Die Schweiz hat so viele Wölfe wie nie – und trotzdem reissen sie immer weniger Schafe
Der Wolf breitet sich weiter aus in der Schweiz. Auch nördlich der Alpen gibt es seit geraumer Zeit Rudel. So etwa im Wägital im Kanton Schwyz, nahe der Grenze zu Glarus.
Wölfe aus dem Chöpfenberg-Rudel haben in den letzten Monaten Schafe und Ziegen gerissen. Die Risse entfachen die nächste emotionale Diskussion um das Grossraubtier und seine Ausbreitung in der Schweiz. Mittlerweile ist klar: Der Kanton Schwyz durfte zwei Drittel der Wolfswelpen präventiv abschiessen.
Damit schiesst und streitet die Schweiz weiter. Doch die Zahlen zeigen etwas Erstaunliches: Es gibt so viele Wölfe wie nie, aber immer weniger Risse.
In der Schweiz gibt es so viele Wölfe wie noch nie
Im vergangenen Jahr streiften 43 Rudel durch die Schweiz, rund 350 Wölfe. So viele waren es seit der Rückkehr des Wolfs in die Schweiz noch nie. 1995 wanderte der erste Wolf aus Italien ins Wallis ein, 2012 gründete sich am Calanda das erste Rudel.
Seither ging es schnell. 2020 lebten in der Schweiz zehn Rudel und etwas mehr als 100 Wölfe. Fünf Jahre später hatte sich die Zahl der Rudel vervierfacht.
Der Wolf lebt dabei längst nicht mehr nur im Wallis und in Graubünden. 2025 bestätigte die Stiftung Kora erstmals ein Rudel im Kanton Obwalden und ein neues im Kanton Neuenburg. Im Kanton Schwyz zieht das erwähnte Chöpfenberg-Rudel seine Kreise. Der Kanton Zug rechnet ebenfalls mit mehr Wölfen.
Mehr Wölfe, mehr Rudel, mehr Kantone: Eigentlich müssten damit auch die Risse zunehmen.
Und trotzdem reissen sie weniger
Bei den Nutztierrissen zeigt die Kurve allerdings in die andere Richtung. Auf dem Höhepunkt 2022 verzeichnete die Stiftung Kora knapp 1800 gerissene Nutztiere. Bis 2025 schrumpfte die Zahl um mehr als die Hälfte auf knapp über 800.
Ganz vergleichbar sind die Zahlen des Bundes allerdings nicht: Seit 2025 vergütet er nur noch Risse bei geschützten Herden oder wenn danach Sofortmassnahmen folgten.
Der Bund zählt nur die Risse, die er vergütet. Bis 2024 waren das alle gefundenen, seit 2025 fehlen die ungeschützten.
Bei den Kantonen ist nicht immer klar, was sie zählen. Die Kantone Wallis und Tessin etwa erfassen weiterhin alle Risse. Die neuen Regeln könnten aber dazu führen, dass Halter ungeschützte Risse seltener melden, weil sie dafür kein Geld mehr bekommen.
Findet niemand den Kadaver, lässt sich ein Riss meist nicht nachweisen. Tiere, die verschwunden bleiben, fehlen deshalb oft in der Statistik.
Der Trend zeigte sich aber schon vorher. Bis 2024, als der Bund noch jeden Riss vergütete, sank die Zahl um gut einen Drittel. Und auch die Kantone, die häufig alle Risse zählen, meldeten für dieses Jahr weniger Risse.
Bis Ende Juli rissen Wölfe während der Alpsaison laut der Gruppe Wolf Schweiz (GWS) gut 180 Nutztiere, im gleichen Zeitraum des Vorjahres waren es etwas mehr als 400.
Im Wallis zählte der Kanton bis im Oktober 264 gerissene Nutztiere, im selben Zeitraum 2025 waren es rund 315. In Graubünden sind es bis Ende September 128, nach 189 im selben Zeitraum im Vorjahr.
Wie sich Ober- und Unterwallis unterscheiden
Welche Aspekte des Wolfsmanagements wie stark mit den rückläufigen Zahlen zusammenhängen, lässt sich noch nicht abschliessend sagen. Herdenschutz und Regulierung spielen aber grosse Rollen. Hinweise liefert das Wallis.
Bis Mitte Oktober 2026 rissen Wölfe im Oberwallis 185 Nutztiere bei 75 Angriffen. Im Unterwallis waren es deutlich weniger: 79 Tiere bei 32 Angriffen.
Das, obwohl es im Unterwallis laut Kora mehr Rudel gibt: fünf Schweizer und zwei grenzüberschreitende. Im Oberwallis sind es je zwei Schweizer und zwei grenzüberschreitende Rudel. Das könnte am Herdenschutz liegen: Im Oberwallis rissen Wölfe 86 ungeschützte Tiere, fast die Hälfte aller Risse. Im Unterwallis rissen sie nur 21, gut ein Viertel.
Eine zweite Erklärung findet man bei der Regulierung. Auch hier unterscheiden sich die beiden Kantonsteile. Im Winter vor der aktuellen Alpsaison schoss der Kanton im Unterwallis 20 Wölfe, im Oberwallis 4.
Im Unterwallis rissen Wölfe also deutlich weniger ungeschützte Tiere, und der Kanton schoss deutlich mehr Wölfe. Beides könnte erklären, warum es dort weniger Risse gibt. Wie stark welcher Faktor wirkt, zeigen die Zahlen noch nicht.
Der Herdenschutz wirkt
Eine Kora-Studie von 2022 zeigte jedoch, dass Herdenschutzhunde die Schäden bei Wolfsangriffen deutlich verringerten (54 bis 75 Prozent weniger Risse pro Angriff). In weiteren Fallstudien bewährten sich vor allem korrekt installierte Elektrozäune (mehr als 75 Prozent weniger Schäden).
Auch für den Bund ist der Herdenschutz ein wichtiger Teil des Wolfsmanagements, heisst es im Bericht des Bafu. Laut David Gerke, Geschäftsführer der Gruppe Wolf Schweiz (GWS), gehen die Risse vor allem deshalb zurück. Auch für die Tierschutzorganisation Pro Natura ist klar: Nicht die Abschüsse drücken die Risszahlen, sondern der Herdenschutz.
Dennoch hat der Herdenschutz Grenzen, denn nicht jede Alp lässt sich schützen. Im Oberwallis führt der Kanton die vielen Risse auch auf das schwierige Gelände zurück. Im ganzen Kanton wurden dieses Jahr 44 der 264 getöteten Tiere in Situationen gerissen, die als nicht schützbar gelten.
Auch die Kora-Studie zeigte, dass unübersichtliches, stark zerklüftetes Gelände und ein hoher Waldanteil die Schutzwirkung von Herdenschutzhunden stark beeinträchtigen.
Was bringt die Regulierung?
Der zweite Hebel ist die Regulierung. Seit Ende 2023 können die Kantone Wölfe präventiv abschiessen. Die Stiftung Kora untersucht die Auswirkungen der Abschüsse derzeit in einer Studie, die bis 2029 läuft.
Zwischen September 2025 und Ende Januar 2026 schossen die Kantone 77 Wölfe. Neben dem ausgebauten Herdenschutz führt das Bafu im Bericht den Rückgang der Risse auch auf die stärkere Regulierung zurück. Seit Anfang September läuft die vierte präventive Regulierung.
Einer Mehrheit im Parlament reicht das nicht. Diesen September verlangte es eine Obergrenze für die Wolfspopulation: Überschreitet der Bestand in einer Region diesen Wert, dürfen die Behörden überzählige Wölfe schiessen. Den Vorstoss reichte der Tessiner Mitte-Ständerat Fabio Regazzi ein. Er hält das aktuelle Konzept für gescheitert, weil es zu langsam reagiere und nicht wirke. «Das heutige System ist zu kompliziert und zu bürokratisch», sagte er gegenüber «SRF».
Dennoch bremsen die bisherigen Abschüsse das Wachstum des Wolfsbestands, die Zahl der Rudel steigt aber weiter. Offen bleibt laut Bafu, was mit den Wölfen geschieht, wenn ein Rudel zerfällt. Genau das könnte für die Nutztiere entscheidend sein. Denn es gibt Hinweise, dass Einzelwölfe eher Nutztiere reissen als ganze Rudel.
Ist der einsame Wolf ein Risiko?
Eine Studie aus Italien fand bei umherziehenden Einzelwölfen mehr Nutztiere im Kot als bei Rudelwölfen. Eine Kora-Studie zeigte für die Schweiz: Wo Einzelwölfe nur durchzogen, kam es häufiger zu Schäden als dort, wo sie sesshaft waren. Eine andere Schweizer Nahrungsanalyse fand diesen Unterschied bei den Nutztieren nicht.
Die Forschenden aus Italien erklären ihren Befund so: Einzelwölfe sind meist jung und jagen noch wenig erfolgreich. Zudem kennen sie die wilde Beute im neuen Gebiet nicht, eine Herde finden sie dagegen leicht.
Ob das Problem allein beim Wolf liegt, ist aber offen. Einzelwölfe wandern oft in Gebiete ein, in denen der Herdenschutz noch fehlt. Das könnte die Unterschiede laut Kora miterklären. Auch Gerke von der GWS sagt: In Rudelgebieten ist der Herdenschutz meist besser ausgebaut.
In Italien frassen Wölfe dort weniger Nutztiere, wo ein Rudel lebte. Die Forschenden empfehlen deshalb, stabile Rudel zu fördern, statt Wölfe zu töten. Auch Gerke warnt: Schiessen Wildhüter Elterntiere, verlassen die Jungwölfe das Rudel früher. Das geschieht selten, denn meistens schiessen die Behörden Welpen. Ob Abschüsse in der Schweiz tatsächlich mehr Einzelwölfe erzeugen, lässt sich laut der Stiftung Kora noch nicht sagen.
Reguliert sich der Wolf selbst?
Normalerweise pendeln sich Wolfsbestände ab einer gewissen Dichte von selbst ein: Reviere werden knapp, die Tiere bekämpfen sich häufiger und weniger Welpen überleben.
Laut der Fachstelle Kora ist die Schweiz als Ganzes aber noch nicht an diesem Punkt. Die Rudel pflanzen sich weiter fort, zudem wandern Tiere aus dem Ausland ein.
Gerke sieht das für einzelne Gebiete anders: In Teilen von Graubünden, dem Wallis und dem Tessin regulieren sich die Wölfe seiner Ansicht nach bereits über ihre Reviere. Wer den Bestand durch Abschüsse künstlich tief halte, halte die Population deshalb dauerhaft im maximalen Zuwachs. Die Vermehrung flache nicht natürlich ab, sondern bleibe durch den Eingriff des Menschen hoch.
Inwiefern die Abschüsse diese natürliche Bremse tatsächlich aushebeln oder verändern, analysiert Kora derzeit in der laufenden Studie, die 2029 endet. So lange will die Politik nicht warten: Mit der Obergrenze will das Parlament schon vorher mehr Abschüsse ermöglichen.
Gerke hält das für unnötig: Das bestehende Gesetz biete bereits alle Instrumente, um einzugreifen. Auch im Wägital haben die Wildhüter nun Wolfswelpen geschossen. Ob das die Schafe schützt, zeigt sich im nächsten Alpsommer.
