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Gesellschaft & Politik

Klimaaktivisten stürmen wegen Daniel Jositsch Wirtschaftspodium

Sicherheitsleute bugsieren den Klimaaktivisten von der Bühne, während eine Person die Aktion filmt.
Sicherheitsleute bugsieren den Klimaaktivisten von der Bühne, während eine Person die Aktion filmt.Bild: Virginia Kamm

Wutrede gegen Jositsch: Klimaaktivisten stürmen Wirtschaftspodium Limmattal

Am Donnerstagabend trafen sich Limmattaler Wirtschaftsvertreterinnen und -vertreter in der Umweltarena Spreitenbach. Eine Störaktion überschattete das Podium.
06.11.2026, 11:0106.11.2026, 11:01
Virginia Kamm / CH Media

«Klimaverräter» stand auf dem knallroten Banner, das zwei Aktivisten am Donnerstagabend auf der Bühne der Umweltarena Spreitenbach in die Höhe hielten.

Das jährlich stattfindende Wirtschaftspodium Limmattal (Wipo), das sich an Vertreterinnen und Vertreter der Wirtschaft, Politik und Behörden richtet, hatte gerade erst begonnen, als mehrere Klimaaktivisten den Saal stürmten und die Bühne betraten.

«Hey, Genosse Josi!», rief einer der Aktivisten und zog damit die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich. Im Saal war es auf einen Schlag mucksmäuschenstill. In seiner Wutrede richtete sich der Aktivist an den Zürcher Ständerat Daniel Jositsch (parteilos, ehemals SP), der als Podiumsteilnehmer auf der Bühne sass.

Moderatorin Sonja Hasler versucht, eine Klimaaktivistin zu beruhigen.
Moderatorin Sonja Hasler versucht, eine Klimaaktivistin zu beruhigen.Bild: Henry Muchenberger

In der Kritik ging es um das Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR) vom April 2024, wonach die Schweiz zu wenig gegen den Klimawandel unternehme. Das Urteil ging auf eine Klage des Vereins Klimaseniorinnen zurück. Daniel Jositsch, seines Zeichens Rechtsprofessor, kritisierte den EGMR damals scharf. Dies insbesondere, weil es nicht Sache eines Gerichts sei, das Gesetz weiterzuentwickeln.

Darauf bezog sich der Klimaaktivist, als er Jositsch als «Verräter» und «Schande für das Land» bezeichnete. Er sagte auch, er werde ihm seine Taten nicht vergessen. Währenddessen hielten zwei weitere Aktivisten das erwähnte Banner in die Höhe, mit dem sie Jositsch einen «Klimaverräter» nannten.

Die Nachricht ist eindeutig: Daniel Jositsch sei ein Klimaverräter, finden die Aktivisten.
Die Nachricht ist eindeutig: Daniel Jositsch sei ein Klimaverräter, finden die Aktivisten.Bild: zvg

Bis das Publikum, die Podiumsteilnehmer und das Sicherheitspersonal begriffen, dass es sich nicht etwa um einen eingeplanten Sketch, sondern eine echte Störaktion handelte, dauerte es eine ganze Weile. Vereinzelte Wipo-Gäste riefen «Use!» oder «Abfahre!», während Sicherheitsleute schliesslich die Aktivisten von der Bühne zerrten.

«Überregulierungen halten uns auf»

Nach einigen Minuten gelang es Sonja Hasler, die das Podium moderierte, wieder für Ruhe im Saal zu sorgen. «Daniel, eigentlich sind wir damit mitten im Thema: Anstand und Respekt», sagte sie zu Jositsch und erntete dafür Lacher und Applaus. Das Motto des 25. Wipo lautete nämlich «Anstand unter Druck – wenn Prinzipien nicht reichen».

Hinter dem Anlass stehen der Industrie- und Handelsverein Dietikon, die Wirtschaftskammer Schlieren und die Vereinigung für Industrie, Dienstleistung und Handel Spreitenbach.

In einer spannenden Podiumsdiskussion tauschten sich Jositsch, Annemarie Widmer, CEO und Inhaberin der in Schlieren ansässigen Firma Louis Widmer, sowie ZSC-Lions-CEO Peter Zahner mit Moderatorin Sonja Hasler über die eigenen Werte aus.

ZSC-Lions-CEO Peter Zahner, Louis-Widmer-CEO Annemarie Widmer und Ständerat Daniel Jositsch diskutierten angeregt über Werte wie Anstand und Fairness.
ZSC-Lions-CEO Peter Zahner, Louis-Widmer-CEO Annemarie Widmer und Ständerat Daniel Jositsch diskutierten angeregt über Werte wie Anstand und Fairness.Bild: Henry Muchenberger

«Solche Aktionen bewirken eher das Gegenteil des Erwünschten», kommentierte Jositsch den Klimaprotest. «Ein gewisser Anstand wird in der Schweiz geschätzt, und wenn man seine Anliegen so vorträgt, dann fühlen sich die Leute eher abgestossen.»

Dann nahm die Podiumsdiskussion wieder Fahrt auf. Annemarie Widmer schilderte, wie vielen Regulierungen die Kosmetikbranche ausgesetzt sei. «Überregulierungen jedoch halten uns auf und machen uns langsam», sagte sie.

«Wir machen in Schlieren auch Forschung und Entwicklung und wir müssen aufpassen, dass das Team nicht nur mit der gesetzlichen Überarbeitung von Produkten beschäftigt ist, sondern auch Ressourcen hat, um Innovation zu betreiben.» Wichtig sei hierbei, dass in der Schweiz faire Rahmenbedingungen gelten, um nicht von anderen Ländern abgehängt zu werden.

«Habe mit Patrick Fischers Werten gerungen»

Moderatorin Hasler wollte von ZSC-CEO Peter Zahner wissen, ob er seine eigenen Werte schon einmal «geritzt» habe. «Ich würde lügen, wenn ich das bestreiten würde», sagte er. «Aber meine Grenze liegt beim Betrug. Ich würde niemals meinen Ruf aufs Spiel setzen.»

Damit war der Übergang zur Entlassung von Patrick Fischer, Ex-Cheftrainer der Schweizer Eishockey-Nationalmannschaft, gegeben. Hasler wollte wissen, ob Zahner als Verwaltungsrat des Schweizer Eishockeyverbands bei dieser Entscheidung mit seinen Werten gerungen habe.

«Nein, ich habe mit Patricks Werten gerungen», so Zahner. Schliesslich habe Fischer gegen seine eigenen Regeln verstossen. «Patrick Fischer ist ein sehr guter Freund von mir und hat mich zuerst nicht verstanden. Mittlerweile versteht er aber, wieso ich mich in diesem Entscheid gegen ihn gewendet habe.»

Verstärkte Sicherheitskontrollen werden Thema

Nach dem Wipo bekannte sich das Kollektiv Drop per Medienmitteilung zur Aktion in der Umweltarena. Dieses versteht sich als Zusammenschluss besorgter Bürgerinnen und Bürger, wie es in der Mitteilung heisst. Von der Schweiz fordert es «die sofortige und bedingungslose Umsetzung des Urteils aus Strassburg».

Fredi Pahr, der zum letzten Mal als Präsident des Wipo-Organisationskomitees auf der Bühne stand, sagte im Anschluss, er habe sich zwar gestört gefühlt, fühle sich aber nicht persönlich von der Aktion getroffen.

Wie die Klimaaktivisten in die Umweltarena kamen, könne er sich nicht erklären. Für den Anlass war ein Ticket nötig und es gab eine Eingangskontrolle. In Zukunft würden verstärkte Sicherheitsvorkehrungen sicher ein Thema am Wipo. (aargauerzeitung.ch)

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