Fliegende Pyrofackeln, Zusammenstösse mit Stadionpersonal oder Polizei, Schlägereien zwischen verfeindeten Fans – diese Bilder zirkulieren in den Medien und in der Politik, wenn von Gewalt an Fussballereignissen die Rede ist. Über eine spezifische Form der Gewalt während oder in Zusammenhang mit Fussball-Grossereignissen wird dagegen selten gesprochen: geschlechterspezifische Gewalt gegen Frauen.
Studien aus England haben gezeigt, dass grosse Fussball-Turniere die gemeldeten Fälle von häuslicher Gewalt in der Vergangenheit ansteigen liessen.
UN Women Deutschland wies vergangene Woche zum Start der Fussball-Europameisterschaft auf die Gefahr partnerschaftlicher Gewalt bei Fussballturnieren hin und forderte politische Massnahmen.
Doch warum nimmt die Gewalt gegen Frauen während grossen Turnieren zu?
Wie sich Alkohol und Emotionen auf die Dynamik häuslicher Gewalt während und nach Fussballspielen auswirken, hat eine britische Studie untersucht, die im Februar erschienen ist. Für die Studie wurden individuelle Anrufdaten am Tag von grösseren Fussballspielen aus dem Grossraum Manchester über einen Zeitraum von acht Jahren analysiert.
Während des Spiels nahm die Gewalt für etwa zwei Stunden ab, nach dem Spiel stiegen die Gewaltvorfälle allerdings an, so das beobachtete Muster in der Gewaltdynamik. Der Höhepunkt war jeweils etwa zehn Stunden nach dem Spiel erreicht, wo die Zunahme 10 Prozent im Vergleich zum sonstigen Mittel betrug.
Der Effekt liess sich für Fussballspiele nachweisen, die am Nachmittag stattfanden, und wurde fast ausschliesslich durch Männer, die Alkohol konsumiert hatten, ausgelöst. Bei abendlichen Spielen sei keine signifikante Zunahme der Gewalttaten zu beobachten.
Die Zunahme der Gewalt bei Fussballereignissen erklärt sich die Studie hauptsächlich durch den erhöhten Alkoholkonsum. Verstärkte Emotionen während des Spiels würden zwar nicht direkt zu einem Anstieg der Gewalt führen, wohl aber dazu, dass mehr Alkohol konsumiert werde und dies einen Einfluss auf die Gewaltbereitschaft habe.
Die Gewalt nach Fussballspielen finde nicht im luftleeren Raum statt und sei weder ausschliesslich auf Fussball noch auf Alkohol zurückzuführen, schlussfolgern die Studienautoren und -autorinnen. Bereits andere Studien hätten aber beobachtet, dass Sportevents wie grosse Fussball-Turniere zu Spitzen bei den Fällen gemeldeter häuslicher Gewalt führen.
Wie sich der Spielausgang auf die Gewaltvorfälle auswirkt, untersuchte eine weitere britische Studie. Dabei zeigte sich, dass die Wahrscheinlichkeit, häusliche Gewalt zu erfahren, während der Europa- oder Weltmeisterschaft um 26 Prozent stieg, wenn England gewann oder unentschieden spielte, und um 38 Prozent, wenn das Nationalteam verlor.
Während es für Grossbritannien Studien zur häuslichen Gewalt während grossen Fussball-Turnieren gibt und in Deutschland eine Recherche des öffentlich-rechtlichen Fernsehens erstmals Zahlen zu sexuellen Übergriffen im Stadion erhob, tappt man in der Schweiz weiter im Dunkeln.
So weiss das Bundesamt für Polizei (Fedpol) von keiner Erhebung, die sich dem Thema der häuslichen Gewalt im Kontext von Fussballspielen annimmt, dies liege in der Zuständigkeit der Kantone, so das Fedpol gegenüber watson.
Beim Schweizerischen Fussballverband (SFV) sieht man keine Notwendigkeit für präventive Massnahmen im Bereich der häuslichen Gewalt. Die britische Studie, die früh stattfindende Fussballspiele mit einem Anstieg der häuslichen Gewalt in Verbindung bringt, sei dem Verband bekannt. Man halte den Kausalzusammenhang zwischen Fussballspielen und Gewalt aber für «fragwürdig», so ein Sprecher des SFV gegenüber watson.
Ohne die entsprechenden Zahlen bestehe für den SFV auch kein Handlungsbedarf für gezielte Kampagnen. Man hoffe aber, so der Sprecher, dass die vom SFV geführten Alkohol-Präventionskampagnen indirekt auch einen verringernden Effekt auf geschlechterspezifische Gewalt hätten.
Doch nicht nur im häuslichen Umfeld, auch im Stadion selbst kommt es zu Übergriffen gegen Frauen. Eine kürzlich erschienene Investigativ-Recherche des deutschen ARD-Videoformats Vollbild lässt die Dimension des Problems der Übergriffe erahnen.
Abwertende Kommentare, ungewollte Berührungen, K.-o.-Tropfen, Anpinkeln – das sind nur einige Beispiele, die in der Dokumentation von Betroffenen geschildert werden. Die Recherche zeigt auch: Untersuchungen zu sexualisierter Gewalt im Fussballstadion fehlen bisher weitgehend.
Mangels Statistiken hat das «Vollbild»-Team deshalb selbst eine deutschlandweite Umfrage in Fussball-Fankreisen gestartet, an der über 2500 Personen teilnahmen, knapp die Hälfte davon Frauen. Das Resultat der nicht-repräsentativen Umfrage: Fast jede vierte Frau gab an, mindestens einmal einen sexuellen Übergriff im Stadion erlebt zu haben. Bei den Männern waren es ein Prozent.
Auch in der Schweiz wird das Ausmass sexueller Übergriffe im Fussballstadion statistisch nicht erfasst. Eine Sprecherin des Fedpol sagt auf Anfrage von watson:
Das Fedpol beteiligt sich am Informationssystem «Hoogan», in dem Gewaltvorfälle in Stadien im In- und Ausland sowie dagegen ergriffene Massnahmen gelistet werden. Während dort jede einzelne gezündete Pyrofackel erfasst ist, sucht man die Kategorie der sexuellen Übergriffe vergebens.
Auf die Frage, warum dies nicht erfasst werde, verweist das Fedpol auf das Konkordat über Massnahmen gegen Gewalt anlässlich von Sportveranstaltungen. Dort wird definiert, was als gewalttätiges Verhalten gilt – eine explizite Nennung von sexualisierter Gewalt fehlt.
Auch der Schweizerische Fussballverband (SFV) weiss von keinen Vorfällen im Stadion bei Spielen der Nationalmannschaft: «Wir haben in der Schweiz weder Erhebungen noch Fälle, die nahelegen, dass Übergriffe im Stadion häufig passieren», sagt der Sprecher des SFV gegenüber watson.
Der Verweis auf fehlende Zahlen zu geschlechtsspezifischer Gewalt während oder in Zusammenhang mit Fussballspielen zieht sich denn auch wie ein roter Faden durch die Recherche für diesen Artikel.
Man könnte dies wie der SFV auslegen: Ist keine Häufung von Fällen bekannt, besteht auch kein Handlungsbedarf.
Schaut man aber auf die Zahlen zur Verbreitung sexualisierter Gewalt in der Schweiz, kommen Zweifel an dieser Darstellung auf: Fast zwei Drittel der Frauen in der Schweiz über 16 Jahre haben bereits sexuelle Belästigung erlebt, die meisten im öffentlichen Raum. Nur ein Bruchteil davon hat dies zur Anzeige gebracht. Drei von vier Frauen wünschen sich gemäss der Studie des Forschungsinstituts «gfs.Bern» ausserdem mehr Massnahmen in der Bekämpfung sexualisierter Gewalt.
Für Vorfälle, die sich innerhalb der Sportvereine ereignen, stehe die Stiftung «Swiss Sports Integrity» als Anlaufstelle zur Verfügung, so der SFV-Sprecher gegenüber watson. Möchten Fans Übergriffe anzeigen, falle dies in den Zuständigkeitsbereich der Behörden.
Der SFV zeigt sich jedoch nicht abgeneigt, künftig Schutzmassnahmen auszuarbeiten, sagt ein Sprecher gegenüber watson:
Wie solche Massnahmen aussehen könnten, zeigen jüngste Bestrebungen in Deutschland.
2018 hatte die mutmassliche Vergewaltigung einer 19-Jährigen in einem Fan-Sonderzug von Mönchengladbach die Fussball-Szene erschüttert. Verschiedene deutsche Clubs arbeiteten in der Folge Schutzkonzepte aus. Auf Fan-Initiative entwickelte das «Netzwerk gegen Sexismus und sexualisierte Gewalt» daraufhin ausserdem einen Handlungsleitfaden zum Schutz der Betroffenen.
An der aktuellen Fussball-EM in Deutschland kommt zudem ein digitales Meldesystem zum Einsatz, in dem jegliche Formen der Belästigung direkt erfasst werden können. In den Stadien selbst sind Awareness-Teams vor Ort, die in Notfällen angesprochen werden können.
Es würde an ein Wunder grenzen, blieben sexuelle Übergriffe gerade im Schweizer Fussballstadion aus. Dass es dort aber weder niederschwellige Melde- noch Anlaufstellen für sexuelle Übergriffe gibt, erschwert ein realistisches Abbild der Situation.
Vielmehr zeigt der Blick nach Deutschland und nach Grossbritannien, welche Formen der Gewalt zutage treten, wenn im und abseits des Stadions genau hingeschaut wird – und Betroffenen Gehör geschenkt wird.