar Sievert bestätigt gegenüber watson:
Die beiden «Pist Kurz»-Modelle seien von Armasuisse bei der technischen Erprobung berücksichtigt, jedoch «noch nicht einem Truppenversuch unterzogen» worden.
Die Gesamtkosten sind kaum absehbar.
Faktische Umdeutung
Der eklatanteste Widerspruch der Ständerats-Debatte zeigte sich im Umgang mit den Fakten zum Auswahlverfahren, die schwarz auf weiss in den Fachberichten der zuständigen Gremien innerhalb des Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS) nachzulesen sind.
Es ist eine dokumentierte Tatsache, dass die P320 nicht nur bei den militärischen Truppenversuchen (Bedienung, Schiessen, Ausbildung) mit der tiefstmöglichen Note bewertet wurde. Das Modell fiel auch bei der technischen Erprobung durch Armasuisse-Fachleute und in der Bewertung durch Armeelogistik-Spezialisten hinter der Konkurrenz ab.
Gemäss Beurteilung der Fachleute gab es keineswegs drei praktisch gleichwertige Bewerber für die neue Armeepistole, offiziell «Pistole 26» genannt. Nur der österreichische Hersteller Glock erfüllte die technischen Muss-Kriterien. Hingegen fielen SIG Sauer und Heckler & Koch (HK) durch.
Doch SVP-Ständerat Salzmann stellte sich ins Plenum und behauptete, die P320 habe bei den technischen, taktischen und logistischen Kriterien in der Gesamtbewertung «am vorteilhaftesten abgeschnitten» und die Erprobung habe «sämtliche sicherheitsrelevanten Anforderungen vollständig erfüllt». Dies steht im direkten und unauflösbaren Widerspruch zum Versagen der Waffe in genau diesen Disziplinen.
Gravierende technische Mängel und sicherheitsrelevante Logistikprobleme wurden sowohl von Bundesrat Pfister, dem Verteidigungsminister, als auch von Ständeratsmitgliedern umgedeutet. Die Rede war erneut von marginalen Abstrichen bei «Ergonomie und Robustheit», etwas, das von den Testern schlicht «etwas weniger priorisiert» worden sei. Damit folgten sie der früheren Darstellung des Rüstungschefs.
Das Parlament sagt Ja zu einem Phantom
Bei der Beschaffung von Rüstungsgütern gilt an sich ein wichtiges Prinzip: In eine Rüstungsbotschaft dürfen nur Geschäfte aufgenommen werden, die «beschaffungsreif und truppentauglich» sind. Der Sinn dieser Regelung ist offensichtlich: Das Parlament soll keine Milliarden- oder Millionenbeträge für unfertige Prototypen bewilligen. Dies, um unkalkulierbare technische und finanzielle Risiken durch spätere Nachbesserungen zu vermeiden. Genau auf diesen elementaren Grundsatz wies die SP-Ständerätin Franziska Roth zu Recht hin.
Die P320 ist nicht truppentauglich: Armasuisse verlangt, dass der Hersteller bei der eingeschweizerten Armeepistole technische Verbesserungen vornehmen muss.
Entweder gibt es eine «Light»-Modifikation, sodass wichtige Kritikpunkte und technische Mängel, die im Evaluationsverfahren festgestellt wurden, gar nicht behoben werden.
Oder – was aufgrund der bisherigen Armasuisse-Angaben gegenüber watson jedoch weniger realistisch erscheint –, es gibt eine umfassende technische Nachbesserung. Problem: Das hätte dann nicht mehr so viel mit dem ursprünglich getesteten, amerikanischen Modell zu tun. Streng genommen müsste sich eine fabrikneue Schweizer P320 erneut einem strengen Auswahlverfahren und der Konkurrenz stellen.
Zur angeblich nahezu umfassenden «Schweizer Produktion» der eingeschweizerten US-Waffe sind sehr wenige gesicherte Informationen öffentlich verfügbar. Armasuisse verwies bei früheren Medienanfragen auf SIG Sauer Schweiz. Und dort gab man gegenüber watson keine Auskunft.
Die «Schaffhauser Nachrichten» zitierten in einem Anfang Mai dieses Jahres veröffentlichten Artikel den Geschäftsführer der SIG Sauer Schweiz AG, Pasquale Caputi:
Die Schimäre von der Schweizer Produktion
Weil die P320 auf der sachlich-technischen Ebene nicht zu verteidigen ist, wich die Ständeratsmehrheit auf das Narrativ der nationalen Versorgungssicherheit aus. Die Beschaffung wurde ausserdem zum patriotischen Akt der «Reindustrialisierung» (Ständerat Pascal Broulis, FDP) hochstilisiert.
Andere bürgerliche Politiker operierten mit einem inländischen Wertschöpfungsanteil von «gegen 90 Prozent» (Germann, SVP) oder gar «95 Prozent» (Salzmann, SVP).
Sinnbildlich für den Unwillen vieler Ständeratsmitglieder, die harten Fakten zu akzeptieren, ist die folgende Äusserung des Schaffhauser SVP-Politikers Hannes Germann:
Ja, die vor Jahrzehnten in der Schweiz entwickelten Langwaffen geniessen (überwiegend zurecht) einen legendär guten Ruf. Doch die vom US-Hersteller SIG Sauer entwickelte Pistole P320 hat – abgesehen vom Namen – nichts damit zu tun. Es ist eine Schlagbolzenpistole aus Amerika, deren Design auf dem erfolglosen Vorgängermodell P250 aufbaute.
Wie sicher ist die P320?
Die Analyse der parlamentarischen Argumentation zeigt leider einen leichtfertigen Umgang mit den massiven Sicherheitsproblemen der Pistole in ihrer Heimat, den USA.
SIG Sauer bestreitet konstruktive Mängel und schiebt die Verantwortung bei ungewollten Schussabgaben auf Fehlverhalten der Anwender und ungeeignetes Zubehör.
Ständerat Severin Brüngger (FDP) argumentierte, die US-Behörden würden die Waffe nicht weiterverwenden, wenn sie unsicher wäre. Doch genau dies ist der Fall:
- Zahlreiche amerikanische Polizeibehörden haben die SIG Sauer P320 inzwischen wieder aus dem Verkehr gezogen. Renommierte Schiess-Ausbildungsstätten haben den Einsatz in ihren Trainingsanlagen verboten.
- Im Oktober 2025 verklagte der Bundesstaat New Jersey den Hersteller SIG Sauer. Nach mehreren schweren Zwischenfällen mit Verletzten und einem Toten wird ein Verkaufsstopp und der Rückruf der P320 gefordert.
Ständerat Werner Salzmann (SVP) behauptete, die Vorfälle in den Vereinigten Staaten hätten im Rahmen der Überprüfung durch die Armasuisse «nicht bestätigt werden» können. Er degradierte besorgniserregende Vorfälle zu gewöhnlichen Störungen, die bei jeder Waffe auftreten könnten.
Zudem ist es nicht korrekt, sondern potenziell irreführend, wenn bei Sicherheitsbedenken mit der Verwendung von SIG-Sauer-Pistolen bei der US-Armee argumentiert wird.
Die US-Streitkräfte verwenden mit der M17/M18 eine stark modifizierte Variante der P320. Diese wurde auf Verlangen der amerikanischen Beschaffungsexperten zusätzlich mit einer manuellen Sicherung ausgestattet.
Hingegen hat das in der Schweiz von Armasuisse getestete P320-Modell – wie Ständerätin Rafela Roth (SP) korrekterweise anmerkte – keinen Sicherungshebel.
Eine manuelle Sicherung wurde seitens Schweizer Armee nicht gefordert, wie watson berichtete. Damit fehlt der neuen Schweizer Armeepistole ausgerechnet jene Sicherheitsfunktion, die das Risiko von ungewollten Schussabgaben massgeblich verringern könnte.
Medien-Bashing statt inhaltlicher Offenheit
Wenn eine Waffe bei Technik und Logistik durchfällt und in Praxistests versagt, ist kritische Berichterstattung eine demokratische Notwendigkeit. Im Ständerat wurde diese Kontrollfunktion jedoch als illegitimer Angriff umgedeutet.
Anstatt zu erklären, warum man den Armeeangehörigen eine in allen Belangen unterlegene Pistole als neue Dienstwaffe zumuten will, attackiert man den Überbringer der schlechten Nachrichten. Der Schaffhauser FDP-Ständerat Severin Brüngger sprach explizit von einer «Desinformationskampagne», der Glarner Ständerat Mathis Zopfi (Grüne) warnte vor medialer Polemik und munkelte, diese könnte von unterlegenen Konkurrenten gesteuert worden sein, und SVP-Ständerat Salzmann beklagte die «mediale Ausschlachtung».
Das Geschehen in der kleinen Parlamentskammer lässt befürchten, dass die in wichtigen Belangen ungenügende Pistole auch im Nationalrat durchgewinkt wird.
Alle, die früher oder später mit der neuen Armeepistole umgehen müssen, haben Besseres verdient.
Quellen
- parlament.ch: Armeebotschaft 2026
- «Schaffhauser Nachrichten»: Schlupfloch in der Armeebotschaft? (Bericht vom 7. Mai 2026)
Die P320-Recherche
- Darum könnte die neue Schweizer Armeepistole zum Rohrkrepierer werden
- Die Pistole, die auf ihre Besitzer schiesst – die unfassbar lange Liste der P320-Vorfälle
- Recherche zur neuen Armeepistole P320 zeigt: Eigentlich sollte Glock zum Zug kommen
- watson-Recherche zeigt: So schlecht schnitt die neue Armeepistole in den Tests ab
- Armeepistole erfüllte die Muss-Kriterien nicht – dann schritt der Rüstungschef ein
- Wie aus der P320 eine treffsichere und zuverlässige Armeepistole werden soll
