Die Schweiz blieb lange von Katastrophen verschont – diese «Lücke» wirkt weiter nach
Die Erinnerung verblasst rasch. Als vor sechs Jahren die Covid-Pandemie über die Welt hereinbrach, diskutierte man hierzulande aufgeregt über die Wirksamkeit von Masken, die Verhältnismässigkeit von Schutzmassnahmen oder den wuchernden Föderalismus.
Dass hundert Jahre zuvor während der Spanischen Grippe – der grössten demografischen Katastrophe der Schweiz im 20. Jahrhundert – sehr ähnliche Fragen durchdekliniert wurden, daran erinnerte sich kaum jemand mehr. Die Diskussion begann wieder bei null.
Dasselbe Phänomen zeigt sich bei Naturkatastrophen. Als 2017 ein Bergsturz das Bündner Dorf Bondo verwüstete und acht Menschen tötete, sass der Schock tief. Dabei hätte man auch hier auf altes Erfahrungswissen zurückgreifen können. Denn das Geröll traf hauptsächlich ein Neubaugebiet, der alte Dorfkern blieb verschont. Während die Vorfahren noch wussten, bis wohin man bauen konnte, ist dieses «Katastrophenwissen» verloren gegangen.
Die Nebenwirkungen einer langen Glückssträhne
Diese kollektive Amnesie lässt sich mit dem Konzept der sogenannten «Katastrophenlücke» des Historikers Christian Pfister erklären. Zwischen 1806 und 1881 verloren über 650 Menschen bei Lawinen, Bergstürzen oder Unwettern ihr Leben, davon 457 allein beim verheerenden Bergsturz von Goldau SZ. Die Gefahr war stets präsent. Und die Politik reagierte darauf, sie korrigierte Flüsse oder forstete Wälder auf.
Dann folgten fast hundert Jahre trügerische Ruhe: Die Schweiz blieb bis weit hinein ins 20. Jahrhundert vor schweren Katastrophen verschont. Diese Glückssträhne führte dazu, dass die beträchtlichen Risiken fast vollständig aus dem Bewusstsein der Menschen verschwanden. Die Behörden und die Politik liessen daraufhin die Vorsorge schleifen. In der Schweiz war ja, so die Erinnerung, noch nie etwas Grösseres passiert. Selbst Versicherungsexperten glaubten, das Elementarschadenrisiko in der Schweiz sei «nicht erheblich».
Erst der Grossbrand auf dem Basler Chemie-Areal Schweizerhalle 1986 zeigte brutal auf, dass die Schweiz für Grossereignisse ungenügend gewappnet war. Das giftige Löschwasser gelangte in den Rhein und vernichtete den Fischbestand bis nach Mannheim. Ein Jahr später schlug auch die Natur zu: Im Alpenraum kam es zu extremen Überschwemmungen.
Seither kehrt die Erinnerung langsam zurück. Die Schweiz begreift sich nicht mehr als Insel der Glückseligen. Bund, Kantone und Gemeinden rüsteten nach, auch in die Katastrophenvorhersage. Mit Erfolg: In Blatten VS konnten alle ausser einem Einwohner rechtzeitig vor dem einstürzenden Berg evakuiert werden.
Es braucht mehr als publikumswirksame Massnahmen
Bei der jüngsten Brandkatastrophe von Crans-Montana handelt es sich zwar nicht um ein Naturereignis. Dennoch reiht sie sich ein in die Liste von Unglücken, denen derselbe fatale Irrglaube vorausging: Solche Club-Brände mit «Wunderkerzen» passieren weit weg, etwa in Nordmazedonien, wo vor Jahresfrist in einer fast identischen Tragödie 63 Menschen starben – aber doch nicht in der gewissenhaft durchorganisierten Schweiz.
Die «Katastrophenlücke» hält für die angelaufene Aufarbeitung der Geschehnisse in Crans-Montana eine Lektion bereit. Die zuständigen Schweizer Behörden müssen nicht nur die richtigen Schlüsse ziehen, um künftige Brandkatastrophen zu verhindern. Damit allfällige neue Brandschutzvorschriften oder strengere Kontrollregime längerfristig wirken, muss zudem das historische Risikobewusstsein wieder geschärft werden. Denn die besten Präventionsmassnahmen laufen ins Leere, wenn die Erinnerung an die zu verhindernde Katastrophe zu verblassen beginnt.
Das wird unweigerlich passieren, insbesondere in einer schnelllebigen Welt, in der eine Krise die nächste jagt. Die Jahre ziehen ins Land und dereinst könnte es unter Gastronomen heissen: Diese Brandschutzregeln sind lediglich behördliche Schikane, wann ist denn je etwas passiert? Oder die Behörden verzichten auf Kontrollen, weil im Erfahrungshorizont der künftigen Verantwortlichen der Name Crans-Montana nicht mehr mit der Katastrophe verknüpft ist. Deshalb braucht es aktive Arbeit an der Erinnerung, um eine erneute «Katastrophenlücke» zu verhindern.
Der Brand von Glarus 1861 zerstörte rund 600 Häuser, also zwei Drittel des Orts, und sorgte für weltweites Aufsehen. Das Ereignis war ein Katalysator für strengere Bauvorschriften und löste eine Welle der Solidarität aus. Direkten Einfluss hatte die Katastrophe auch auf das Versicherungswesen. Weil die Gebäudeversicherung heillos überfordert war, entstand die erste Schweizer Rückversicherung, die heutige Swiss Re. Im besten Fall wird Crans-Montana zu einem solchen Weckruf, der im Gedächtnis bleibt. (aargauerzeitung.ch)
