Tierexperte Andreas Moser: «Die Bejagung von Wölfen dürfte extreme Kosten verursachen»
Seit nunmehr 30 Jahren wandern Wölfe wieder in den gesamten Alpenbogen ein und kehren damit auch in die Schweiz zurück. 2012 entstand das erste Rudel im Bündner Calandagebiet. Doch die Rückkehr dieses Spitzenprädators hat auch alte Ängste geweckt und mit dem Wolfsbestand wuchs auch der Widerstand, etwa von Nutztierhaltern. Dies fand seinen Niederschlag in einer Verschärfung der Politik.
So hat etwa – obwohl das Stimmvolk 2020 eine Lockerung des Wolfsschutzes verworfen hat – SVP-Bundesrat Albert Rösti als Vorsteher des Departements für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (UVEK) eine neue Jagdverordnung durchgesetzt, die den Abschuss ganzer Wolfsrudel erlaubt, sobald ein einziger Wolf des Rudels einmalig Schaden verursacht hat.
Und neuerdings fordert der Tessiner Ständerat Fabio Regazzi (Mitte), zugleich Präsident des Schweizerischen Gewerbeverbandes, in einem Vorstoss den regulierten Abschuss von Wölfen bei Überschreitung eines vordefinierten Schwellenwertes. Bundesrat Rösti unterstützt den Vorstoss. Die kleine Kammer hat Regazzis Motion angenommen, nun geht der Vorstoss an den Nationalrat.
Herr Moser, was halten Sie von der Idee, den Abschuss von Wölfen an einen Schwellenwert zu koppeln, wie es die Motion von Ständerat Regazzi vorschlägt?
Andreas Moser: Ich möchte hier gleich zu Beginn klarstellen, dass ich nicht der politische Gegenspieler Regazzis bin, sondern dass ich die biologischen Fakten anschaue, nach denen eine Wolfspopulation funktioniert. Ich bin auch nicht kategorisch gegen eine Regulierung, wenn sie an die Biologie der Wölfe angepasst ist. Was an diesem Vorstoss auf den ersten Blick verständlich erscheint: Die Wölfe sollen ein rein quantitatives Problem sein. Regazzi ist ja auch Vizepräsident von JagdSchweiz, und Jäger sind gewohnt, dass man Huftiere regulieren muss – die Zahl der Hirsche reduzieren, die Zahl der Wildschweine reduzieren. Aber die Natur funktioniert nicht nach menschlichen Zahlen. Das hat bereits bei den Wildschweinen nicht funktioniert.
Nein?
Nein – je mehr Wildschweine man schiesst, desto mehr gibt es am Ende. Es gibt immer zuerst eine kurze Reaktion, die Bestände nehmen kurzfristig ab, dann kommt die kompensierende Fortpflanzung, und am Schluss haben wir mehr Wildschweine. Das könnte auch bei den Wölfen geschehen. Im Nationalpark gab es ein Rudel, das wurde geschossen, weil Wölfe an der Parkgrenze Rinder angegriffen hatten. Jetzt sind es neu zwei Rudel im selben Gebiet. Wölfe können sich an Bedrohungsszenarien durch die Menschen anpassen. Das haben Jahrhunderte der Verfolgung bewiesen. Es ist nie gelungen, sie auszurotten, ausser im 19. Jahrhundert, als es in der Schweiz praktisch keine Wälder und keine wilden Huftiere mehr gab und die Wölfe ihre Nahrungsbasis verloren hatten. Solange es so viele Rehe, Hirsche, Gämsen und Wildschweine als Nahrung für die Wölfe gibt, können sie sich hervorragend an die Menschen anpassen. Die flächendeckende Bejagung von Wölfen ist zudem extrem aufwendig und wird extreme Kosten verursachen, wie langjährige Erfahrungen in Russland zeigen. Der Versuch, das sogenannte Wolfsproblem auf diese Weise anzugehen, ist aus biologischer Sicht nicht zielführend, weil sofort neue Wölfe aus dem Ausland die leergeschossenen Gebiete neu besetzen.
Sind also die Befürchtungen berechtigt? Wird es immer mehr Wölfe geben?
Mit Abschüssen allein nach Schwellenwerten besteht die Gefahr, dass der Schuss nach hinten losgeht. Es hat sich in den USA gezeigt, dass leergeschossene Gebiete sofort wieder besiedelt werden – mit mehr Wölfen als vorher. Wölfe haben ein eigenes System der Populationsregulierung. Sie sind territorial; eine Familie besetzt ein bestimmtes Gebiet, das ist normalerweise zwischen 100 und 300 Quadratkilometer gross für eine Familie, die aus fünf, in seltenen Fällen bis zu zehn erwachsenen Individuen besteht. Und die sind so unverträglich gegenüber fremden Wölfen, dass sie dieses Gebiet allein für sich beanspruchen. Zerstört man nun diese Familienstruktur der Wölfe, indem man nach rein quantitativen Kriterien wie bei Rothirschen oder Wildschweinen abschiesst, schafft man bei ihnen eine instabile Situation, die sehr negative Folgen auch für Menschen haben kann.
Welche Folgen meinen Sie?
Mehr Schäden, möglicherweise aber auch schwierige Situationen zwischen Menschen und Wölfen. Solche gibt es heute nämlich nicht. Seit der Rückkehr der Wölfe, die vor 30 Jahren begann, haben wir inzwischen im Alpenbogen und im westlichen Mitteleuropa um die 25'000 Wölfe mit Tausenden von Begegnungen mit Menschen. Bisher ist nicht ein einziger schwerer Angriff von Wölfen auf Menschen bekannt, der eine intensive Spitalbehandlung erfordert hätte – geschweige denn ein Todesfall. Wölfe verhalten sich den Menschen gegenüber bei Begegnungen absolut verträglich, weil sie uns dank des bisherigen Schutzes nicht mehr als Feinde wahrnehmen. In der Schweiz, wo es genügend Wildtiere und damit Nahrung für die Wölfe gibt, sind Angriffe von Wölfen auf Menschen kein Thema.
Und die massive Wolfsjagd würde nun diese bisher friedliche Koexistenz gefährden?
Was passiert, wenn Wölfe gestresst sind, hat man in Russland mehrfach gesehen, das ist im Detail beschrieben. Wölfe, die sich permanent auf der Flucht befinden, können auch nicht mehr die ganzen entspannten Sozialstrukturen entwickeln. Die Jungen lernen nicht mehr, sich zu sozialisieren, sondern die sind in einem Dauerstress, weil sie vor Menschen Angst haben wie alle Wildtiere, die bejagt werden. So lernen sie auch nicht mehr, bei Begegnungen mit Menschen entspannt zu reagieren: Angst macht Angst.
Nun hat vor einigen Tagen in Hamburg ein Wolf eine Frau ins Gesicht gebissen. Steigt nicht mit der Zahl der Wölfe auch die Gefahr für Menschen?
Natürlich steigt die Zahl der Kontakte mit Menschen und damit auch die Möglichkeiten, dass sich vor allem junge Wanderwölfe ab und zu in den menschlichen Bereich verirren. Aber wie der Fall zeigt, war es kein bösartiger Angriff, sondern der Wolf war in Bedrängnis und empfand die Passantin, die ihm helfen wollte, als Bedrohung. Gerade bei solchen angespannten Begegnungen verhalten sich aber sicher gut sozialisierte Wölfe gegenüber Menschen in solchen Paniksituationen weniger aggressiv als solche, die bereits in der Jugend die Menschen als Gefahr erlebten, weil sie bejagt wurden.
In Ihrem Buch nennen Sie diese Individuen «Flegelwölfe».
Sie lernen von den Eltern nicht mehr, wie man erfolgreich Wildtiere jagt. Ja, sie holen sich, was sie einfach bekommen, etwa Nutztiere, und wenn sie merken, dass die Menschen Angst vor ihnen haben, wenn sie auf die zugehen, dann lernen sie am Erfolg. Russische Biologen beschreiben ausführlich, was bei einem unbedachten Umgang mit den Wölfen tatsächlich passieren könnte.
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Nicht nur Regazzi möchte die Wolfspopulation massiv regulieren. Auch der Schweizer Bauernverband und der Schweizerische Alpwirtschaftliche Verband begrüssen die Annahme von zwei Motionen, die ihrer Ansicht nach «die Regulierung der rasant wachsenden Wolfsbestände vereinfachen».
Das sind plakative Forderungen ohne Fachkenntnisse. Das wussten unsere vorchristlichen Vorfahren weitaus besser. Während Zehntausenden von Jahren haben die Menschen im Einklang mit der Natur gelebt. Sie sahen sich auf Augenhöhe mit anderen Lebewesen, respektierten diese, empfanden sich selbst als gleichwertigen Teil der belebten Welt. Im Moment, als der Ackerbau begonnen hat, fingen die Menschen an zu rechnen. Auf Italienisch heisst der Bauer il contadino, quello che conta, jener, der zählt. In den letzten Jahrhunderten leben wir in den westlichen Industrienationen in einer extrem materialistischen, das heisst durch Zahlen bestimmten Welt. Dabei blenden wir aus, wie die Natur funktioniert. Natürlich sind Zahlen auch in der Biologie wichtig, aber sie sind nicht das Einzige, was zählt.
Sondern?
Beziehungen. Und das vergessen wir in zunehmendem Masse auch in unserer menschlichen Existenz, in unserer menschlichen Gesellschaft. Die Wölfe funktionieren nach dem Beziehungssystem. Wie die Menschen, deshalb lautet auch der Titel meines Buches «Wölfe – sind sie uns zu nah?»; die Frage bezieht sich nicht nur auf die räumliche Distanz, sondern auch auf die Nähe im Wesen. Und wenn wir eine Beziehung auch zu nichtmenschlichen Arten und nach dem alten Prinzip der ursprünglichen menschlichen Gesellschaften anschauen, dann darf man sie nicht nur nach Zahlen bewerten. In den 30 Jahren, in denen die Wölfe in Mitteleuropa einen absoluten Schutzstatus hatten, waren das die ersten Jahrzehnte seit Jahrhunderten, in denen die Wölfe nicht mehr verfolgt wurden und sich die Beziehung zwischen ihnen und den Menschen normalisierten. Dem steht entgegen, dass die heutige Wirtschaft – und damit die Politik – nach rein quantitativen Berechnungen argumentiert, die auf die Beziehung zwischen Menschen und der Natur keine Rücksicht nehmen.
Für einen Nutztierhalter, dessen Schafe gerissen wurden, ist das vielleicht auch nicht nur eine materielle, quantitative Angelegenheit, sondern mit Gefühlen verbunden.
Natürlich ist das für den, den es betrifft, äusserst unerfreulich. Und ich will die Problematik von Wolfsangriffen auf Nutztiere, wo sie tatsächlich stattfinden, auch nicht kleinreden. Aber Wölfe sind immer etwas ganz Besonderes: Das zeigt jeder Bauernhof, wo Hühner gehalten werden. Dort ist keine Frage, dass die am Abend in den Stall eingesperrt werden müssen. Und wenn dieser Stall nicht gut verschlossen ist, dann ist der Fuchs oder der Marder in der Nacht drin, und am Morgen lebt kein einziges Huhn mehr. Das generiert keine Schlagzeilen. Man weiss, das kann passieren, wenn man nachlässig ist. Eigenartigerweise hat man dieselbe Sichtweise bei Wölfen und Schafen nicht. Man weiss seit zwei Jahrzehnten, dass unbewachte Schafe von Wölfen angegriffen werden können. Aber Politik und Verbände wehren sich mit Händen und Füssen dagegen, entsprechende Massnahmen zu ergreifen. Interessanterweise machen in der Praxis aber viele Nutztierhalter vorwärts mit dem Herdenschutz, was sich an der Abnahme der jährlichen Risszahlen zeigt.
Also mehr Herdenschutz?
Wenn die Gesellschaft zum Schluss kommt, dass die Wölfe ein Teil unseres Ökosystems sein sollen, dann ist es auch die Aufgabe der Gesellschaft, die Massnahmen, die es neu braucht, um die Herden zu schützen, entsprechend zu unterstützen. Eine bessere Behirtung, die den Herdenschutz impliziert, ist eine Win-Win-Situation – auch für die Schafe, weil sie dann besser gehalten werden. Denn gemäss der Datenbasis von Identitas, der Organisation, die im Auftrag der Bundesverwaltung die Statistik der Nutztiere führt, verenden von rund 450'000 Schafen in der Schweiz jedes Jahr 50'000. Nur gerade um die 1000 Schafe, also zwei Prozent davon, sind Wolfsrisse. Mit Herdenschutz kann man diese Zahl noch weiter senken.
Und was sagen Sie Menschen, die sich halt vor Wölfen fürchten? Die es als existenzielle Bedrohung sehen, wenn sie in den Wald gehen und einem solchen Tier begegnen?
Es gibt neue wissenschaftliche Erkenntnisse, die Ängste in einem völlig neuen Licht erscheinen lassen, wie sie entstehen, wie sie weitergegeben werden. Die Angst vor Wölfen ist ein ausgezeichnetes Beispiel, die Angst vor Hundeartigen allgemein; es gibt auch sehr viele Menschen, die Angst vor Hunden haben. Das ist etwas, was in der Psychologie als «spezifische Phobie» gilt. Eine Phobie ist eine Angst, die ohne unmittelbare Ursache entstehen kann. Man kann Angstgefühle nur schon bei der Vorstellung einer Ursache empfinden, ohne dass es dafür einen tatsächlichen Grund – also gefährliche Wölfe – gibt. Und diese spezifischen Phobien können über einen Prozess weitergegeben werden, dem man in der Wissenschaft jetzt in zunehmendem Masse Beachtung schenkt: Epigenetik.
Epigenetik?
Epigenetik ist etwas, bei dem eine Erfahrung eines Individuums Moleküle bildet, die dann Gene steuern, die bestimmte Emotionen auslösen können. Unter anderem Angstgefühle. Diese Steuermoleküle können mit dem Erbgut von einer Generation auf die nächste weitergegeben werden. Man kennt das gut bei traumatischen Störungen, etwa bei Kriegstraumata, sogenannten posttraumatischen Belastungsstörungen. Da haben Menschen, die Kriegstraumata erlitten haben, diese an ihre Nachfahren weitergegeben. Diese zeigten dann traumatische Stresssymptome, ohne dass sie jedoch selbst Gefahrensituationen erlebt oder dass ihre Eltern von ihren Horrorerlebnissen erzählt hätten.
Wie kam man auf dieses Phänomen?
Man hat Ratten darauf trainiert, dass sie bei einem bestimmten Geruch einen Stromstoss bekommen – eine klassische Pawlowsche Konditionierung. Die Nachkommen dieser Ratten haben dann bei diesem Geruch Angstreaktionen gezeigt, ohne je selbst einen Stromstoss erlebt zu haben. Inzwischen haben zahlreiche wissenschaftliche Studien solche Übertragungsvorgänge von Ängsten und anderen Emotionen über Generationen auch bei Menschen bestätigt.
Und die Angst vor Wölfen?
Diese Angst speist sich aus Erfahrungen, aus Berichten über gefährliche Wölfe, die es in früheren Zeiten tatsächlich gab und unter Bedingungen extremer Armut und ökologischem Stress immer noch gibt – etwa in Indien oder im Iran. Bei uns scheinen diese Ängste vor Wölfen bis in die heutige Zeit überdauert zu haben, obwohl es sie 150 Jahre nicht mehr gab. Noch immer haben viele bei Wölfen ein mulmiges Gefühl oder gar Angst ohne reale Grundlage, da es ja bei uns keine Wolfsangriffe mehr gibt, solange diese Wölfe in der Natur genügend zu fressen haben. Und da nun diese Wolfsangst erlebt wird, bieten die Wölfe da draussen in der Natur eine logische Erklärung dafür, auch wenn sie nicht gefährlich sind. Zum Auslösen der Angstgefühle reicht allein die Vorstellung, dass man so einem Tier begegnen könnte. Diese Emotionen schlagen dann durch bis in die Politik: So gilt allgemein akzeptiert, dass jeder Wolf eine Gefahr für Menschen darstellt, wenn er näher als 30 Meter kommt.
Sie schreiben in Ihrem Buch, dass es eine solche spezifische Wolfsangst in der Antike bei Griechen, Römern oder auch Germanen so nicht gegeben habe. Erst seit dem christlichen Mittelalter gelten Wölfe in Europa als kategorisch böse. Wie und warum hat das Christentum den Wolf dämonisiert?
Der Wolf war ein positiv besetztes Lebewesen – allerdings durchaus auch für kriegerische Ideale, es gab etwa Berserkerkrieger, die sich mit Wölfen identifiziert haben und die auch gefürchtet waren. Aber es war ein Wesen, das Respekt genoss, es war ein berechenbares Wesen. Man hat mit ihm gelebt, man hat die Nähe, also die Verwandtschaft mit den menschlichen sozialen Strukturen nachvollzogen, und die Wölfe hatten einen hohen Stellenwert. Die Quellen belegen, dass dann die christlichen Missionare die Wölfe dazu benutzt haben, um die Christen von den Heiden abzugrenzen. Der Wolf ist ein Gotteslästerer, er hebt sein Haupt heulend gegen den Himmel und lästert gegen den Schöpfer, während das Schaf demütig ist und seinen Kopf gegen den Boden senkt. Das Bild der folgsamen Schäfchen unter dem guten Hirten, dem Pfarrer über seiner Gemeinde. Das negative Image der Wölfe wurde unterstützt durch den Umstand, dass Hundeartige damals natürlich eine der schrecklichsten Krankheiten verbreiteten: die Tollwut. Wenn ein Wolf am heiterhellen Tag in ein Dorf eindrang, dann hatte er die Tollwut und biss ein Dutzend Menschen, die dann unter schrecklichen Qualen gestorben sind.
Andreas Moser befasst sich in seinem neuen Buch noch mit weiteren Themen rund um das Verhältnis von Wolf, Hund und Mensch. Sein Ansatz ist dabei interdisziplinär; er verknüpft die neusten Forschungsergebnisse aus diversen Disziplinen wie Biologie, Genetik, Ethnologie oder Archäologie.
