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Gewalt gegen Frauen und Fussball: Die Schweiz tappt im Dunkeln

Fussball und Gewalt an Frauen.
Bei grossen Fussballturnieren steigen die Gewaltvorfälle im häuslichen Umfeld. Bild: keystone / getty images / watson

Gewalt gegen Frauen bei Fussballspielen – Die Schweiz tappt im Dunkeln

Wird an grossen Turnieren wie der EM Fussball gespielt, nimmt die häusliche Gewalt zu. Und auch im Stadion erleben Frauen Übergriffe. Während Deutschland bei der EM auf Awareness setzt, tappen die Schweizer Justiz und die Nationalmannschaft im Dunkeln.
22.06.2024, 16:1408.07.2024, 17:10

Fliegende Pyrofackeln, Zusammenstösse mit Stadionpersonal oder Polizei, Schlägereien zwischen verfeindeten Fans – diese Bilder zirkulieren in den Medien und in der Politik, wenn von Gewalt an Fussballereignissen die Rede ist. Über eine spezifische Form der Gewalt während oder in Zusammenhang mit Fussball-Grossereignissen wird dagegen selten gesprochen: geschlechterspezifische Gewalt gegen Frauen.

Studien aus England haben gezeigt, dass grosse Fussball-Turniere die gemeldeten Fälle von häuslicher Gewalt in der Vergangenheit ansteigen liessen.

UN Women Deutschland wies vergangene Woche zum Start der Fussball-Europameisterschaft auf die Gefahr partnerschaftlicher Gewalt bei Fussballturnieren hin und forderte politische Massnahmen.

«Wir möchten die Gewalt gegen Frauen und Mädchen abseits des Rasens, des Bildschirms und des Public Viewings sichtbar machen.»
Elke Ferner, Vorsitzende UN Women Deutschland

Doch warum nimmt die Gewalt gegen Frauen während grossen Turnieren zu?

Anlaufstellen für Opfer von häuslicher Gewalt
Unter häuslicher Gewalt versteht man körperliche, psychische oder sexuelle Gewalt innerhalb einer Familie oder in einer aktuellen oder aufgelösten Paarbeziehung.
Betroffene können sich bei den kantonalen Opferhilfestellen melden, die auf der Website der Opferhilfe Schweiz zu finden sind. Die Beratung ist kostenlos, vertraulich und anonym. Sollten sich Frauen zu Hause nicht mehr sicher fühlen, finden sie in Frauenhäusern eine sichere Unterkunft. Weitere Unterstützung bietet das Frauen-Nottelefon. Betroffene Männer können sich an die Anlaufstelle Zwüschehalt oder an das Männerbüro Zürich wenden.
Bei Straftaten im Ausland können Schweizer Staatsangehörige die Helpline des EDA kontaktieren: +41 800 24 7 365.

Muster der Gewaltdynamik: Erkenntnisse aus England

Wie sich Alkohol und Emotionen auf die Dynamik häuslicher Gewalt während und nach Fussballspielen auswirken, hat eine britische Studie untersucht, die im Februar erschienen ist. Für die Studie wurden individuelle Anrufdaten am Tag von grösseren Fussballspielen aus dem Grossraum Manchester über einen Zeitraum von acht Jahren analysiert.

Während des Spiels nahm die Gewalt für etwa zwei Stunden ab, nach dem Spiel stiegen die Gewaltvorfälle allerdings an, so das beobachtete Muster in der Gewaltdynamik. Der Höhepunkt war jeweils etwa zehn Stunden nach dem Spiel erreicht, wo die Zunahme 10 Prozent im Vergleich zum sonstigen Mittel betrug.

Der Effekt liess sich für Fussballspiele nachweisen, die am Nachmittag stattfanden, und wurde fast ausschliesslich durch Männer, die Alkohol konsumiert hatten, ausgelöst. Bei abendlichen Spielen sei keine signifikante Zunahme der Gewalttaten zu beobachten.

Man with bottle of beer watching football on TV.
Alkoholkonsum und Fussballereignisse – eine Studie sieht einen Zusammenhang mit häuslicher Gewalt.Bild: iStockphoto

Die Zunahme der Gewalt bei Fussballereignissen erklärt sich die Studie hauptsächlich durch den erhöhten Alkoholkonsum. Verstärkte Emotionen während des Spiels würden zwar nicht direkt zu einem Anstieg der Gewalt führen, wohl aber dazu, dass mehr Alkohol konsumiert werde und dies einen Einfluss auf die Gewaltbereitschaft habe.

Die Gewalt nach Fussballspielen finde nicht im luftleeren Raum statt und sei weder ausschliesslich auf Fussball noch auf Alkohol zurückzuführen, schlussfolgern die Studienautoren und -autorinnen. Bereits andere Studien hätten aber beobachtet, dass Sportevents wie grosse Fussball-Turniere zu Spitzen bei den Fällen gemeldeter häuslicher Gewalt führen.

Wie sich der Spielausgang auf die Gewaltvorfälle auswirkt, untersuchte eine weitere britische Studie. Dabei zeigte sich, dass die Wahrscheinlichkeit, häusliche Gewalt zu erfahren, während der Europa- oder Weltmeisterschaft um 26 Prozent stieg, wenn England gewann oder unentschieden spielte, und um 38 Prozent, wenn das Nationalteam verlor.

Schweizerischer Fussballverband sieht keinen Handlungsbedarf

Während es für Grossbritannien Studien zur häuslichen Gewalt während grossen Fussball-Turnieren gibt und in Deutschland eine Recherche des öffentlich-rechtlichen Fernsehens erstmals Zahlen zu sexuellen Übergriffen im Stadion erhob, tappt man in der Schweiz weiter im Dunkeln.

So weiss das Bundesamt für Polizei (Fedpol) von keiner Erhebung, die sich dem Thema der häuslichen Gewalt im Kontext von Fussballspielen annimmt, dies liege in der Zuständigkeit der Kantone, so das Fedpol gegenüber watson.

Beim Schweizerischen Fussballverband (SFV) sieht man keine Notwendigkeit für präventive Massnahmen im Bereich der häuslichen Gewalt. Die britische Studie, die früh stattfindende Fussballspiele mit einem Anstieg der häuslichen Gewalt in Verbindung bringt, sei dem Verband bekannt. Man halte den Kausalzusammenhang zwischen Fussballspielen und Gewalt aber für «fragwürdig», so ein Sprecher des SFV gegenüber watson.

Ohne die entsprechenden Zahlen bestehe für den SFV auch kein Handlungsbedarf für gezielte Kampagnen. Man hoffe aber, so der Sprecher, dass die vom SFV geführten Alkohol-Präventionskampagnen indirekt auch einen verringernden Effekt auf geschlechterspezifische Gewalt hätten.

Wenn Gewaltstatistiken Pyrotechnik umfassen, aber sexuelle Übergriffe übersehen

Doch nicht nur im häuslichen Umfeld, auch im Stadion selbst kommt es zu Übergriffen gegen Frauen. Eine kürzlich erschienene Investigativ-Recherche des deutschen ARD-Videoformats Vollbild lässt die Dimension des Problems der Übergriffe erahnen.

Abwertende Kommentare, ungewollte Berührungen, K.-o.-Tropfen, Anpinkeln – das sind nur einige Beispiele, die in der Dokumentation von Betroffenen geschildert werden. Die Recherche zeigt auch: Untersuchungen zu sexualisierter Gewalt im Fussballstadion fehlen bisher weitgehend.

Mangels Statistiken hat das «Vollbild»-Team deshalb selbst eine deutschlandweite Umfrage in Fussball-Fankreisen gestartet, an der über 2500 Personen teilnahmen, knapp die Hälfte davon Frauen. Das Resultat der nicht-repräsentativen Umfrage: Fast jede vierte Frau gab an, mindestens einmal einen sexuellen Übergriff im Stadion erlebt zu haben. Bei den Männern waren es ein Prozent.

Anlaufstellen für Opfer von sexueller Gewalt
Sexuelle Übergriffe können in den unterschiedlichsten Kontexten stattfinden. Hilfe im Verdachtsfall oder bei erlebter sexueller Gewalt bieten etwa die kantonalen Opferhilfestellen oder die Frauenberatung Sexuelle Gewalt. Für Jugendliche oder in der Kindheit sexuell ausgebeutete Erwachsene gibt es in Zürich die Stelle Castagna. Betroffene Männer können sich an das Männerbüro Zürich wenden. Wenn du dich sexuell zu Kindern hingezogen fühlst oder jemanden kennst, der diese Neigung hat, kann dir diese Stelle weiterhelfen.

Auch in der Schweiz wird das Ausmass sexueller Übergriffe im Fussballstadion statistisch nicht erfasst. Eine Sprecherin des Fedpol sagt auf Anfrage von watson:

«Wir verfügen über keine solchen Statistiken.»
Sprecherin des Fedpol

Das Fedpol beteiligt sich am Informationssystem «Hoogan», in dem Gewaltvorfälle in Stadien im In- und Ausland sowie dagegen ergriffene Massnahmen gelistet werden. Während dort jede einzelne gezündete Pyrofackel erfasst ist, sucht man die Kategorie der sexuellen Übergriffe vergebens.

Auf die Frage, warum dies nicht erfasst werde, verweist das Fedpol auf das Konkordat über Massnahmen gegen Gewalt anlässlich von Sportveranstaltungen. Dort wird definiert, was als gewalttätiges Verhalten gilt – eine explizite Nennung von sexualisierter Gewalt fehlt.

Das Haus des Schweizer Fussballs, Sitz des Schweizerischen Fussballverbandes SFV, mit den Geschaeftsstellen der Fussball Amateurliga, der Ersten Liga und der Swiss Football League, am Montag, 16. Okto ...
Der Sitz des Schweizerischen Fussballverbands (SFV) in Muri bei Bern. Bild: KEYSTONE

Keine Zahlen, kein Problem?

Auch der Schweizerische Fussballverband (SFV) weiss von keinen Vorfällen im Stadion bei Spielen der Nationalmannschaft: «Wir haben in der Schweiz weder Erhebungen noch Fälle, die nahelegen, dass Übergriffe im Stadion häufig passieren», sagt der Sprecher des SFV gegenüber watson.

«Solange wir keine Hinweise haben, dass das in der Schweiz ein Problem ist, sehen wir auch keinen Handlungsbedarf.»
SFV-Sprecher

Der Verweis auf fehlende Zahlen zu geschlechtsspezifischer Gewalt während oder in Zusammenhang mit Fussballspielen zieht sich denn auch wie ein roter Faden durch die Recherche für diesen Artikel.

Man könnte dies wie der SFV auslegen: Ist keine Häufung von Fällen bekannt, besteht auch kein Handlungsbedarf.

Schaut man aber auf die Zahlen zur Verbreitung sexualisierter Gewalt in der Schweiz, kommen Zweifel an dieser Darstellung auf: Fast zwei Drittel der Frauen in der Schweiz über 16 Jahre haben bereits sexuelle Belästigung erlebt, die meisten im öffentlichen Raum. Nur ein Bruchteil davon hat dies zur Anzeige gebracht. Drei von vier Frauen wünschen sich gemäss der Studie des Forschungsinstituts «gfs.Bern» ausserdem mehr Massnahmen in der Bekämpfung sexualisierter Gewalt.

Überblick über die Zahlen zu Gewalt an Frauen in der Schweiz:

Für Vorfälle, die sich innerhalb der Sportvereine ereignen, stehe die Stiftung «Swiss Sports Integrity» als Anlaufstelle zur Verfügung, so der SFV-Sprecher gegenüber watson. Möchten Fans Übergriffe anzeigen, falle dies in den Zuständigkeitsbereich der Behörden.

«Wir kommen dann zum Zug, wenn der Spielbetrieb betroffen ist.»
SFV-Sprecher

Schutzkonzepte und Awareness kommen in Deutschland schon zum Einsatz

Der SFV zeigt sich jedoch nicht abgeneigt, künftig Schutzmassnahmen auszuarbeiten, sagt ein Sprecher gegenüber watson:

«Wenn es gesicherte Zahlen über eine Häufung von Fällen in der Schweiz gäbe, würden wir selbstverständlich Massnahmen ergreifen.»
SFV-Sprecher

Wie solche Massnahmen aussehen könnten, zeigen jüngste Bestrebungen in Deutschland.

2018 hatte die mutmassliche Vergewaltigung einer 19-Jährigen in einem Fan-Sonderzug von Mönchengladbach die Fussball-Szene erschüttert. Verschiedene deutsche Clubs arbeiteten in der Folge Schutzkonzepte aus. Auf Fan-Initiative entwickelte das «Netzwerk gegen Sexismus und sexualisierte Gewalt» daraufhin ausserdem einen Handlungsleitfaden zum Schutz der Betroffenen.

An der aktuellen Fussball-EM in Deutschland kommt zudem ein digitales Meldesystem zum Einsatz, in dem jegliche Formen der Belästigung direkt erfasst werden können. In den Stadien selbst sind Awareness-Teams vor Ort, die in Notfällen angesprochen werden können.

A woman wearing the German colors cheers on the tribune prior to the World Cup group E soccer match between Germany and Japan, at the Khalifa International Stadium in Doha, Qatar, Wednesday, Nov. 23,  ...
2023 waren in Deutschland fast 40 Prozent der Fussballfans Frauen. Bild: AP

Es würde an ein Wunder grenzen, blieben sexuelle Übergriffe gerade im Schweizer Fussballstadion aus. Dass es dort aber weder niederschwellige Melde- noch Anlaufstellen für sexuelle Übergriffe gibt, erschwert ein realistisches Abbild der Situation.

Vielmehr zeigt der Blick nach Deutschland und nach Grossbritannien, welche Formen der Gewalt zutage treten, wenn im und abseits des Stadions genau hingeschaut wird – und Betroffenen Gehör geschenkt wird.

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73 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Patzi-89
22.06.2024 20:07registriert März 2022
Wieso ist so viel Gewalt nötig? Wieso ist so viel Alkohol nötig? Wieso haben diese Männer ihre Emotionen bei/nach Fussballspielen nicht im Griff? Wieso können diese Männer ihren Alkoholkonsum nicht richtig einschätzen? Wieso müssen diese Männer die Konsequenzen nicht tragen? Wieso werden diese Männer sogar noch geschützt von anderen Männern? Wieso nur!? Wieso müssen diese Männer macht gegen unschuldige ausüben? Wieso müssen diese Fragen überhaupt gestellt werden!?
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Demetria
22.06.2024 15:59registriert März 2020
Naja, die Fans vom FC Schaffhausen haben ja ein mehrere Meter langes Transparent in die Höhe gehalten:

"Winterthurer Frauen fi... und verhauen!"

Klar existiert das Problem in der Schweiz nicht: die Männer haben ja richterlich beschlossen, dass das Problem nicht existieren darf. Ein männlicher Richter urteilte, dass das Banner legal und harmlos wäre.

Kein Wunder schwafeln die Schweizer Männer die Gleichstellung wär erreicht: sie haben ja ne geile Zeit.

Artikel von Watson:
https://www.watson.ch/sport/fussball/658596584-richter-toleriert-dieses-umstrittene-banner-in-schweizer-fussballstadien
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Thor Mjölnir
22.06.2024 17:00registriert August 2022
Was soll diese Gewalt gegen Frauen. Sind das alles besoffene, blöde Göhler, die zu Hause ihren Frust ablassen. Wie kann man nur. Die Frauen sind das Beste was Männer haben.
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    Schon wieder Einschränkungen auf SBB-Strecken
    Zwischen Zürich und Aarau ist es am Freitagnachmittag zu mehreren Störungen im Bahnverkehr gekommen. Pendlerinnen und Pendler brauchten Geduld.

    Die SBB-Strecke zwischen Aarau und Olten war am Freitagnachmittag zwischenzeitlich nur eingeschränkt befahrbar. Mittlerweile verkehren die Züge auf dieser Strecke wieder normal. Grund dafür war laut SBB ein Fremdereignis.

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