«Wunderwaffe» Badran wird gegen Jositsch nicht zünden
Überrascht war am Ende wohl niemand: Eine Woche nach der turbulenten Versammlung in Zürich-Schwamendingen, an der die SP-Delegierten Daniel Jositsch das Vertrauen entzogen hatten, gab der desavouierte Ständerat seinen Parteiaustritt bekannt. Gleichzeitig erklärte der 61-jährige Strafrechtsprofessor, er werde 2027 erneut zur Ständeratswahl antreten.
Das war absehbar. Jositsch hätte die Medien kaum aufgeboten, um seinen Verzicht zu erklären. Dafür hätte ein Communiqué genügt. Hinzu kommt sein teilweise überbordender Ehrgeiz: Eine solche Abfuhr konnte er nicht hinnehmen. Da half auch die Standing Ovation der Delegierten nicht, die wie ein Mix aus Alibiübung und schlechtem Gewissen wirkte.
Fraglos ist Daniel Jositsch in der Partei angeeckt, mit abweichenden Positionen in wichtigen Fragen, seiner aufdringlich zelebrierten Rolle als sozialliberaler «Dissident» und vor allem mit dem Verhalten bei der Bundesratswahl 2022. Die Kritik der damaligen Verliererin Eva Herzog an seiner Person im «Tagesanzeiger» hat auch damit zu tun.
Eitel und machtbewusst
Jositsch ist ein eitler und machtbewusster Mensch. Damit macht man sich in einer Partei wie der SP nicht beliebt. Dennoch war es ein kurzsichtiger Entscheid, ihn nicht mehr für die Ständeratswahl 2027 zu nominieren. In gewisser Weise tappte die Partei in eine Falle, die ihr der Amtsinhaber stellte, indem er eine derart frühe Entscheidung provoziert hat.
Denn Daniel Jositisch konnte nur gewinnen. Hätte ihn die SP erneut aufgestellt, wäre er fein raus gewesen. Nun aber hat er genug Vorlaufzeit, um seine «wilde» Kandidatur aufzugleisen und Unterstützer zu gewinnen. An ihnen wird es nicht mangeln. Die SP und vor allem die Juso hoffen derweil auf Jacqueline Badran. Sie könnten sich gewaltig täuschen.
Reicht es im Kanton?
Die streitbare Nationalrätin hatte schon vor der denkwürdigen Versammlung von letzter Woche ihr Interesse am Ständeratssitz via «Tagesanzeiger» offengelegt. Tags darauf stichelte sie bei einem Auftritt im Schauspielhaus gegen das «Möchtegern-Alphamännchen» Jositsch, dem sie zudem «inhaltliche und charakterliche Auffälligkeiten» attestierte.
Das passt zu Badrans oft ungehobeltem Stil. Ihre Nominierung als SP-Ständeratskandidatin ist Formsache, zu gross ist ihr Ansehen in der Partei. Dabei ist auch sie keineswegs immer «linientreu», doch ihre rhetorische und ihre intellektuelle Brillanz überstrahlen alles. Die Frage ist nur: Reicht dies auch für eine Wahl in einem bürgerlich dominierten Kanton?
Ständeratswahl ist eine andere Liga
In Schwamendingen wurde sie mehrfach als «Panaschierkönigin» gefeiert. Niemand hat bei der Nationalratswahl 2023 landesweit so viele Stimmen von Wählenden anderer Parteien erhalten wie Jacqueline Badran. Doch auf einer Liste mit 36 Namen einen durchzustreichen und durch einen «Promi» zu ersetzen, ist relativ einfach.
Eine Ständeratswahl mit nur zwei Sitzen ist eine andere Liga. Daniel Jositsch ist das Musterbeispiel eines (Ex-)Sozialdemokraten, der auch für Bürgerliche wählbar ist. Bei Jacqueline Badran ist das nicht garantiert. In der Stadt Zürich mag sie eine Art Lichtgestalt sein. Sie wird von der lokalen SP fast schon penetrant für Kampagnen eingespannt.
Ein Sozi bleibt ein Sozi
Bei der bürgerlichen, teilweise SVP-lastigen Wählerschaft im Ober- oder Weinland hingegen wird sie einen schweren Stand haben. Für diese bleibt Jositsch ein Sozi, sie wird sicher keine zweite Figur aus dieser Partei wählen. Ihre Macht haben die Städte Zürich und Winterthur erst im letzten Herbst bei der kantonalen Abstimmung zu Tempo 30 zu spüren bekommen.
Daniel Jositsch hingegen dürfte vom «SPexit» sogar profitieren, wie Regierungsrat Mario Fehr. Er war 2021 ausgetreten und machte bei der Wahl 2023 das beste Resultat aller Kandidierenden. Und Jositsch ist nicht so mimosenhaft wie Fehr. Er war schon 2023 der Parlamentarier mit der landesweit höchsten Stimmenzahl und könnte sie übertreffen.
Wo wird er künftig mitmachen?
Bei der nationalen «Rennleitung» in Bern ist man sich dessen bewusst. Es war auffällig, wie pfleglich sie stets mit Daniel Jositsch umging, auch nach seinen Bundesrats-Sololäufen. Die Zürcher Kantonalpartei hingegen hat sich entschieden, ins Risiko zu gehen und auf die vermeintliche Wunderwaffe Jacqueline Badran zu setzen. Es könnte ins Auge gehen.
Falls sich Jositsch keinen üblen Fehltritt leistet, kann er den Champagner für die Wahlfeier im Oktober 2027 schon heute bestellen. Die Frage ist, welcher Fraktion er sich danach anschliessen wird, denn als Einzelkämpfer ist man im Ständerat ein Nobody. Vielleicht liefert die am Donnerstag getragene Krawatte einen Hinweis: Sie war in FDP-Blau.
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