Neue Zahlen zeigen: So viel Geld könnte ein neues AKW in der Schweiz kosten
Es ist eine Zahl, die den Befürwortern von neuen Atomkraftwerken Angst machen wird: Bis zu 43 Milliarden Franken könnte der Bau eines neuen Kernkraftwerks kosten. Zu diesem Schluss kommt eine neue Studie der Akademie der Wissenschaften. Die 43 Milliarden sind zwar lediglich die oberste Grenze, die der Bericht nennt. Aber es ist massiv mehr, als andere Studien angaben. So rechnete etwa der Stromkonzern Axpo mit Baukosten von etwas mehr als 10 Milliarden Franken.
Anders als andere Berechnungen berücksichtigt die Studie auch die Kosten für die Finanzierung des Milliardenprojekts während der jahrelangen Bauzeit. Allein dadurch fällt die Rechnung um 20 bis 30 Prozent höher aus.
Aber auch andere Faktoren treiben die Rechnung in die Höhe. So beziehen die Forscher etwa mit ein, dass bei den aktuellen Projekten der beiden Unternehmen, die für den Neubau in der Schweiz infrage kämen, «die vorgesehenen Baukosten deutlich überschritten» wurden, wie es im Bericht heisst. Von Projekt zu Projekt seien die Kosten gestiegen. Die AKW-Branche gehe bei ihren Beispielen dagegen davon aus, dass die Baukosten in der Tendenz sinken würden.
Im Idealfall sind die Kosten deutlich tiefer
Im allergünstigsten Fall geht die Akademie der Wissenschaften davon aus, dass ein Reaktor vom amerikanischen Hersteller Westinghouse mit einer Leistung von 1250 Megawatt und einem Baustart im Jahr 2040 rund 14 Milliarden Franken kosten würde. Dabei müssten aber «Potenziale zur Eindämmung der Kosten ausgeschöpft werden». Entwickeln sich die Kosten dagegen ähnlich weiter wie bisher, rechnen die Akademien mit rund 25 Milliarden Franken für den Westinghouse-Reaktor und 43 Milliarden für den grösseren Reaktor von EDF.
Die Studie betont auch, dass bei vielen AKW die ursprünglich geplanten Bauzeiten teils massiv überschritten wurden. «Beispielsweise verlängerte sich die Bauzeit des Reaktors in Olkiluoto von geplanten vier auf rund 18 Jahre, jene in Flamanville von fünf auf rund 17 Jahre», heisst es im Bericht. Dass in Russland und China dagegen der Bau schneller und günstiger war, führen die Autorinnen und Autoren hauptsächlich auf andere Rahmenbedingungen zurück. Die Bewilligungsverfahren seien dort einfacher, die Regulierung lockerer und es gebe auch mehr Fachpersonal.
Je höher das Preisschild eines neuen AKW wäre, desto höher wäre auch das Risiko für Bund, Kantone und Gemeinden. «Weltweit haben sich private Investoren in den vergangenen Jahren nur noch an Bauprojekten beteiligt, wenn der Staat einen erheblichen Teil der Finanzierung übernahm und die finanziellen Risiken stark abfederte. Das dürfte auch in der Schweiz der Fall sein», schreibt die Akademie der Wissenschaften.
Damit ein neues AKW Mitte des aktuellen Jahrhunderts ans Netz gehen könnte, «müsste bis Anfang der 2030er Jahre ein Gesetz zur staatlichen finanziellen Unterstützung vorliegen», schlussfolgert der Bericht. Aufgrund dessen würde dann ein Projekt aufgegleist. Allerdings gebe es dann «kaum zusätzliche Erfahrungswerte zu Kosten und Bauzeiten» und somit wären die Kostenunsicherheiten «nicht geringer».
Gewappnet gegen Drohnenangriffe
Eine Wertung, ob die Schweiz ein neues AKW bauen soll, will der Bericht aber trotz aller Fragezeichen nicht abgeben: «Der Bericht bewertet nicht, ob die Schweiz ein neues KKW bauen soll oder nicht und wie ein solches finanziert werden sollte.» Es gehe darum, «eine wissenschaftliche Grundlage für die politische und gesellschaftliche Diskussion» zu schaffen.
Diese führt voraussichtlich im kommenden Frühjahr das Schweizer Stimmvolk. Das Parlament hat nach einem langen Hickhack den Gegenvorschlag zur Volksinitiative «Jederzeit Strom für alle (Blackout stoppen)» angenommen und so das Bauverbot für neue Atomkraftwerke wieder gekippt, das 2017 ebenfalls an der Urne beschlossen wurde. Das Referendum gegen den Ausstieg aus dem Kernkraft-Ausstieg ist dem Vernehmen nach auf Kurs und wird zustande kommen.
Besonders die Linken laufen Sturm gegen den Bau eines neuen AKW. Sie führen unter anderem ins Feld, dass so erneuerbare Energien ausgebremst werden. Auch bezweifeln sie, dass der Betrieb eines AKWs rentabel sei und sich am Ende überhaupt ein Anbieter finden liesse, der tatsächlich eines bauen will.
Und dann sind da auch noch Sicherheitsbedenken, wie aus einem Vorstoss von Anne-Béatrice Schmaltz (Grüne/ZH) hervorgeht: Gerade der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine zeige die Gefahren, die etwa von Drohnenangriffen ausgingen. Der Bundesrat betont in seiner Antwort, dass Kernkraftwerke aufgrund ihrer robusten Reaktorgebäude über einen guten Schutz verfügen würden. Auch gegen Drohnenangriffe sei man gewappnet. Wie genau, will die Regierung nicht sagen: Das unterliege der Geheimhaltung. (schweizheute.ch)

