«Ende der Chemiegläubigkeit» – 40 Jahre Brand von Schweizerhalle
Remo Gysin erwachte um 5 Uhr morgens. Ein Gestank und Durchsagen von Streifenwagen rissen den damaligen SP-Regierungsrat aus dem Schlaf. Während die Sirenen im Kleinbasel heulten, blieben sie im Grossbasel stumm, sodass die Polizei auf der Strasse mit Lautsprechern informieren musste.
Wenige Minuten später erhielt Gysin, der das damalige Sanitätsdepartement leitete, einen Anruf vom Krisenstab. Um 6 Uhr gab es bereits Entwarnung. «Aus meinem Blickwinkel war das zu früh – man konnte zu jenem Zeitpunkt das Ausmass noch nicht einschätzen», sagt der Alt-Regierungsrat 40 Jahre danach gegenüber der Nachrichtenagentur Keystone-SDA.
Eigentlich begann die Katastrophe schon am Vortag. Am 31. Oktober beobachteten kurz vor Mitternacht Bahnangestellte schwarzen Rauch beim Sandoz-Werk. Sie meldeten dies aber nicht, da sie es als normal einstuften, wie die Historikerin Jelena Stefanovic schreibt. Um 0.19 Uhr wurden eine Polizeipatrouille und ein Sandoz-Mitarbeiter gleichzeitig darauf aufmerksam.
Beim Lokalsender Radio Basilisk gingen um 0.30 Uhr erste Meldungen von Hörerinnen und Hörern ein. Das Radio kommunizierte anschliessend fortlaufend in den frühen Morgenstunden und empfahl, zu Hause zu bleiben und Fenster und Türen zu schliessen.
Gleichzeitig rückte die Feuerwehr zu einem Grosseinsatz aus. Obschon 392 Mann gegen die Flammen ankämpften, konnten sie den Brand lange Zeit nicht unter Kontrolle bekommen. Fässer explodierten, was den Brand laufend nährte. Das Feuer erfasste über tausend Tonnen diverser Chemikalien.
Remo Gysin verlangte an jenem Samstagmorgen eine ausserordentliche Sitzung, wie er sich weiter erinnert. Der Regierungspräsident habe dies abgelehnt, da der Vorfall in die Kompetenz des Krisenstabs und der Polizei gefallen sei, so Gysin. Auch dieser Entscheid der Regierung habe «nicht zur Beruhigung beigetragen».
Verwirrung um den Schulbetrieb
Unvergesslich blieb dieser Tag auch für Katja Hugenschmidt. Sie ist heute Präsidentin von Ökostadt Basel, einer Umweltschutzorganisation, die als Reaktion auf den Unfall von Schweizerhalle gegründet wurde.
Am 1. November 1986 war sie als Sekundarschullehrerin im Einsatz. Für Verwirrung sorgte an jenem Samstagmorgen die widersprüchliche Kommunikation: Zuerst hiess es schulfrei, was die Behörden dann wieder rückgängig machten.
Hugenschmidt entschied sich, den Unterricht dafür zu nutzen, mit den Schülerinnen und Schülern über das Geschehene zu sprechen. Sie selbst sei an jenem Tag sehr aufgebracht gewesen, während viele der Jugendlichen aus dem Kleinbasel erst gar nicht realisierten, was vorgefallen war.
Das grosse Fischsterben
Bei den Ärztinnen und Ärzten meldeten sich nach dem Unfall insgesamt 1252 Menschen. Sie litten vor allem unter Reizungen der Atemwege und der Augen sowie unter Übelkeit. Asthmatiker beklagten eine Verstärkung ihres Leidens.
Für die Bevölkerung gab es zwar rasch Entwarnung, doch für die Umwelt blieb der Vorfall verheerend: Das mit Chemikalien verunreinigte Löschwasser gelangte in den Rhein. Bereits am 1. November 1986 berichtete die Nachrichtenagentur Keystone-SDA von einem Fischsterben. In den folgenden Tagen wurden unzählige tote Fische geborgen; auch Hunderte Kilometer rheinabwärts war das Massensterben sichtbar.
Katja Hugenschmidt erinnert sich an die aufgescheuchte Stimmung in der Stadt. «Man hat mit wildfremden Menschen auf der Strasse gesprochen», sagt sie. Als sich der Rhein rot färbte und tote Fische zu sehen waren, sei reichlich Wut spürbar gewesen. Die Chemiekatastrophen von Bhopal 1984 und Seveso 1976 sowie der Nuklearunfall von Tschernobyl 1986 waren in Erinnerung, schienen aber weit. «Man hatte das Gefühl, bei uns passiere so etwas nicht», sagt Hugenschmidt.
Remo Gysin beschreibt die Stimmung nach dem Brand ähnlich: erst Angst und Verunsicherung, dann Wut und schliesslich Kopfschütteln. Der Unfall habe das «Ende der Chemiegläubigkeit» in Basel eingeleitet. Dass der Brand in einer Lagerhalle und nicht in der Produktion ausbrach, hätte zudem kaum jemand erwartet.
Rückblickend sagt er, Sandoz habe zunächst versucht, den Unfall «herunterzuspielen». Die Katastrophe habe gezeigt, dass die Eigenverantwortung der Firmen damals nicht funktioniert habe und es Auflagen brauche. Auch der Kanton sei zu wenig vorbereitet gewesen – die Prävention habe damals nicht funktioniert.
Podiumsgäste fliehen vor Protestierenden mit toten Fischen
Die Reaktionen liessen nicht lange auf sich warten. Schülerinnen und Schüler protestierten am 3. November, dass sie am Samstag trotz Chemieunfalls zur Schule gehen mussten. Sie kritisierten, das Erziehungsdepartement habe sie als «Beruhigungspille für die Bevölkerung missbraucht». Fünf Tage später demonstrierten in Basel rund 10'000 Personen.
Am 9. November 1986 lief ein Podium im Theater Basel aus dem Ruder. Regierungs- und Chemievertreter nahmen teil. Menschen aus dem Publikum legten ihnen tote Fische auf den Tisch und quittierten die Reden mit einem Pfeifkonzert. Als gar Jugendliche das Podium stürmten, flohen die Diskussionsteilnehmer durch die Hintertür.
Die Katastrophe hatte weit über die Region Basel hinaus Folgen. Sandoz bezahlte Schadenersatz von insgesamt 43 Millionen Franken in der Schweiz, Deutschland, Frankreich und den Niederlanden. Schweizerhalle war in der Wintersession des National- und Ständerats ein grosses Thema – die Frage der Kontrolle und Verantwortung gab zu reden.
Zu den wichtigsten Folgen auf Bundesebene gehört die Störfallverordnung von 1991. Diese verpflichtet Betriebe mit gefährlichen Stoffen dazu, Sicherheitsmassnahmen zu ergreifen. Generell wurden der Katastrophenschutz und die Kontrollmechanismen verstärkt – Risikokataster und Rückhaltebecken wurden etwa Pflicht. Basel-Stadt führte zudem ein Chemieinspektorat sowie eine Rheinüberwachungsstation im deutschen Weil am Rhein ein.
Auf juristischer Ebene waren die Folgen weniger stark. Ein Untersuchungsbericht des wissenschaftlichen Dienstes der Stadtpolizei Zürich von 1987 kam zum Schluss, dass mit grösster Wahrscheinlichkeit das Glimmen des Farbstoffes Berliner Blau den Brand ausgelöst hatte.
Die Baselbieter Staatsanwaltschaft ermittelte gegen mögliche Sandoz-Verantwortliche, stellte das Verfahren jedoch 1992 ein. Lediglich der ahnungslose Einsatzleiter der Werkfeuerwehr und der Leiter des Werksicherheitsdienstes erhielten Geldbussen. Das Strafgericht warf ihnen vor, beim Reinigen des Areals Sorgfaltspflichten verletzt zu haben. (sda)
