In den Tagen vor Weihnachten kursierten in den sozialen Medien Posts mit Angeboten für Hilfe gegen häusliche Gewalt. Die selbstorganisierte Hotline «Telefon gegen Gewalt» öffnete ihre Leitungen extra über die Feiertage.
Opferschutzstellen und Fachpersonen hatten in Deutschland und England ausserdem vor einem Anstieg häuslicher Gewalt in der Weihnachtszeit gewarnt. Wie war die Situation in der Schweiz?
watson hat bei der Polizei, einer Anlaufstelle für häusliche Gewalt, einem Frauenhaus und einem Krisenzentrum für Jugendliche nachgefragt.
Die Kantonspolizeien Zürich und Bern verzeichneten über Weihnachten keine ausserordentliche Häufung von Fällen häuslicher Gewalt, wie ihre Sprecher gegenüber watson sagten.
Die Kantonspolizei Zürich sei zwischen dem 24. und dem 26. Dezember rund zehnmal wegen häuslicher Gewalt ausgerückt.
Das entspreche den Zahlen eines gewöhnlichen Wochenendes. Auch in den Vorjahren habe die Kapo Zürich in der Weihnachtszeit jeweils keinen Anstieg an gemeldeten Fällen festgestellt.
Bei der Kantonspolizei Bern würden zwar keine zeitlich eingegrenzten Statistiken zu häuslicher Gewalt geführt. Die Erfahrung der vergangenen Jahre zeige aber, dass die Feiertage nicht mit deutlich mehr Meldungen einhergingen.
Viele Vorfälle würden allerdings verzögert oder überhaupt nicht gemeldet, so der Sprecher. Grundsätzlich erlebt die Kantonspolizei die Stimmung in der Weihnachtszeit als angespannt:
Mögliche Gründe seien erhöhter Stress, emotionale Belastungen, vermehrte zwischenmenschliche Kontakte sowie weniger Rückzug- und Ausweichmöglichkeiten über die Feiertage.
Davon zeugen auch Erfahrungen der Anlaufstelle gegen Häusliche Gewalt Aargau. In den vergangenen Jahren hätten sie in der Weihnachtszeit etwa zwei bis drei Prozent mehr Anfragen erreicht als sonst, sagt Claudia Wyss, die Leiterin der Anlaufstelle. In diesem Jahr habe sie allerdings keine solche Zunahme feststellen können.
Das erklärt sie sich mitunter dadurch, dass die Weihnachtstage in diesem Jahr unter der Woche lagen und nicht direkt an ein Wochenende grenzten. So waren viele Anlaufstellen am Freitag wieder geöffnet und nicht über mehrere Tage am Stück geschlossen. Die Weihnachtstage hätten somit eher den Charakter eines normalen Wochenendes gehabt. Aber auch Wyss betont:
Bei den ihr bekannten Fällen, die sich während der Weihnachtstage ereignet hatten, habe es sich vor allem um Wiederholungsfälle gehandelt. Wyss’ Erkenntnis: In Haushalten, in denen es vorher bereits zu Gewalt kam, könnte sich diese während der Feiertage nochmals verstärkt haben.
Auch Wyss nennt Faktoren, die eine Eskalation begünstigen könnten. Während der Feiertage würden die Nerven teilweise blank liegen, da viele Personen plötzlich viel Zeit mit Familienmitgliedern verbringen, die sie sonst wenig sehen. Dies könne das Potenzial für Konflikte erhöhen.
Allerdings, so Wyss, müsse man klar zwischen Familienkonflikten und Vorfällen häuslicher Gewalt unterscheiden.
Sind die Beratungsstellen an Wochenenden oder Feiertagen geschlossen, bleibt Betroffenen von häuslicher Gewalt in Zürich die Möglichkeit, sich an die Hotlines der Frauenhäuser zu wenden.
Pascale Navarra, Co-Betriebsleiterin des Frauenhauses Zürich Violetta, sagte zu watson, dass ihre Organisation keine gesonderten Zahlen für die Weihnachtszeit erhebe. Sie beobachte aber, dass die telefonische Nachfrage für Beratungen an Wochenenden und Feiertagen grundsätzlich höher sei. Dass es spezifisch an Weihnachten häufiger zu häuslicher Gewalt komme, glaubt sie aber nicht.
In diesem Jahr habe das Frauenhaus während der Feiertage vor allem Beratungsgespräche durchgeführt. Navarra arbeitet seit zehn Jahren im Frauenhaus und hat schon erlebt, dass es dort an Heiligabend zu mehreren Eintritten gefährdeter Frauen gekommen ist. Für Eintritte an Feiertagen seien sie deswegen vorbereitet:
Im aktuellen Jahr gab es direkt vor den Weihnachtstagen mehrere Eintritte. Navarra erklärt, dass es vor längeren Ferien oder Schulferien teilweise gehäuft zu Eintritten von Betroffenen ins Frauenhaus käme.
Während der Festtage könnte es für Betroffene schwieriger sein, sich an eine Anlaufstelle zu wenden, so Navarra.
Gerade während der Feiertage, wenn Familien viel Zeit zu Hause verbringen, stünden Betroffene unter ständiger Beobachtung. Die Möglichkeit, ungestört zu telefonieren, sei eingeschränkt.
Schlussendlich sei aber unklar, wie sich Weihnachten oder andere Feiertage auf das Handeln von Betroffenen häuslicher Gewalt auswirkt:
Bei den Krisenzentren für Jugendliche machten sich die Feiertage vor allem dadurch bemerkbar, dass viele Beratungsangebote für Jugendliche und Familie über die Feiertage geschlossen seien. Dies sagt Lucas Maissen, Leiter des Schlupfhuus in Zürich, das Jugendliche in Krisensituationen aufnimmt.
Die Jugendlichen, die zum Schlupfhuus kämen, hätten meist körperliche, psychische oder sexualisierte Gewalt erlebt.
Auch Maissen wiederholt gegenüber watson, was die anderen Stellen bereits festgehalten haben: «Wir können keine Kausalität zwischen Feiertagen und Neueintritten feststellen.» Der Stresspegel könne während der Feiertage zwar steigen.
Die Konflikte seien jedoch bereits zuvor da: «Das sind Familiensysteme, die vorher schon sehr stark belastet sind.» Es könne sich bei Weihnachten vielmehr um einen Tropfen handeln, der das Fass zum Überlaufen bringe. Aber: «Das Fass war bereits vorher voll.»
Dieser Satz beschäftigt mich vor allem!
Ich habe durch meine Frau, welche sich ehrenamtlich in diesem Bereich engagiert, viel Einsicht. Die meisten Klientinnen welche sich Hilfe suchen, sind sozusagen ‚Stammkundinnen‘. Leider schaffen es Frauen häufig nicht sich von ihren schlagenden Männern zu trennen, dies obwohl die Erfahrung sagt: Wer einmal zuschlägt, macht es immer wieder.
Daher mein pers. Wunsch fürs neue Jahr:
Seit stark und trennt euch!
Beratungsstellen sollten trotzdem grundsätzlich 365 Tage im Jahr verfügbar sein, und zwar weit über die Bürozeiten hinaus. Eine Person, die sich durchringt, endlich mal anzurufen, tut dies ein paar Stunden oder einen Tag später bereits nicht mehr, wenn der Anruf dann, wenn sie sich endlich ein Herz gefasst hat, erfolglos war.