Elektronisches Patientendossier: Post zieht den Stecker
Nun gibt es also nur noch einen Anbieter für das elektronische Patientendossier. Die Post-Tochter Sanela steigt als Anbieterin aus. Bis Ende Jahr können die rund 70'000 Patientinnen und Patienten die Plattform zwar noch unverändert nutzen. Was dann folgt, ist unklar. Ab Herbst werden die Daten in einen «Gesundheitsordner in der Post-App» migriert, wie der Bundesbetrieb mitteilt. Darin könne man Informationen und Dokumente von Ärzten und Spitälern ablegen.
Der Gesundheitsordner sei eine «Zwischenlösung», sagt ein Post-Sprecher. Denn die Post gebe ihre Digitalisierungspläne nicht auf. Sie wechselt die Strategie.
Konkret schielt die Post auf das neue Gesetz für ein Gesundheitsdossier, das Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider im November vorgestellt hat (watson berichtete). Im Unterschied zur bisherigen föderalen und freiwilligen Lösung, die zu einer Verzettelung geführt hat, zielt das neue Gesetz auf eine national einheitliche Plattform. Sie soll neu sämtliche Gesundheitsdienstleister und Einwohnerinnen und Einwohner bedienen. «Wir verfügen über die notwendigen Kompetenzen und langjährige Erfahrung, um der Schweiz bei der Plattform einen Mehrwert zu bieten», sagt Nicole Burth, die in der Post-Konzernleitung für die digitalen Geschäfte verantwortlich ist.
Warum das elektronische Patientendossier von Sanela aktuell nicht zum Fliegen kommt, schiebt Burth gleich nach: «Es ist zentral, dass nun die gesetzlichen und regulatorischen Voraussetzungen geschaffen werden, um dem Thema den nötigen Schub zu geben.» Bis das neue Gesetz allerdings in Kraft tritt, verstreichen mindestens noch zwei Jahre. Sanela-Kunden bleiben bis dahin auf der «Zwischenlösung» sitzen.
Ist die Reissleine die richtige Strategie?
Niemand bestreitet, dass das aktuelle Gesetz schlecht konzipiert ist. Doch ist die Auflösung der Sanela Health AG, an der die Post mit 75 Prozent die Mehrheit hält, auch ein spätes Eingeständnis, dass deren IT-Lösung schlicht nicht überzeugte. Früh schon in der Entwicklung machte die Kritik die Runde, die Konkurrenz verfüge über das bessere und anwendungsfreundlichere System. Ein Manko, das sich offenbar bis zum Schluss nicht aufholen liess.
Das ist auch der Post nicht entgangen: «Die Sanela stellt fest, dass die Nachfrage nach dem elektronischen Patientendossier (EPD) zurückgeht.» Partner und potenzielle Kunden wie Spitäler oder Arztpraxen zeigten sich zurückhaltend, was die Weiterführung betreffe.
Tatsächlich agierte die Sanela zuletzt ungeschickt. Im Mai 2025 verärgerte sie wichtige regionale EPD-Anbieter, indem sie die Preise für die IT-Infrastruktur für das elektronische Patientendossier vervierfachen wollte, ohne namhafte Verbesserungen zu liefern. Drei EPD-Anbieter aus dem Aargau, der Ostschweiz und der Westschweiz sprangen ab, schlossen sich zusammen und begannen, den Schweizer Markt zu konsolidieren: Im Februar stiess erst AD Swiss, die Organisation der Ärztinnen und Ärzte, zur neuen Organisation, am Montag schloss sich auch Abilis, die IT-Lösung der Apothekerinnen und Apotheker, an. Sie treten nun unter dem Namen Cara auf.
Der Flur ist damit weitgehend bereinigt. Für Cara kommt das Scheitern der Post-Lösung nicht überraschend, wie sie in einer Mitteilung schreibt: «In den letzten 18 Monaten hat Post drei Viertel seiner Kunden verloren, die mit der schlechten Qualität der von der Post erbrachten Leistungen unzufrieden waren.»
Ist das die grosse Chance für die Konkurrenz?
Cara sieht die Entwicklung als grosse Chance. «Den Wunsch des Bundesrats, Wissen und finanzielle Mittel in einer einzigen nationalen Plattform zu bündeln, haben wir damit erfüllt», sagt Patrice Hof, Generalsekretär von Cara.
Doch Jubel wäre verfrüht. Der Bundesrat will die technologische Lösung für eine einheitliche nationale Infrastruktur ausschreiben. Wann und wie das geschehen soll, ist noch offen.
Bis dahin verfolgen die Post und Cara zwei unterschiedliche Strategien: Die Post wartet ab, wie das Gesetz dereinst aussieht, und bewirbt sich allenfalls mit einem komplett neuen System. Die Einstellung der bisherigen Plattform hat damit unmittelbare Folgen; der Bundesbetrieb muss die Investitionen abschreiben und bis zu 37 Vollzeitstellen abbauen. Wie hoch die Investitionen genau waren, will die Post nicht verraten. Nur so viel: Sie habe in den letzten Jahren «einen tiefen dreistelligen Millionenbetrag investiert».
Cara will derweil die eigene IT-Lösung weiter verbessern. Generalsekretär Patrice Hof sagt, Cara ermögliche die wichtige Übergangsphase. «Wir können das Angebot nicht einfach stoppen. Zumal die wichtigsten Funktionen bereits heute gut funktionieren.» Cara biete darum auch Hand, die Daten der Post-Kunden zu migrieren.
Cara wird sich ebenfalls für die nationale Plattform bewerben. Eine Plattform, die sie de facto schon heute betreibt.
