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Euro-Office greift Microsoft Office an, doch schon zum Start gibts Zoff

Euro-Office 1.0 ist da – doch es hagelt bereits Kritik

Eine neue Bürosoftware aus Europa tritt gegen Microsoft, Google und Apple an. Doch das Open-Source-Projekt ist aus mehreren Gründen umstritten.
12.06.2026, 12:3112.06.2026, 13:34
Marcel Horzenek / t-online
Ein Artikel von
t-online

Ein Bündnis europäischer Firmen hat eine neue Bürosoftware vorgestellt. Die quelloffene Web-Office-Suite heisst Euro-Office. Behörden, Schulen und Unternehmen sollen damit unabhängiger von US-Anbietern werden. Schon zum Start gibt es allerdings Streit.

Hinter dem Open-Source-Projekt stehen vor allem die Anbieter Nextcloud und Ionos sowie mehrere weitere europäische Unternehmen, darunter Proton aus der Schweiz. Die Idee dahinter: Dokumente, Tabellen und Präsentationen sollen sich mit Technik bearbeiten lassen, die unter europäischer Kontrolle und nicht der von US-Konzernen wie Apple, Google oder Microsoft steht.

Für Privatnutzer bringt das vorerst wenig

Wer jetzt auf eine kostenlose Alternative zu Microsoft Office, Google Workspace oder Apple iWork für den eigenen Computer hofft, wird enttäuscht. Euro-Office ist kein Programm, das man herunterlädt und startet. Es ist eine webbasierte Office- und Kollaborationssoftware, die als Modul in andere Cloud-Dienste eingebaut werden kann, etwa in Nextcloud oder Proton Drive. Lokale Anwendungen für den Heimrechner oder Apps für das Handy gibt es zum Start noch nicht, sie sollen aber folgen.

Euro-Office ist ein Open-Source-Office-Paket und eine Kollaborationssoftware, die auf OnlyOffice basiert.
Euro-Office ist ein Open-Source-Office-Paket und eine Kollaborationssoftware, die auf OnlyOffice basiert. bild: Euro-Office

Privatnutzern dürfte Euro-Office deshalb vorerst erst dann begegnen, wenn europäische Cloud-Anbieter die Open-Source-Lösung in ihre Dienste einfügen. Den Anfang macht Nextcloud, Ionos will im Spätsommer folgen. Wer schon heute eine quelloffene, kostenlose Bürosoftware für zu Hause sucht, findet sie weiterhin in bekannten Programmen wie LibreOffice oder OpenOffice.

LibreOffice attackiert Euro-Office

Kritik kommt auch vom Anbieter eines dieser Programme. Die Organisation hinter LibreOffice, die Document Foundation, hat Euro-Office in einem offenen Brief scharf angegriffen und kritisiert zum einen die Werbung für das Projekt. Euro-Office sei nicht die erste offene Bürosoftware aus Europa. Solche Programme gebe es schon länger: OpenOffice startete 2001, LibreOffice folgte 2010.

Ein weiterer Vorwurf betrifft die Art, wie Euro-Office Dokumente speichert. Voreingestellt ist ein Dateiformat, das Microsoft entwickelt hat und das es bis heute kontrolliert. Das soll laut Euro-Office primär Unternehmen den Umstieg erleichtern, denn vorhandene Word- und Excel-Dateien lassen sich so ohne Umwege weiternutzen.

Damit blieben die Nutzer aber an Microsoft gebunden, argumentiert die Stiftung hinter LibreOffice, also das Gegenteil dessen, was Euro-Office eigentlich erreichen wolle. Euro-Office sei «de facto ein Verbündeter von Microsoft», schreibt die Document Foundation. Der neue Open-Source-Konkurrent Euro-Office reite «aus reinem Opportunismus» auf «der aktuellen Welle der digitalen Souveränität» mit. Denn: Echte Unabhängigkeit biete nur ein offenes Dateiformat wie ODF, das keinem einzelnen Konzern gehöre.

So reagiert Euro-Office auf die Kritik

Nextcloud-Chef Frank Karlitschek kündigte an, ein offenes Dateiformat solle bei der nächsten Euro-Office-Version Vorrang haben. Eine Mediensprecherin ergänzte gegenüber dem Techportal Heise, dass langfristig ODF auch bei Euro-Office der Standard sein solle, da man proprietäre Dateiformate als Hindernis für die digitale Souveränität sehe. Deshalb arbeite man nun an der Verbesserung der ODF-Unterstützung.

Die Firmen hinter Euro-Office haben sich zum Start aber bewusst für die volle Kompatibilität mit dem Microsoft-Format OOXML entschieden. Man wolle Anwendern, die auf die Kompatibilität mit Microsoft angewiesen seien, zunächst eine offene Office-Plattform liefern. So könnten Organisationen später schrittweise auf offene Formate wie ODF umsteigen.

Kampf der Open-Source-Offices?

Die harsche Kritik der LibreOffice-Macher könnte ein Vorgeschmack auf die künftige Rivalität der Open-Source-Lösungen sein. Denn offiziell positioniert sich Euro-Office als Alternative zu Microsoft und Google, in der Praxis könnte der neue Rivale aber primär zur Gefahr für LibreOffice werden.

LibreOffice hat sich lange auf Desktop-Programme konzentriert und erst kürzlich die verstärkte Entwicklung in Richtung Webbrowser, Smartphones und kollaboratives Arbeiten angekündigt, wie es Microsoft und Google schon lange vormachen. Mit einer neuen Web-Lösung und Apps für mobile Geräte werden LibreOffice und Euro-Office künftig voraussichtlich sehr ähnliche Dienste anbieten.

Ein weiter denkbarer Grund für den Zwist: Euro-Office basiert auf der quelloffenen Office-Suite OnlyOffice. Laut Nextcloud und Ionos biete OnlyOffice die modernere Codebasis als LibreOffice. Euro-Office schleppt daher laut Experten keine technischen Altlasten mit sich herum, sondern verfügt über ein modernes technisches Fundament. Trotzdem gab es Kritik, da OnlyOffice aus Riga stammt. Das Entwicklerunternehmen, die Ascensio System SIA, sitzt zwar im EU-Staat Lettland, ist jedoch die Tochtergesellschaft eines russischen Unternehmens.

Die Unternehmen hinter Euro-Office mussten daher eine Abspaltung (Fork) von OnlyOffice entwickeln, da europäischen Organisationen infolge der EU-Wirtschaftssanktionen gegen Russland die Nutzung der kommerziellen Version von OnlyOffice untersagt ist. Mit der Abspaltung soll die Souveränität und Sicherheit von Euro-Office gewährleistet werden.

Europa will weg von US-Software

Euro-Office ist ein Beispiel einer grösseren Entwicklung. Mehrere Länder und Behörden in Europa wollen ihre Abhängigkeit von amerikanischer Technik verringern. Frankreich kündigte im April an, in Behörden das kostenlose Betriebssystem Linux statt Windows einzusetzen und den Microsoft-Dienst Teams bis 2027 durch eine eigene Lösung zu ersetzen.

(t-online/oli)

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