Schweizer Insektenwelt: «Wenn diese Pufferfunktion wegfällt, haben wir ein Problem»
Die vergangenen Hitzewellen und die damit verbundene Trockenheit haben ihre Spuren in der Schweiz hinterlassen. Tiefe See- und Flusspegelstände, ausgetrocknete Felder und verfärbte Bäume, die ihr Laub bereits jetzt abwerfen, sind nur einige der aktuell sichtbaren Zeichen der Hitze und Trockenheit.
Die Häufung solcher Extremwetterereignisse geht einher mit den klimatischen Veränderungen durch den menschengemachten Klimawandel. Während in diesem Sommer die sicht- und spürbaren Auswirkungen immer mehr in den Vordergrund rücken, hat der Klimawandel auch dort Folgen, wo Veränderungen nicht sofort für alle erkennbar sind.
Im Unterholz unserer Wälder, auf den Pflanzen unserer Wiesen, in der Erde, im Wasser und in der Luft. Dies sind nur einige der Lebensräume der über 30'000 bekannten Insektenarten in der Schweiz. Sie alle übernehmen eine Funktion in unserem Ökosystem und sind relevant für Mensch, Tier und Natur.
Doch die Geschichte zeigt: Geraten die Lebensräume von Insekten unter Druck, kann sich das verheerend auf deren Population auswirken. Zwar konnten einige vom Menschen verursachte Belastungen durch gezielte Schutz- und Fördermassnahmen gemindert werden, doch der Klimawandel stellt die Insektenwelt vor neue und zunehmend komplexe Herausforderungen.
Das leisten Insekten in unserem Ökosystem
Die Insekten sind die artenreichste Tiergruppe im Land und damit auch eine der am schwierigsten zu erforschenden. Trotz oder gerade deshalb haben sich Eva Knop und Felix Neff dieser Aufgabe angenommen. Die Biologin Eva Knop untersucht an den Universitäten Zürich und Regensburg unter anderem, wie globale Veränderungen Pflanzen- und Insektengemeinschaften beeinflussen. Der Ökologe Neff erforscht bei Agroscope, der landwirtschaftlichen Forschungsanstalt des Bundes, wie sich die Vielfalt und Zusammensetzung von Insektengemeinschaften in der Schweiz unter veränderten Umweltbedingungen wandeln.
«Genauso vielfältig wie die Gruppe der Insekten sind auch die Funktionen, die diese für unser Ökosystem wahrnehmen», sagt Eva Knop, die vor rund sechs Jahren ein grossangelegtes Forschungsprojekt zu den Veränderungen von Insektengemeinschaften in der Schweiz initiierte und lange leitete. Die bekannteste Funktion dürfte wohl die der Bestäubung von Blüten sein, so die Forscherin:
Weiter seien Insekten zentral für die Humusbildung, also die nährstoffreiche Zusammensetzung unserer Böden, und würden in vielen Fällen als natürliche Schädlingsfeinde dienen. Marienkäfer beispielsweise würden grosse Mengen an Blattläusen und anderen Schädlingen fressen, so Knop. Doch auch die Insekten selbst seien ein wichtiger Bestandteil vieler Nahrungsketten, sagt Felix Neff, so würden Insekten diversen Tieren wie beispielsweise Vögeln oder Fischen als Nahrung dienen.
Artenzusammensetzung verändert sich
Um all diese Aufgaben erfüllen zu können, sind die kleinen Tiere jedoch auf eine intakte Artenvielfalt angewiesen. Geraten die Lebensräume der Insekten durch menschliches Eingreifen unter Druck, kann sich dies drastisch auf die Artenvielfalt auswirken, wie Eva Knop an einem historischen Beispiel erzählt:
«Nach dem Zweiten Weltkrieg folgte die sogenannte Grüne Revolution, die mit einer starken Mechanisierung und Intensivierung der Landwirtschaft einherging. Dies führte zu einer Verarmung der Kulturlandschaft. Hecken, Wiesen und freie Flächen verschwanden immer mehr, gleichzeitig nahm der Einsatz von Dünge- und Pflanzenschutzmitteln immer stärker zu. Eine unserer Studien zeigte, dass in kürzester Zeit rund die Hälfte aller Arten bei den untersuchten Insektengruppen verschwand.» In den letzten 20 bis 30 Jahren sei es jedoch gelungen, mit Massnahmen im Bereich der Land- und Waldwirtschaft die Artenvielfalt zu stabilisieren, sagt Knop.
Davon ausgenommen seien jedoch Insekten, die kältere Lebensräume bevorzugen, sowie Habitatsspezialisten, Insekten also, die auf spezifische Lebensräume angewiesen sind. Diese seien massiv zurückgegangen, so die Biologin: «Bei rund 70 Prozent der untersuchten kältespezialisierten Arten und Habitatsspezialisten sehen wir, dass diese in höher gelegene, kühlere Lagen abwandern. Dies führt zu einer deutlichen Abnahme ihrer Population in den tieferen Lagen der Schweiz.» Beobachtungen, die auch Felix Neff in seiner Arbeit macht: «Wir sehen seit den 1980er-Jahren deutliche Auswirkungen des Klimawandels auf die Gemeinschaften. Wärmeliebende Arten nehmen zu, während kälteliebende Arten abnehmen.»
Ökosystem wird instabiler
Wandern neue Arten ein und einheimische Arten ab, könne dies Auswirkungen auf das gesamte Ökosystem haben, so Neff:
Die Folge davon sei, dass das ganze Ökosystem in der Tendenz instabiler und anfälliger auf Schwankungen werde. Eva Knop ergänzt, dass manche Insekten hochspezialisierte Bestäuber seien, was bedeute, dass nur eine spezifische Insektenart in der Lage sei, eine bestimmte Pflanze zu bestäuben. Verschwinde diese Insektenart, verschwinde auch die Pflanze, so die Professorin der Universitäten Zürich und Regensburg.
Die meisten Pflanzen könnten jedoch von mehreren Arten bestäubt werden. Wenn eine Art verschwinde, könne eine andere in die Bresche springen. Hinsichtlich des Klimawandels fungiere dies wie eine Art Puffer, erklärt die Biologin.
Doch auch die Zahl der Arten, die solche Funktionen übernehmen können, sei begrenzt: «Wenn der Artenpool reduziert wird, sinkt die Chance, dass das Ökosystem auf zukünftige Veränderungen und Extremereignisse reagieren kann. Dann wird es gefährlich. Wenn diese Pufferfunktion wegfällt, haben wir ein Problem.»
Schädlinge profitieren von milderen Wintermonaten
Die wärmeren Temperaturen führen auch dazu, dass sich neue, wärmeliebende Schädlinge in der Schweiz ausbreiten können. Ein Beispiel hierfür ist die marmorierte Baumwanze aus Ostasien, die Früchte schädigt, oder der Japankäfer, der zahlreiche Nutz- und Wildpflanzen befällt. Auch für den Menschen können solche invasiven Schädlinge gefährlich werden, ein Beispiel hierfür wäre die Tigermücke aus Südostasien, welche in der Lage ist, Krankheiten zu übertragen, sagt Eva Knop.
Doch auch ein Teil der bereits einheimischen Schädlinge profitiert von den milderen Temperaturen, wie eine Studie des Ökologen Leonard Schneider der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) von 2023 zeigt. So verlängert sich durch die milderen, schneeärmeren Winter die Zeitspanne, in der Insekten schlüpfen und sich fortpflanzen können.
Dies führt dazu, dass von Schädlingen, deren Fortpflanzungszyklus oft mehrere Generationen in einem Jahr umfasst, mehrere zusätzliche Generationen heranwachsen können. Auch falle es verschiedenen Schädlingsarten leichter, die milderen Wintermonate zu überstehen, was ebenfalls mit einer Zunahme der Schädlingspopulation einhergehe, wie die WSL auf ihrer Website schreibt.
Während manche Schädlingsarten und Insekten von den milden Wintern profitieren, geraten andere Insekten dadurch zusätzlich unter Druck, wie Felix Neff erklärt:
Ein klassisches Beispiel seien Raupen. Schlüpften diese zu früh, könne es sein, dass ihre Nahrungspflanzen noch nicht bereit seien und sie so Mühe hätten, ausreichend Nahrung zu finden, so der Ökologe von Agroscope.
Andere Arten seien zu einem gewissen Grad auf die isolierende Schicht einer Schneedecke angewiesen, um überwintern zu können. Falle immer weniger Schnee, würden auch diese Arten in Zukunft vermehrt unter Druck geraten. All dies seien zusätzliche Stressfaktoren für die Insekten, sagt Eva Knop. Zusätzlich zu den Problemen, mit welchen die Insektenpopulationen in der Schweiz bereits zu kämpfen hätten.
Zusätzliche Stressfaktoren
Besonders zu erwähnen seien dabei die «massiven» Veränderungen der Landnutzungsverhältnisse: «In der Schweiz verschwindet pro Sekunde etwa ein Quadratmeter Kulturland, wobei der grösste Teil davon in Siedlungsfläche umgewandelt wird. Damit einher geht die Lichtverschmutzung. Rund 50 Prozent aller Insekten sind nachtaktiv. Die Dunkelheit ist ihr Lebensraum, durch die zunehmende Zersiedelung nimmt die Lichtverschmutzung zu, was rund die Hälfte aller Insekten vor Probleme stellt.» Auch die Verschmutzung von Gewässern und Böden durch Pestizide und Mikrochemikalien belaste weiterhin die Lebensräume der Kleintiere stark.
Auch wenn positive Entwicklungen diesbezüglich festzustellen seien, insbesondere durch Massnahmen im Bereich der Landwirtschaft, zeigt sich die Forscherin der Universitäten Zürich und Regensburg besorgt: «All diese Aspekte verstärken sich gegenseitig, der Stress des Klimawandels kommt dann noch obendrauf, das bereitet mir Sorge.»
Massnahmen zeigen Wirkung
Auch Felix Neff sieht in seiner Forschung, dass Massnahmen wie Biodiversitätsförderflächen, also bewusst naturnah bewirtschaftete Flächen zum Schutz von Tieren und Pflanzen, sowie eine naturnahe Waldbewirtschaftung Wirkung zeigen. Wenn auch diesbezüglich noch immer Verbesserungspotenzial bestehe, so Neff. Um zu verstehen, welche Massnahmen schlussendlich einen Nutzen haben, seien vorallem zukünftig Forschungs- und Monitoringprogramme zu Veränderungen innerhalb von Insektengemeinschaften zentral.
Hinsichtlich der Auswirkungen des Klimawandels auf die Insekten seien natürlich auch Massnahmen zur Reduktion der CO2-Emissionen wichtig, sagt Felix Neff und hält fest:
Doch auch im Kleinen könnten Personen, die beispielsweise das Glück hätten, einen Garten zu besitzen, etwas für Insekten tun, so der Forscher von Agroscope: «Insekten brauchen Rückzugsflächen, grundsätzlich appelliere ich für etwas mehr Mut zur Wildnis im Garten.»
Viele würden bei Insekten an Mücken, Wespen und Fliegen denken, an Insekten, die als lästig gelten; wie vielfältig die Insektenwelt sei, das gehe oft vergessen, sagt Felix Neff. Dem pflichtet Eva Knop bei und sagt abschliessend: «Ein grosser Teil unserer Gesellschaft lebt urban in einer immer stärker digitalisierten Welt. Dabei wird schnell vergessen, wie viel Insekten zu unser aller Lebensgrundlage, unseren Böden, unseren Gewässern und unserer Nahrung beitragen.»
